Die RTLisierung des ZDF (Archivversion) Jagdszenen

Wenn einer tut, was verboten ist, dann hat er mit Konsequenzen zu rechnen. Wenn einer tut, was verboten ist und dabei vom Fernsehen gefilmt wird, hat er mit üblen Konsequenzen zu rechnen. Damit nämlich, spektakulär vorgeführt und öffentlich als Raser vorverurteilt zu werden. Im ZDF zur besten Sendezeit. So wie Ingo Teufel.

Ingo Teufel zupft an seinem Bart, geht in sich. Wie war das, als die Polizisten ihn auf der A1 bei Bremen verfolgten, filmten und stoppten? War es tatsächlich so, wie die Zuschauer es am 27. Juli in der Sendung »ZDF.reporter« serviert bekamen?
Denen wurde Teufel als Verkehrsrowdy übelster Sorte präsentiert, als Motorrad-
raser, der »mehrfach rechts überholt« habe, der den Polizisten mit zwei, drei Schlenkern zu entwischen drohte und die geplagten Verfolger zu waghalsigen Manövern nötigte (siehe Dokumentation rechts). Oder war es anders?
»Der Stau löste sich gerade auf, und mein Pech war wohl, dass ich genau in dem Moment rechts an dem zivilen Polizeiauto vorbeifuhr.« Pech war ebenfalls, dass auf der Rückbank des Wagens ein Filmteam saß, Kamera im Anschlag. Es hatte vom ZDF den Auftrag, Bilder zu liefern.
Bilder von Motorradfahrern, die sich verkehrswidrig verhalten, verkehrsgefährdend sogar, und Bilder einer Polizei, die Rasern und Rüpeln energisch das Handwerk legt. Weil sie nicht durchgehen lässt, was streng genommen zwar nicht erlaubt ist; weil
sie sich sklavisch an die Vorschriften
hält, nicht toleriert, was dem Fließen des Verkehrs zugute kommen könnte. Nämlich, dass Motorradfahrer sich durch den Stau schlängeln. Zugegeben, das tun manche wenig umsichtig, wenig rücksichtsvoll,
wenig souverän. Ein solcher Fahrer aber fand sich während der Dreharbeiten wohl nicht, weshalb die ZDF-Reporter Ingo Teufel so grell inszenieren mussten, um an ihm das erwünschte Exempel zu statuieren.
Das passiert, indem man das Rohmaterial, die Bilder, entsprechend schneidet, montiert und kommentiert. Oft entsteht so, durch die Arbeit der Redaktion, ein neues Bild, eins, das weder mit der Absicht der Autoren noch mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Es entsteht das Bild einer Wirklichkeit, die der Sender dem Zuschauer verkaufen will, in der Hoffnung, mit genau diesem Bild die Zuschauer anzusprechen, zu gewinnen. Anders ausgedrückt: Quote zu machen. Man dürfe die Quote nicht vergötzen, sagte Hans Janke, stellvertretender Programmdirektor des ZDF dem »Stern« anlässlich einer Titelgeschichte zum Thema Glotze und Langeweile. Was Janke noch sagte: »Aber so ein Sender ist eben auf
das ganz große Publikum erpicht.«
Es ist kein Geheimnis, wo das ganz große Publikum für die »ZDF.reporter« herkommen soll: von den Privaten, von deren Boulevardsendungen, die ein Niveau erreicht haben, das, so sollte man meinen, nicht mehr zu unterbieten ist. Das ZDF
versucht es dennoch. Mit Erfolg. Und der heiligt offenbar die Mittel. Intern gilt: besser ein schlechter, ein mieser Stil, der
Publikum anzieht, als guter Stil, der Publikum verschreckt. Selbst Zugpferde müssen mittlerweile damit rechnen, dass ihre Beiträge so zerschnipselt und entstellt werden, dass sie diese selbst nicht mehr wieder erkennen, wie Comedian Bastian Pastewka im »Stern« beklagte. Wenn
weniger prominente freie Mitarbeiter sich
so offen gegen diese Praktiken wendeten,
die auch bei den Öffentlich-Rechtlichen an
der Tagesordnung sind, wären sie um-
gehend keine freien Mitarbeiter mehr.
Unter den Druckmitteln der Anstalt
haben Redakteure ebenfalls zu leiden.
Kein Gerücht ist es, dass auch bei »ZDF.
reporter« die Quote minütlich abgefragt und festgehalten wird, um am Morgen
danach den Redakteur rund zu machen, dessen Beitrag mit einem Absinken der Zuschauerzahl zusammenfiel.
Sogar Michael Darkow, Chef der
GfK-Fernsehforschung, die Quoten erhebt,
sieht die Konsequenzen seines Tuns sehr
kritisch: »Ich finde es erschreckend, mit
welcher Ernsthaftigkeit die Sender auch die dritte Stelle nach dem Komma analysieren«, räumte er dem »Stern« gegenüber ein.
