Die Trabers Hochseil Performance (Archivversion) Da oben bist du frei

Den Salto mortale in luftiger Höhe zeigten die 17-jährige Jessica und die 18-jährige Jennifer Traber, Nach wuchs der Artistentruppe »Die Trabers Hochseil Performance«, auf dem Altmarkt in Dresden. Wie machen die das bloß?

Gebannt starren Hunderte von Zuschauern auf die zwei jungen Frauen, die in 40 Meter Höhe Salti zeigen. Jennifer verlagert ihr Gewicht im Trapez, sieht zu ihrer Schwester Jessica auf der Yamaha hoch. Die XT 600 kippt langsam zur Seite, steht Kopf. Die Zuschauer werden still. Und vollendet den Kreis um das Stahlseil. Leicht sieht der dreifache Überschlag aus. Spielerisch. »Jawoll«, kräht der stolze Vater Karl Traber mit Reibeisenstimme ins Mikrofon. Applaus brandet auf.
»Das Dankeschön des Publikums törnt uns an«, sagt Karl. »Die Zuschauer müssen eine Gänsehaut bekommen. Wir wollen aber nicht, dass die Leute sich vor Schreck die Augen zuhalten, weil sie Angst haben, dass wir jede Minute abstürzen«, meint
der 50-jährige Chef der Hochseiltruppe, der 2003 einen Weltrekord aufstellte: 97 km/h mit einer KTM auf einem 300 Meter langen Hochseil.
Als Jessica losdüst, um einen Handstand auf dem Lenker zu zeigen, während ihre Mutter Peggy und ihre Schwestern Jennifer und Joanna sich im Trapez kopfunter hängen lassen, freut sich Manager Andreas Wolf: »Toi, toi, toi, sie lenkt nicht.«
Was für jeden Menschen, der ein Fahrzeug bewegt, selbstverständlich ist, muss sich ein Hochseilartist verkneifen. »Das Motorrad fährt mit Vollgummireifen, die in der Mitte eine Vertiefung haben, auf dem 16 Millimeter dicken Stahlseil wie auf einer Schiene. Wenn Jessica zu lenken versucht, verkantet sich das Vorderrad im Seil, und die Maschine blockiert«, erklärt Karl. »Das wäre tödlich, weil sie dann über die Yamaha fliegt. Das ist, als ob Sie mit 40 km/h gegen eine Hauswand fahren.«
Keine schöne Aussicht. »Wenn man Angst hat, sollte man nicht hochgehen«, sagt Jessica. »Vor dem Auftritt hat man den inneren Flattermann. Feuchte Hände und so. Aber sobald die Musik beginnt und das Motorrad läuft, ist alles vorbei. Wir konzentrieren uns und nehmen nichts mehr wahr. Es ist, als wären wir eingezäunt und ganz allein da drin.«
Schmetterlinge im Bauch hat Jennifer: »Als ob man verliebt ist. Einfach herrlich«, meint sie und lächelt versonnen. »Wir sind ganz hart an der Nadel hängende Adrenalinjunkies«, bringt es Mutter Peggy Traber auf den Punkt. »Das ist die gesündeste Droge der Welt.« Spricht und zieht an der Zigarette. »Klar, wir haben eine Meise«, lacht Karl. »Aber das Risiko ist kalkulierbar. Wir sind keine Mörder oder Selbstmörder.«  
Vor dem Applaus fließt Schweiß: üben, üben, üben. Jeden Tag mindestens zwei Stunden Klimmzüge, Bauch- und Armtraining. »Die Stange, mit der ich übers Hochseil laufe, ist 30 Kilogramm schwer. Tragen Sie die mal 300 Meter. Dann wissen Sie, was Sie getan haben«, erklärt Jennifer, die zusammen mit Jessica trainiert, aber auf keinen Fall Motorrad fahren will. »Mein Revier ist das Seillaufen. Da oben meckert niemand. Da oben bin ich frei.«
Neben dem Krafttraining proben die Schwestern den Ernstfall: »Im Winter, wenn wir nicht auftreten, haben wir schon Wasser über unser Übungsseil gekippt, damit es vereist. Dann ist es rutschig wie Schmierseife«, sagt Jessica. »Ich habe euch schon hundertmal verboten, das zu machen«, regt sich Karl auf. »Das ist saugefährlich.« Jessica grinst: »Jetzt schimpft er. Aber ich möchte nicht wissen, wie er früher war. Für uns ist das wichtig, verschiedene Witterungsbedingungen kennen zu lernen, damit man weiß, so und so verhält sich das Seil, wenn es feucht oder trocken ist.« Denn das Seil lebt. Glauben die Trabers. Karl: »Es vibriert. Es erzählt mir bei jedem Schritt, ob etwas nicht stimmt. Da muss man von Kind an reinwachsen.«
