Die Höhepunkte der Intermot 2008 (Archivversion) Vom Rhein ins Vergnügen

Über 200000 Besucher, über 1000 Aussteller aus über 100 Ländern. Die Kölner Messehallen direkt am Rheinufer waren prall gefüllt mit allem, was das Motorradfahrer-Herz höher schlagen lässt. Hier sind die Highlights der Intermot 2008.

Für den Onlinedienst eines großen deutschen Nachrichtenmagazins war schnell alles klar. Der Artikel über die Kölner Intermot pflegt den Katastrophentonfall, den man bei Zweiradthemen gerne anschlägt: In der Überschrift ziehen "dunkle Wolken" über Köln, von schlechter Stimmung ist zu lesen, schließlich wird gar orakelt, dass "mancher Bike-Bauer und großer Japaner die nächsten Jahre nicht überstehen wird".

Nun sind dunkle Wolken über Köln Anfang Oktober kein ungewöhnliches meteorologisches Phänomen, und die Einschätzung von BMW-Motorrad-Geschäftsführer Hendrik von Kuenheim, dass die weltweite Finanzkrise Auswirkungen auf das Motorradgeschäft habe, ist zwar realistisch, doch nicht unbedingt ein Zeichen schlechter Stimmung.

Keinesfalls misslaunig wirkte auch BMW-Entwicklungschef Peter Müller, als er die neue S 1000 RR präsentierte. Technische Details verriet er zwar nicht, zeigte aber ein Teil des Ventiltriebs, einen fast miniaturhaften Schlepphebel. MOTORRAD-Chefredakteur Michael Pfeiffer konnte ihn für wenige Sekunden näher betrachten. Sein Eindruck: Formel-1-Technik für höchste Drehzahlen, vielleicht radial stehende Ventile.

Als zweiter Superbike-Aspirant präsentierte Aprilia die RSV4 einem sichtlich beeindruckten Publikum. Die Fans von Supersportlern fanden eine Menge zu vergleichen, hatten doch Suzuki die GSX-R 1000 und Kawasaki die ZX-6R tiefgreifend überarbeitet, und die Yamaha YZF-R1 mit der neuartigen 90-Grad-Kurbelwelle ließ ihren prickelnd rauen Ton zum ersten Mal öffentlich hören.

Auch die weniger sportliche Art zweirädriger Fortbewegung war gut repräsentiert; hubräumlich absteigend sind hier die Newcomer aus Amerika, Victory, neue Cruiser von Suzuki und Kawasaki sowie die in Hunderten von Details modellgepflegten BMW K-1300-Modelle zu nennen. Nicht zu vergessen die Mittelklasse-Konkurrenten Kawasaki ER-6 und Suzuki Gladius.

Einzig bei den Concept Bikes hätten die Hersteller – löbliche Ausnahme war Honda – selbstbewusster auftreten müssen. Yamaha quetschte fünf Studien, unter anderem mit Brennstoffzelle und E-Motor, auf wenige Quadratmeter und schränkte so die Publikumsfrequenz unnötig ein.

Dennoch, die Kölner Intermot 2008 war alles andere als eine Totenmesse, zeigte auf einer Fläche von fast 17 Fußballfeldern den gesamten Mikrokosmos der Motorradszene. Und in diesem rangierte der Großteil der Exponate auf hohem Niveau. Nicht zuletzt im Bekleidungssektor, wo die Produkte immer ausgefeilter werden. Beispielsweise bei Stadler, dessen Track/Race-Kombination aus einem Leder-Textil-Mix über ein aufwendiges Belüftungssystem verfügt. Oder beim Rennstiefel von Daytona, dem Security Evo, dessen Innenschuh die Gebrüder Frey in Zusammenarbeit mit einem namhaften MotoGP-Fahrer (der aber nicht genannt werden darf!) gründlich überarbeitet haben. Besonders spannend ist auch die C-Change-Klimamembrane des Schweizer Textilveredlers Schoeller, bei der sich die Atmungsaktivität der Außentemperatur anpasst. Was offensichtlich so gut funktioniert, dass die BMW-Entwicklungsmannschaft bei ihrem Textil-Flaggschiff Streetguard die jahrelang bewährte Gore-Tex- nun durch die "Bio-Membrane" von Schoeller ersetzt.