Erschreckend, wenngleich vor diesem Hintergrund nicht verwunderlich, ist, wie Ingo Teufel verteufelt wurde. Ebenso erschreckend, und vor diesem Hintergrund äußerst verwunderlich, ist, wie willfährig Beamte der Bremer Polizei ihre Rolle in diesem vermeintlichen Lehrstück spielten. Dazu äußern wollen sie sich freilich nicht. Hartmut Uhde, der Polizist, der Ingo Teufel duzte und ihm unterstellte, er sei wohl vom Teufel geritten, konstatiert lapidar, er werde keine Fragen beantworten, das sei ein laufendes Verfahren. Stattdessen verweist er an die Pressestelle der Bremer Polizei. Dort meldet sich ein Herr Siemering, und auch der behauptet, er dürfe sich zum konkreten Fall nicht äußern. Die Sendung habe er gar nicht gesehen, und das sei ein weiterer Grund, weshalb er nichts zu sagen habe. Nicht mal Allgemeines zu Richtlinien und Vorgehensweisen der Polizei? Doch. »Es ist nicht üblich, dass wir unser Gegenüber duzen.« Es sei allerdings üblich, rechtliche Hinweise zu geben. Rückfrage: »Gehört dazu, dass der Polizist ein Strafmaß androht, wie in diesem Fall jene 15 Monate Führerscheinentzug, mit denen Uhde Motorradfahrer Teufel konfrontierte?« Das weiß der Pressesprecher nicht.
Er habe doch, repetiert er, die Sendung nicht gesehen. Was im Umkehrschluss heißt, der Pressesprecher kann allgemeine Fragen zur Vorgehensweise der Polizei Bremen nicht beantworten, ohne »ZDF.
reporter« gesehen zu haben.
»Definitiv«, sagt der Heilbronner Rechtsanwalt Ralph Andreß, »ist die Ankündigung, der Führerschein werde wohl für 15 Monate entzogen, keine rechtliche Belehrung. Vielmehr soll diese Äußerung Herrn Teufel einschüchtern. Mit der Androhung überschreitet der Beamte klar die Grenzen seiner Zuständigkeit.«
Das ist den ZDF-Reportern nicht aufgefallen. Hätte es aber. Denn Günther
Neufeldt, stellvertretender Redaktionsleiter des Magazins, erklärt zur Recherche der Sendung: »Sie ist gründlich und kritisch.« Das unterscheide sein »Format« von den Boulevardjournalen der Privaten. Denen es ebenso in der »bildlichen und sprachlichen Aufbereitung« einiges voraus habe: »Auch die ist bei uns sehr sorgfältig.«
Was man in Mainz darunter versteht, zeigt beispielhaft der am 27. Juli ausgestrahlte Motorradbeitrag. Im ersten Teil wird Ingo Teufel als Raser im Stau vorgeführt. Unmittelbar daran schließt sich ein Beitrag über eine Stuntschule an, sprachlich »sehr sorgfältig« aufbereitet mit dem Kommentar: »Die hier haben ihren Führerschein noch.« Gezeigt werden Wheelies, Stoppies, Burnouts. Nachdem sie einen der Schüler gefragt haben, ob er weiter üben möchte, unterstellen die ZDF-Reporter: »Kaum anzunehmen, dass er sich
dafür ein Privatgelände suchen wird.« Dass sich alle Teilnehmer gerade dazu schriftlich verpflichten müssen, diese Kunststücke im öffentlichen Verkehr nicht zu fabrizieren, erscheint weder in Bild noch in Ton. Was dagegen ertönt, ist die plumpe Frage: »Macht das Sinn?« »Ne, eigentlich nicht«, antwortet Instruktor Mika, »aber ist auch egal. Wer fragt nach Sinn?« Ein Affront, diese Erwiderung, wenn das ZDF schon mal nach Sinn fragt. Um gleich darauf munter weiter zu sinnieren. Anlässlich
einer Geräuschmessung, bei der einige Motorradfahrer nicht umhinkommen, den Auspuff zu demontieren. Als sie den Rasthof verlassen, menetekelt es aus dem
Off: »Sie haben die verbotenen Teile im Rucksack dabei. Vielleicht kann man sie ja schon bald wieder gut gebrauchen.«
Ob diese wie weitere Stellen des Beitrags tendenziös wirken, scheint den Reportern prinzipiell egal: »Da wir kein Politmagazin, sondern ein Reportage-Magazin sind, stellt sich diese Frage (nach der
Tendenz) bei uns nicht.« Der stellvertretende Chef, Günther Neufeldt, expliziert, wie man zu den Themen komme: »Wir suchen gesellschaftlich oder politisch relevante Themen... Ausgangspunkt der Themenwahl ist nicht in erster Linie der Auftrag, diese oder jene Gruppe oder Institution
kritisch zu beleuchten, sondern die Frage: Wo finden wir ein aktionsreiches Geschehen auf einem interessanten Themenfeld, das sich für eine Reportage eignet?«
Für den Beitrag über Motorradraser
haben sie dieses »aktionsreiche Geschehen« offensichtlich nicht gefunden. Deshalb mussten sie es inszenieren, mit freundlicher Unterstützung der Polizei und Ingo Teufel als unfreiwilligem Hauptdarsteller.

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