Destroyer Cup in Hoskovice/CZ (Archivversion) Und dann ..

...geht alles ganz schnell. Wenn du führst, ist die Viertelmeile ein echter Kick. Wenn du hinterherfährst, eine Qual. Geschichten vom Drag-Strip.

Was soll das? Man kann sich das sehr ernsthaft fragen. Warum das Ganze? Selbst Speed-Freaks und aufgeschlossene Gelegenheitstäter wie der Autor müssen angesichts der Faktenlage kritisch sein. Warum um alles in der Welt soll man aus dem Stand wie gestochen über gut 400 Meter geradeaus wetzen und dabei Reifen, Kupplung und was sonst noch alles vorsätzlich hinmeucheln? Was kann einen dazu treiben? Eine schöne Frau, ein kaltes Bier? Pustekuchen. Nach der Viertelmeile wartet nichts weiter als ein weiteres Stück ödes, asphaltiertes Rollfeld. Und – wenn es ganz schlimm kommt – auch schon der Gegner.

Trotzdem gibt es Zeitgenossen, die genau dieses Procedere immer und immer wieder mit Begeisterung zelebrieren. Die Antwort muss also irgendwo tief in der menschlichen Natur wurzeln. Warum? Um dieses Mysterium zu ergründen, hilft eine Rückblende ins Kinderzimmer. Motorrad-Quartettspiel, Kawasaki Z 900 und Münch Mammut. »Null auf Hundert in 4,6 Sekunden, sticht!« »5,0.« Peng, pang, fertig. Schön für den Gewinner, kurz und sehr schmerzlich für den Verlierer. Genau das haben wir gebraucht. Und brauchen es auch heute noch. Jedenfalls der männliche Teil der Bevölkerung. Besser sein als andere. Schneller. Das ewige Duell.
Die Hatz über die Viertelmeile: in
diesem Licht betrachtet keine idiotische,
materialmordende Ressourcenvergeudung, sondern die zivile Variante der Befriedigung eines menschlichen Grundbedürfnisses. Kurz und schmerzlos, ohne Tote – und daher gerade für Verfechter der reinen Vernunft eine durch und durch schlüssige
Veranstaltung. Motorsport auf den Punkt
gebracht – wenn man genau nachdenkt.
Warum stundenlang im Kreis rumeiern, wenn wir das Ganze hier und jetzt sofort haben können. Praktisch in Echtzeit. Start, Ziel – fertig. Dazwischen: Gas auf, Gas
zu. Und zwar voll. Nach zehn Sekunden wissen wir Bescheid. Oder nach sieben.
So einfach ist das.
Theoretisch. Wenn es denn so ein-
fach wäre. Unter zehn Sekunden auf 400 Metern – das ist sogar bei abgebrühten
Dynamikern eine rabiate Größe. Für Freunde der gepflegten Halmapartie auf ewig abstrakt. Zeiten um 9,5 Sekunden sind eine Formel, die den in diesem Jahr erst-
mals ausgeschriebenen Destroyer Cup von
Harley zur ehrlichen, unerbittlichen Viertelmeilenschlacht werden lässt. Ausgefahren mit dem ersten Serien-Dragster der Welt. Einem Gerät, das diese Bezeichnung auch verdient. V-Rod-Basis, mächtiger Screaming-Eagle-Punch aus 1300 cm3 Hubraum und eine Menge ausgesuchter Werksteile, wunderschön anzusehen mit ellenlanger Wheeliebar und armdicken Krümmern.
Die Zeit für Ästheten endet freilich, wenn der Motor läuft. Schluss mit Romantik. Stattdessen ein gewaltiger Paukenschlag. Die Erde bebt, der Destroyer lebt, brüllt infernalisch. Da ist sie, diese Ehrfurcht, die einen immer packt, wenn großvolumige Verbrennungsmotoren ungedämpft ventilieren. Der heiße Atem eines wilden Tiers. Es wird ernst.
Und zwar sofort. Kein Training, keine Einstellfahrten, keine Gnade. Es gilt vom ersten Meter an. Vier Mal Qualifying, die beste Laufzeit entscheidet über die Position im Shootout. Dann Mann gegen Mann, wie in einem guten Western. Und noch eine Gemeinsamkeit: Wer schneller zieht, gewinnt. Mit fast 100-prozentiger Zuverlässigkeit.
Der Start. Bereits im Qualifying die entscheidende Größe. Erst recht im direkten Duell. Es ist stets der Start. Der Start entscheidet alles. Und er beginnt schon mit den Minuten davor. Wenn sie zusammengewoben werden, die flüchtigen Spannungsfäden aus ohrenbetäubendem V2-Lärm, den kurzen Gasstößen, dem taxierenden Blick des Gegners und der hundertmal durchdachten Idealchronologie der entscheidenden Zehntelsekunde. Zu einem dichten, alles betäubenden Teppich.