Schon als Vierjährige hatte Jennifer den ersten Auftritt. »Als ich klein war, hat mein Vater mich auf dem Motorrad mit hoch genommen, und ich bin vorn draufgesessen. Ich fand das faszinierend. Von da an wollte ich nur noch Motorrad fahren«, erzählt Jessica. Allerdings nicht auf der Straße. Den Führerschein hat sie nach ein paar Fahrstunden abgebrochen. »Das ist mir zu gefährlich.«
Bei der Hochseil-Ausbildung geht es nicht ohne harte Worte, Blasen und wohlmeinende Attacken ab. Jennifer: »Beim Training hat sich mein Vater schon von hinten angeschlichen und gegen das Seil geschlagen. Anfangs bin ich gefallen. Ich durfte erst laufen, als ich richtig fallen konnte.« Reflexartig und automatisiert müssen die Bewegungen ablaufen. »Die Schrecksekunde kann einem in unserem Beruf das Leben kosten«, erklärt Peggy. Und bei einem Auftritt ohne Sicherung auf 40 Metern Höhe bleibt im Fall des Falles nur ein Rettungsanker: »Ran ans Seil.«
Alle Requisiten samt Mast bringt die Truppe zu jeder Show per Lastwagen mit und baut sie selbst auf. »Da hängen unsere Knochen dran«, erklärt Karl. »Er ist furchtbar akribisch und kontrolliert jede Schraube 30 Mal«, ergänzt Peggy. Bislang fährt Karl auch noch das erste Mal mit dem Motorrad. »Das Seil arbeitet. Es kann nachgeben oder reißen. Wie ein Schlüpfergummi. Wenn ich es zu straff mache und das Motorrad kommt mit vier Personen noch drauf, dann kann die Belastung zu hoch werden. Außerdem würde ich niemals meine Kinder irgendwo raufschicken, wo ich nicht selbst hin kann.«
Seine Frau schon. Die 38-jährige, zier-
liche Peggy steigt auf einen 53 Meter
hohen, schwankenden Antennenmast, auf dessen obersten Podest sie als Abschluss einen Handstand zeigt. Ohne jede Sicherung. Auch beim Seillaufen und der
Motorradshow sind alle außer der zehnjährigen Joanna ungesichert. Nur bei den Salti haben die Schwestern eine Longe um.
Nicht alle Zuschauer bangen um die Artisten. »Es kommt vor, dass einer sagt, spring doch«, berichtet Jessica. Ein Betrunkener hat bei einem Hochseillauf von Jennifer den Bock umgetreten, an dem die Abspannseile für das Hauptseil befestigt sind. »Das war ein gewaltiger Schlag, aber ich habe mich sofort hingehockt, um das Schlingern auszugleichen«, erzählt Jennifer. Die Feuertaufe hat sie bestanden.
»Ich bin unwahrscheinlich stolz auf meine Töchter«, sagt Karl, der sich zurückziehen will. Dieses Jahr haben Jessica und Jennifer bereits drei Weltrekorde eingeheimst: Im März legten sie mit dem Motorrad 21 Salti hin, im Mai überquerten sie auf einem 1150 Meter langen Seil eine tiefe Schlucht im Schwarzwald, und im August fuhr Jessica mit verbundenen Augen Motorrad auf dem Hochseil.
»Dass die ganze Familie mitmacht, ist ein Muss. Wir haben eine Verpflichtung meinen Eltern und meinen Großeltern gegenüber«, so Karl und fügt hinzu: »Toi, toi, toi. Der Zusammenhalt ist da.« Die Töchter nicken. »Bei uns treten nur Trabers auf. Wir sind die einzige rein weibliche Hochseiltruppe, die in Deutschland unterwegs ist«, betont Karl, greift sich ans Oberlippenbärtchen und lacht. »Ich stelle sie als Büchsengeschwader aus Zehlendorf vor.«
Die Trabers leben auf einem 10000 Quadratmeter großen Grundstück bei Oranienburg, wo die Familie samt Oma, fünf Hunden, zwei Hamstern, Papagei und Gecko residiert. »Wir brauchen den Trubel zu Hause«, sagt Jessica. »Joanna ist unser Wirbelwind.«
Nächstes Jahr will Jessica, die ihre Mittlere Reife mit 1,2 abgeschlossen hat, den Weltrekord von Karl offiziell brechen. Schneller als Papa ist sie schon. Obwohl der das ungern zugibt: »Man kann nicht immer gewinnen. Ich habe in meiner Laufbahn gewonnen. Bei mir ist alles unfallfrei abgegangen. Toi, toi, toi.“

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