Die Metaphysik des Windes Aero-Dynamik

Leben in Fahrt heißt Leben im Wind. Der Fahrtwind ist ständiger Begleiter, Freund und Rivale, Last und Lust.

Foto: Archiv
Großes Fahrtwind-Spezial in MOTORRAD
Großes Fahrtwind-Spezial in MOTORRAD
Wir Motorradfahrer sind es selbst, welche die Luft in Bewegung bringen, spüren allzeit Gegenwind. Ein echter Schelm dieser Fahrtwind. Kommt immer von vorn, bläst uns den warmen Geruch frisch geschnittenen Heus unter den Helm, weht den Duft von Frühlingsblumen herüber. Verfrachtet aber auch
bei lauem Lüftchen zielstrebig Pollenkörner in die Nase von
Allergikern, beschießt Augäpfel mit unvorsichtigen Insekten. Und liefert uns sinnliches Erleben: Der angenehm kühlende Hauch im Sommer, der beißend kalte Herbststurm – was bekommt der Autofahrer in seiner vollklimatisierten Kabine davon mit?
Kraft kostet er, der Fahrtwind. Ab Tempo 80 bis 100
wird der Luftwiderstand zum stärksten aller Fahrwiderstände. Aus sanfter Brise wird tosender Sturm, zerrt an Kopf und Nackenmuskeln und beansprucht bei Topspeed den Großteil des verbrauchten Benzins. Kein Wunder, denn doppeltes Tempo heißt vierfacher Luftwiderstand. Bei 200 km/h sind die hemmenden Kräfte bereits sechzehnmal so groß wie bei Tempo 50. Auf längeren Autobahn-Etappen pendelt sich ohne Verkleidung die Reisegeschwindigkeit früher oder später so um die 140 ein. Mehr kostet zu viel Sprit und Kraft, Druck und Windgeräusche werden zu stark. Ganz allgemein empfinden wir mit zunehmender Geschwindigkeit die Luft wesentlich kälter als sie tatsächlich ist (Windchill-Effekt). Wie sich verschiedene Motorrad-Gattungen in der Praxis und im Windkanal hinsichtlich Windschutz und Akustik schlagen, erläutert MOTORRAD-Techniker Waldemar Schwarz ab Seite 40.
Ein Ergebnis: Luxustourer lassen fast vergessen, dass man mit doppelter Orkangeschwindigkeit durch die Luft pflügt. Steil und großflächig stehen die elektrisch hochgefahrenen Windschilde auf einer Honda Pan European oder Yamaha FJR 1300 im Fahrtwind. Das ist nicht nur eine Glaubensfrage – siehe Seite 48; es rächt sich dann, wenn der Sog nach vorn zieht, der Luftstrom hinter den mächtigen Verkleidungen einfällt und kühl von hinten in den Nacken kriecht, der am nächsten Tag unangenehm steif ist.
Die Suche nach Speed. Wer dauerhaft schnell sein will, muss dem Wind seinen Schneid abkaufen. Unvergessen die Weltrekord-Jagd von Ernst Henne, der kürzlich seinen 100. Geburtstag feierte. Nach mehreren Weltrekorden seit 1929 kam er im Jahr 1937 auf phänomenale 279,5 km/h. Die Vollverschalung der 500er-BMW mit dem Königswellen-Kompressor-Boxer umgab den liegenden Henne fast vollständig – »die Henne und das Ei«. Nur der Kopf lugte leicht hervor, gekrönt vom Helm mit langem, aerodynamisch wirksamem Entenbürzel. Keine andere Funktion haben neumodische Höckerkombis.
Mit einer solchen bekleidet, erzielte Loris Capirossi vor einigen Wochen auf der Zielgeraden des Circuito Catalunya von Barcelona während Testfahrten einen neuen Rennstreckenrekord. 347,4 Sachen rannte seine perfekt verschalte Ducati Desmosedici. Aber schnell sein auf den Geraden ist nicht alles, wie