Des Weiteren sticht bei den Münchnern der Textileinteiler "Cover All" (590 Euro) ins Auge, der mit wetter- und abriebfester Außenhaut aus einem Cordura-Laminat sowie einer kompletten Protektorenausstattung alles andere ist als eine luxuriös ausgestattete Regenkombi. Zielgruppe sind Berufspendler auf Big Bikes oder Großraumrollern, die einen vollwertigen Motorradanzug als schnellen Überzug für ihren Business-Dreiteiler suchen.

Ganz groß in die Motorradszene will Puma mit der "Performance Line" einsteigen. Neben bereits bekannten Sport- und Tourenstiefeln hat man das Angebot um sportliche Handschuhe und Lederkombis erweitert, die in Zusammenarbeit mit Dainese entstanden sind. Ein Hingucker: die ultraleichte, eng anliegende Street-Hoody-Jacke mit Kapuze, Protektoren und wasserdichter Klimamembrane (329 Euro).

Mächtig dreht in der kommenden Saison die Lederszene auf. Besonders zufriedene Gesichter sah man bei Gore-Tex. Die Entwicklungs-Crew um Colin Bell und Dieter Grotjohann hat das wasserdichte Leder erfolgreich auf den Weg gebracht: Sieben Hersteller zeigen acht unterschiedliche Modelle, die Spannbreite reicht von Hybrid-Anzügen aus Leder-Textil (Ixs, Kushitani, Stadler) bis hin zu reinen Lederkombis (Alpinestars, Dainese, Gericke, Rukka). Apropos Dainese: Magnet beim großen Meister aus Italien war der im extrem aufwendigen Laserschnittverfahren hergestellte Renn-Einteiler Tattoo YKZ, den es in limitierter Auflage von 300 Stück zum Preis von 2500 Euro gibt – natürlich "Made in Italy". Direkt daneben: der Biosuit, mit dem die Renommiermarke auf dem ersten Nasa-Flug zum Mars im Jahre 2030 zu ganz anderen Höhenflügen ansetzen will. Richtig erdnah wird es dann wieder bei dem Airbag-Projekt, das sich nun im Profi-Renneinsatz bewähren muss, bevor es 2010 auf die Straße kommt. Bereits serientauglich ist der Airbag-Helm "APC" , der in Deutschland von Polo vertrieben wird. Wie effektiv dieser Schutz tatsächlich ist, wird demnächst ein ausführlicher Test in MOTORRAD zeigen.

Ein Highlight in Sachen Leichtigkeit fiel beim Stand von JF Motorsport auf: der Marushin-Crosshelm RS-MX, der mit 850 Gramm eine neue Bestmarke setzt. Kostenpunkt inklusive Doppel-D-Verschluss aus Titan: ab 399 Euro. Die passende Highend-Crossbrille gibt es bei Uvex. Die Variotronic (zirka 400 Euro) verfügt über eine Flüssigkristall-Scheibentechnik, bei der man zwischen hell und dunkel umschalten kann. An der Umsetzung für ein Visier wird derzeit noch gearbeitet.

Ansonsten geht der Trend bei den Hutmachern weiterhin stark in Richtung Multifunktion: modular aufgebaute Helme, die sich vielfach wandeln lassen. So wie der Jethelm Nolan N 43, der sich per ansteckbarem Kinnteil in einen Integralhelm verwandelt. Arai-Besitzer sollten sich das neu entwickelte Pinlock-Visier anschauen, bei dem die Innenscheibe bündig in das Visier eingelassen ist und für eine beschlagfreie Durchsicht sorgt.

Während es vor zwei Jahren eine regelrechte Schwemme an neuen Kommunikationssystemen für Helme gab, wurden diese nun meist nur weiter verfeinert. Interessant ist jedoch das Angebot von Kommunikationsprofi Baehr, dessen neuer Sonic 2-Helm mit einem individuell nach Kundenwunsch zusammengestellten Audiosystem ausgerüstet wird. Sogar ein MP3-Player kann im Helm integriert werden.

Einzig bei der GPS-Navigation fehlte auf der 2008er-Intermot der Hingucker oder eine neue Gerätegeneration. Dazu GPS-Spezialist Jo Glaser von Touratech: "Das, was der Biker an der guten alten Landkarte schätzt, gibt es leider noch nicht im Navi-Format."

Bleibt unterm Strich: Das Lastenheft für die MOTORRAD-Redakteure ist gefüllt. Es gilt, zahlreiche Motorräder, Produkte und Trends in bewährter Testmanier kritisch unter die Lupe zu nehmen. Und gegen das, was aus dunklen Wolken fällt, kann man sich mit der richtigen Kleidung wappnen. Besser als je zuvor – das hat die Intermot eindrucksvoll gezeigt.

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