Tombstone, OK Corral vor der Schießerei. Stimmt die Anfahrdrehzahl? Ist sie nicht zu hoch für den Hinterreifen, der
den gewaltigen Schub hart entlang der Schlupfgrenze auf den Asphalt zaubern muss? Sitzt die Gashand locker?!? Anschlag, keine Halbheiten! Bei Gelb raus mit der Kupplung. Auf einen Schlag, den Rest regelt sie von selbst. Aber nicht zu früh. Bloß kein Rotlicht fahren. Ganz cool und spät burnen, sonst musst du zu lange auf den Gegner warten. Und nicht hektisch
in die Startaufstellung. Locker, selbstbewusst. Achte darauf, dass du gerade stehst. Liegt der Daumenschalter in Griffweite? Wenn du den im entscheidenden Moment nicht gleich triffst, trittst du praktisch mit leerem Magazin an. Ladehemmung, ruck, zuck brutal im Begrenzer. Der V2 müsste schon längst kochen, der Oberschenkel tut es definitiv. Ach verdammt, warum dauert das...
Der Starter winkt. Vorrollen durch die Burnout-Pfütze. Dann wieder zurück. Steffen, mein Mechaniker, feudelt den Vorderreifen trocken, bevor der geballte Zorn von 165 PS über den Slick hereinbricht. Das schmale Rädchen muss die Fuhre beim Burnen schließlich halten. Dritter Gang, Vollgas. Kupplung raus. Burnout.
Burnout. Laut und lange. Länger. Im Sitzen, versteht sich. Bis Steffen den Daumen hochreckt. Ganz leicht die Bremse kommen lassen, rausburnen aus dem Wasser-Gummi-Gemisch. Bloß die Suppe nicht auf dem Hinterrad lassen, dann kann man gleich Schlittschuh laufen gehen. Reicht das? Ist die Pelle auf Temperatur? Steffen nickt, drückt den Ersten rein, tritt zurück.
Ab jetzt würden sich selbst Einsiedler einsam fühlen. Zwei Männer, ein Ziel. Schneller sein. Jetzt bloß keine Hektik. Ganz langsam zur Ampel. Stage one,
die oberen weißen Birnen leuchten. Beim Gegenüber auch. Er macht ernst, rollt komplett in die Startposition. Zweimal weiß. Jetzt gilt es gleich. Noch ein bisschen weiter nach vorn. Konzentrier dich, du hast doch alles zig Mal durchgespielt! Noch einen Zentimeter vor. Wann kommt endlich das bescheuerte Weiß? Jetzt, Weiß. Vollgas, Begrenzer, zwei Motoren in anarchischer Aufruhr. Gelb! Kupplung raus, los, schnell der Zweite. Verdammt, schief, ich muss korrigieren. Zu langsam, zu quer, verflucht, zu weit hinten. Wie kommt das? Die Karre muss auf Kurs. Dritter.
Vorbei. Es ist vorbei. Rien ne va plus, nichts geht mehr. Auch wenn ich noch nicht einmal die Hälfte der Distanz hinter mir habe, weiter mit Gebrüll dem Ziel entgegenstürze.
Es ist vorbei. Obwohl Werner, der alte Haudegen, vorher gesagt hat, man dürfe niemals aufgeben, es könne immer noch alles passieren. Tief in mir drin weiß ich: Es ist vorbei.
Vierter, Fünfter, Ziel, Gas weg. Eine Dreiviertellänge Rückstand. Zwei Zehntel, drei vielleicht. In dieser schnellen Welt eine Ewigkeit.
Diese Niederlage sitzt tief, und sie schmerzt. Aber sie tötet nicht. Wie ein Steckschuss im Muskelfleisch. Das verheilt, ist alles lediglich eine Frage der
Zeit. Einpacken, ab nach Hause. Mund
abwischen, weitermachen. Am besten
mit der alles beherrschenden Frage: Wie konnte das passieren? Hat er einfach schneller reagiert? War meine Anfahr-
drehzahl zu hoch? Oder zu niedrig? Er könnte anders übersetzt gewesen sein. Oder mein Luftdruck war zu hoch. Oder vielleicht zu niedrig. Und was ist mit der Kupplung? Rückt die zu langsam ein? Oder zu schnell. Oder zu aggressiv. Wer weiß das schon.
Ich jedenfalls kann es mir nicht erklären, nach den paar Läufen. Mein Gott, ich bin Anfänger. Und lasse mich ein
auf ein Duell mit Wyatt Earp. Oder war
es Doc Hollyday? Trotzdem: Ich will es wissen. Fürs nächste Mal. Und fleißig üben. Dann ziehe ich schneller.

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