die famos gut fahrbaren Honda RC 211 V und Doktor Rossi auf der Yamaha YZR-M1 beweisen. Der einstige Superbike-Champion Carl Fogarty spürte gern den
»ehrlichen Fahrtwind«, kategorisch lehnte Foggy hoch gewölbte Bubbel-Scheiben ab. Nur auf den schnellen Kursen von Hockenheim oder Monza ließ er sich
von der Stoppuhr zu besserer Aerodynamik – der Lehre vom Strömungsverhalten der Gase – bekehren.
Die Erkenntnisse der »Aero-Dramatik«, wie sie ein Maschinenbau-Professor einmal nannte, waren bereits in den vollverkleideten GP-Racern der 50er Jahre verwirklicht. Ihre Rundum-Bugverkleidungen verbargen das Vorderrad und zähmten dadurch die Turbulenzen, die ein frei angeströmtes Rad sonst verursacht. »Blauwale« standen in einer Startreihe neben »Delfinen«, ihre Spitznamen machen Sinn, denn Stromlinienform hilft im Wasser wie in der Luft: Die Physik fasst Gase und Flüssigkeiten auch als »Fluids« zusammen – beide Aggregatzustände sind formvariabel und unterscheiden sich durch Dichte und kompressibilität.
Schnittig huschte die legendäre Moto Guzzi V8 von 1957 durch den Wind, die rund 80 PS, die ihr komplexer 500er-Motor leistete, reichten für etwa 280 km/h Topspeed. Doch die weit über die Maschinenmitte reichenden Schutzschilde solcher Renner
boten Seitenwind jede Menge Angriffsfläche samt unerbittlichem Hebelarm. Nach einer Reihe schwerer Unfälle wurden sie schließlich verboten. Ähnlich zugeknöpft wie damalige GP-Bikes gibt sich die Kawasaki ZX-12R, ist aber trotz merklicher Seitenwindempfindlichkeit viel besser fahrbahr. Ihre im Windkanal optimierte Form ließ sie auf Anhieb die 300-km/h-Grenze sprengen.
Es ist diffizil, die Macht des Windes zu brechen, die Luft wegzuschieben, zu verdichten und zu zerteilen. Wir fahren eben nicht durchs »Nichts«, wenn wir über die Autobahn fegen, sondern durch leibhaftige Materie, spürbar auch am Luftdruck: Ein Kubikmeter Luft, also 1000 Liter, hat in Meereshöhe bei 20 Grad Celsius eine Masse von 1,2 Kilogramm. Da müssen wir durch. Zum Glück, denn ohne den darin enthaltenen Sauerstoff, 280 Gramm, läuft ein Verbrennungsmotor nun mal nicht.
Sich dem Fahrtwind beugen? Muss gar nicht sein. Schon ein Tankrucksack kann auf einem Naked Bike Wunder wirken. Aber Obacht ist besonders beim Zubehör angebracht, Fahrtwind ist ein ungnädiger Richter. Ralf Schneider gibt ab Seite 50 Tipps, die vor bösen Überraschungen
wie auch schmerzlichen Verlusten bewahren. Gut konstruierte
Universal-Windschilde und Nachrüst-Verkleidungsscheiben, wie
etwa von MRA oder JF Motorsport, erlauben eine persönliche
Anpassung des Windschutzes an die jeweiligen Ansprüche.
Nur Patentrezepte sind schwierig. Zu unterschiedlich sind individuelle Größe und Statur, Stichwort: Rumpflänge, zudem spielen Sitzhaltung, Kleidung und Helm eine wichtige Rolle bei diesem windigen Thema. Erst recht der Maschinentyp, wie Redakteur Stefan Kaschel ab Seite 36 zeigt. Wo liegen die Fußrasten, wie breit ist der Lenker und in welcher Höhe montiert, sitzt man oder frau mehr auf oder im Motorrad? Probieren geht also über Studieren – ein Rat, den man nicht in den Wind schlagen sollte.

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