Die billige Tour (Archivversion)

Bitumen ist ein Problem. Eines, das auf dem Rücken der Motorradfahrer ausgetragen wird. Was im Fall des querschnittsgelähmten Schulrektors Max Peter Knoblach durchaus wörtlich zu nehmen ist. Bitumen –
das verdeutlicht die Verhandlung um Knoblachs Sturz nur einmal mehr –
ist vor allem ein politisches Prob-
lem. MOTORRAD hat das erfahren, seit rund einem Jahrzehnt. Wir haben alternative Reparaturmethoden propagiert, zusammen mit dem bayerischen SPD-Landtagsabgeordneten Ludwig Wörner Versuchsstrecken initiiert. Ergebnis: Ja, es ginge viel besser. 2003 hat der damalige Verkehrsminister Manfred Stolpe in einem Interview mit MOTORRAD gesagt, diese neuen Verfahren, etwa StoFlex, sollten möglichst schnell »Eingang in die Praxis finden«. Haben sie aber nicht. Anruf bei Alois Mauhart von StoFlex: »Wie hat sich die Nachfrage für StoFlex entwickelt?« »Gar nicht.« »Warum nicht?« »Das hat nicht nur mit Finanzen zu tun. Sondern damit, dass man zugeben müsste, gepfuscht zu haben.«
Max Knoblach stürzte auf einem
mindestens vier Quadratmeter gro-
ßen Bitumenfleck. So etwas dürfte es eigentlich gar nicht geben. Weil die Billigstmethode »Bitumen aufspritzen und absplitten« nur für provisorische Ausbesserungen kleiner Schäden auf wenig befahrenen Straßen taugt. Und auch nur dann, wenn man verstärkt kontrolliert. Sehen sogar die Regelwerke der Straßenbauer so vor. Gängige Praxis ist es trotzdem nicht. Gängige Praxis ist vielmehr, dass solchermaßen »sanierte« Straßen zu einem unkalkulierbaren Risiko werden, insbesondere für Motorradfahrer.
Motorradfahrer wissen das, und die Behörden müssten es wissen. Sie tun jedoch so, als wüssten sie es nicht, ignorierten in mehreren Fällen Hinweise auf solch gefährliche Stellen. Deshalb hatte MOTORRAD eine Datenbank im Netz installiert. Dort konnten Leser auf Bitumenschmierereien hinweisen, und MOTORRAD hat diese Meldungen an die Ministerien weitergeleitet. Ziel dieser Aktion: Wenn auf einer der gemeldeten Gefahrenstellen etwas passiert, kann die Behörde nicht mehr dumm und unwissend tun. Und genau das ist passiert. Ein Motorradfahrer verunglückte tödlich auf einer dem Amt als gefährlich gemeldeten Strecke. Dieses Verfahren läuft noch.
Nicht mehr die Datenbank. Auch wenn es zynisch klingen mag, ein von der Politik provozierter Zynismus: Mit besagtem Unfall hat die Datenbank ihre Funktion erfüllt. Alle vermurksten Reparaturen ließen sich ohnehin nicht erfassen. Dem Motorradfahrer bleibt wohl nichts anderes übrig, als mit dem Schlimmsten zu rechnen.
Gerade auch nach einem Unfall. Das zeigte der Fall Scheffler, über den MOTORRAD ausführlich berichtet hat, und das zeigt das Schicksal von Max Peter Knoblach aufs Neue. Obwohl die Schuldfrage eindeutig geklärt ist, wird das Opfer in die Rolle des Schuldigen gedrängt, zu mindestens 50 Prozent. Als Alexander Scholl, Knoblachs Anwalt, vor Gericht äußerte, dass er die Hoffnung, Gerechtigkeit zu erlangen, längst aufgegeben habe, hat ihm keiner der Richter widersprochen. Weil Bitumenflickerei letztlich eben keine juristische, sondern eine politische Angelegenheit ist. Weil die Pfuscherei klar macht, dass bessere Einsicht –
der Freistaat Bayern hat auf Grund-
lage der MOTORRAD-Datenbank seine Straßenbauämter zu erhöhter Aufmerksamkeit ermahnt – nicht genügt. Sie muss sich auch in Taten beweisen. Und Taten kosten Geld, etwas mehr wohl, als die Sicherheit von so manchem Bürger kosten darf.
Es wäre insofern der Einsicht nicht
nur des Freistaats äußerst förder-
lich, wenn er für seine Sparmaßnahme angemessen, sehr teuer nämlich, bezahlen müsste. Und dabei vielleicht sogar auf die Idee käme, sich selbst der Verantwortung zu stellen. Statt
diese abzuschieben und einen völlig überforderten Beamten nebst einem unbedarften Rechtsanwalt die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen. Und das vor einem Gericht, das von diesem Fall überfordert sein muss, so wie jedes Gericht es ist, wenn es
auf juristischem Wege klären solle, womit andere sich nicht auseinander-
setzen wollen. Was dazu führt, dass letztlich nicht das Problem gelöst wird, sondern nur darüber geschachert wird, wie andere sich aus der Affäre ziehen können – so billig wie möglich.

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