Die Histo-Kräder von Sam McKay Board Track Racer

Vor fast hundert Jahren begründete Board Track Racing den modernen Rennsport. Originalmaschinen von Harley-Davidson, Excelsior, Indian und anderen sind längst unbezahlbar. Die Repliken des Kanadiers Sam McKay sind es nicht.

Foto: Karathomas
Die ersten Motorräder waren eigentlich nichts anderes als motorisierte Fahrräder. Sie sahen kaum anders aus, und die technischen Unterschiede beschränkten sich ebenfalls auf ein Minimum. Aus diesen motorisierten Fahrrädern entwickelten sich schon sehr bald die Vorfahren moderner Rennmaschinen. Den so genannten Board Track Racern zollt eine kleine kanadische Schmiede namens »Firebikes« nun den längst überfälligen Respekt. Hier entstehen in Handarbeit motorisierte Fahrräder nach historischen Vorbildern von Marken wie Indian, Excelsior, Cyclone, Thor oder Flying Merkel. Nach Wunsch des Kunden als
Einzelstück aufgebaut, passen
die mit 50- bis 70-Kubikzentimeter-Zweitaktern motorisierten Maschinen in keine Kategorien deutscher Behörden- oder Fertigungsnorm.
Jenseits dieser Normen allerdings gefallen die Firebikes als bildschöne Reminiszenzen an die Ära der Board Track Racer. Auf hölzernen Rennbahnen, Ovalen mit überhöhten Kurven, kämpften zwischen 1900 und 1920 die schnellsten Motorräder ihrer Zeit um erste Plätze, Geschwindigkeitsrekorde und werbewirksamen Ruhm für ihre Hersteller. Ursprünglich eingesetzt als Schritt- und Tempomacher bei Bahnradrennen, entstand zu Anfang des letzten Jahrhunderts in den USA schnell eine extrem populäre Rennszene mit Motorrädern, und die speziell für die Rennen weiterentwickelten Board Track Racer
aus den Hallen von Indian, Excelsior und später auch Harley-Davidson verfügten schon bald über die für ihre Zeit fortschrittlichste Technik. Eine Technik indes, die vor allem eines zum Zweck hatte: Speed. Soll heißen: Bremsen fehlten den Board Track Racern ebenso wie Kupplung und Getriebe oder Gasgriff. Die Rennen funktionierten ergo nach einem ziemlich simplen Prinzip: volles Rohr, alles, was geht, vom Start weg bis ins Ziel.
An der technischen Potenz der Ahnen will der kreative Kopf und Hersteller der
Firebikes, der 34-jährige Sam McKay, seine Kreationen nicht gemessen wissen.
Seine Histo-Kräder erheben nicht den
Anspruch, originalgetreue Nachbauten zu sein. Sie entspringen McKays Faszination für die Vergangenheit der Bahnmotorräder und einer andauernden Begeisterung für das Fahrrad. »Ich war schon immer ein Bastler«, sagt Sam. »Seit über zehn Jahren schraube ich an allem, was Räder hat, von Autos bis zu Fahrrädern. Und inzwischen schätze ich mich als einen der wenigen glücklichen Menschen ein, der nicht nur
jeden Tag seiner Leidenschaft frönt, sondern damit auch noch sein Geld verdient.«
Dieser selbst verfasste Steckbrief lässt interessante Details unerwähnt. Denn Sam McKay ist nicht nur Bastler, er ist vor allem Customizer. Ein Beruf, der sich nach wie vor der punktgenauen deutschen Übersetzung entzieht. Vielleicht, weil er hierzulande selbst in der expandierenden Tunerszene immer noch extrem selten ist. Ein Customizer ist so etwas wie ein Modeschöpfer in der Welt der zwei- und vier-
rädrigen Spielzeuge. Fred Kodlin ist so
einer in der deutschen Motorradszene, Brabus oder AMG in der Autoszene da-
gegen nicht. Denn die ziehen den Autos überwiegend Potenzhosen an und machen
sie mit viel technischer Raffinesse schnell. Ein Customizer begnügt sich damit nicht, er schafft eine eigene Formensprache.
So wie Sam McKay mit seinen Fahr-
radrahmen, Bikes, die sich irgendwo
zwischen Lowrider und Chopper bewegen. Und eben seit kurzer Zeit auch mit seinen
Motorrädern.
Die Idee, eines seiner Fahrräder zu motorisieren, entstand fast zufällig. Das Gedankenspiel mit dem technisch Möglichen wurde zu einer Herausforderung. Sam besorgte sich ein 50-Kubik-Zweitaktaggregat, wie es in Kanada als Nachrüstmotor für
Räder angeboten wird. Er baute eine Aufhängung für den Antrieb, konstruierte eine geradlinige Kraftübertragung vom Motor zum Hinterrad und verlegte den Auspuff in den Rahmen. Ähnlich wird vor über 100 Jahren Oscar Hedstrom vor einem Fahrradrahmen gestanden und sich konstruktive Lösungen für das erste Motorrad der Firma Indian ausgedacht haben.
Von der erfolgreichen Produktion des fahrbereiten Prototyps, den Sam übrigens ohne Einspruch der lokalen Obrigkeit gelegentlich durch seinen Heimatort Lumsden in Saskatchewan bewegt, war es ein
kleiner Schritt zum ersten Histo-Krad. Zum einen war Sam schon immer von historischen Motorrädern fasziniert. Was auch die 48er-Harley-Davidson beweist, an der er in seiner knappen Freizeit herumschraubt. Zum anderen weiß Sam, dass selbst für Summen jenseits der 25000-Dollar-Marke originale Board Track Racer kaum zu haben sind. Denn die Maschinen sind zu Beginn des letzten Jahrhunderts in sehr kleiner Stückzahl produziert worden, ausschließlich für die Rennen und meist für einen kleinen Kreis von Werksfahrern.
Und weil die Track Racer die technischen Aushängeschilder der Hersteller waren, wurden sie auch damals schon zu exorbitanten Preisen gehandelt. 350 US-Dollar kostete beispielsweise das Vorbild für McKays erstes Histo-Krad, der Indian Model H Racer von 1916. Ein Motorrad mit Zweizylindermotor, Vierventiltechnik und einer Spitzengeschwindigkeit jenseits der magischen 120-mph-Grenze. Anders ausgedrückt: Ein motorisiertes Fahrrad, das über 200 Sachen ging.
Sams Replik sollte eigentlich als Standmodell auf Messen Werbung für Firebikes machen. Doch ein hartnäckiger Kunde schwatzte ihm das Modell ab, und unmittelbar darauf entstand ein zweites Konstrukt nach dem Vorbild einer Flying Merkel von 1914. Auch diese Maschine schnappte sich ein Sammler, sie steht inzwischen
in einem privaten Motorradmuseum. Damit war Bedarf geschaffen für das grüne Bike nach dem Vorbild einer Excelsior von 1916.
Auf die Frage nach den Preisen reagiert Sam fast entschuldigend, denn eigentlich sollten die Retro-Kräder gar nicht zu einer Modellreihe ausgebaut werden. Sie waren für Sam einfach die logische Umsetzung seiner Faszination mit Alteisen. Aber wenn es denn sein muss, nennt Sam Preise irgendwo zwischen 2000 und 4000 Dollar für ein fertiges Modell. Inklusive einer Kupplung, die auch den Pedalbetrieb ermöglicht, und einer Trommelbremse, die auf das Hinterrad wirkt.
Wodurch die Firebikes sich also wesentlich von den historischen Rennmotorrädern unterscheiden, denn die verzichteten ja auf derartigen Ballast, und wenn es mal brenzlig wurde – bei den Board Track Rennen übrigens keine Sel-
tenheit –, dann war des Fahrers
einzige Notbremse eine Unterbrechung der Zündung. Wenig beruhigend, wenn man mit Tempo 200 auf einer Bretterbahn unterwegs ist.
Sams Nachbauten hingegen erreichen be-
schauliche 30 bis 40 Meilen die Stunde. Und seine liebsten Kunden für die
Repliken sind ihm nicht Raser, sondern Bastler wie er. Kunden, die einen Bausatz ohne Motor bei ihm ordern und selber das nötige technische Verständnis für den Motoreinbau mitbringen. Dann liegt der Preis zwischen 500 Dollar für den nackten Rahmen und 1200 Dollar für den Bausatz ohne Triebwerk. In Anbetracht der Tatsache, dass jeder Rahmen nach Wunsch gestaltet werden kann, nicht eben eine überzogene Vorstellung.
Mehr unter www. firebikes.com

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