Die Zugfahrerin (Archivversion) "Ich werde gewinnen"

Von Stuttgart nach Köln – mit der Bahn? Rolf kann Fragen stellen. Und ich dachte, ich komme mal wieder zum Motorradfahren. Na gut, das krieg’ ich hin. Und ich werde gewinnen, will den Pokal.
6.30 Uhr. Start am Redaktionshaus. Das fängt ja gut an! Gleich die erste
Verzögerung. Das GPS-Gerät will nicht funktionieren. Ständig bringt es neue
Anweisungen: »Suche neu starten« oder »Batterie sparen«. Von wegen, ich muss nur aufs Knöpfchen drücken, wie man mir versichert hat. Statt S-Bahn gehe ich lieber zu Fuß zum Hauptbahnhof, vielleicht findet sich bis dahin Empfang. Bis 6.51 Uhr schaffe ich das locker, der Bahnhof liegt Luftlinie exakt 850 Meter entfernt.
Auf Gleis 8 steht der ICE 694 schon bereit, der Bahnsteig ist voll mit Menschen. Wodurch ich mich von den meisten unterscheide: Ich habe kein Laptop dabei. Klar, Berufsverkehr.
Jetzt im ICE nur noch den reservierten Platz finden, und es kann losgehen. Immerhin, wir fahren pünktlich ab. Nur leider rückwärts. Nicht gerade jedermanns Sache und meine auch nicht. Profis hätten das sicher bei der Reservierung verhindert. Egal, dafür herrscht hier im Gegensatz zum hektischen Verkehrsgewühl auf den Straßen Totenstille. Alles schläft, nur ich kämpfe mit meinem Tischchen, das sich nicht ohne Lärm ausklappen lässt. Bin wohl lange nicht mehr Zug gefahren. Das heißt Zug schon, aber nicht ICE. Mit Hilfe meiner netten Nachbarin gibt sich das Tischchen endlich geschlagen und klappt aus. Jetzt erst bemerke ich die vielen Knöpfe und den kleinen Bildschirm vor
mir. Doch 1. Klasse? Nein, wie ich später erfahre, hat fast jeder ICE einen solchen Videowagen. In der 2. Klasse. Na ja, bei exakt 84 Euro oneway darf man ein bisschen Luxus erwarten.
Ob Michael wohl mittlerweile gestartet ist? Eindeutiger Vorteil gegenüber dem Flieger: Die Beinfreiheit ist mindestens dreimal so groß. Die Begrüßung des Zugbegleiters ähnlich freundlich wie vom Flugkapitän, und nach kurzer Zeit rollt die
mobile Getränkestation vorbei. Nachteil: Hier muss man für einen Kaffee löhnen, und zwar nicht wenig. 2,60 Euro für den normalen, 2,80 für ’nen Cappuccino. Kaum habe ich mich häuslich eingerichtet und könnte mir jetzt in aller Ruhe einen Film reinziehen, ist es 7.27 Uhr. Und um 7.28 Uhr heißt es Umsteigen in Mannheim. In sieben Minuten soll es weitergehen.
Wunderbar, der Anschlusszug ICE 604 steht auf dem Bahnsteig gegenüber, und nach etwas Verwirrung ist der richtige Waggon und Platz gefunden. Jetzt geht’s vorwärts (im wörtlichen Sinn), mit der Ausstattung dagegen rückwärts. Nix mehr mit Video. Bleibt noch mein Navi zum Zeitvertreib, das nach wie vor häufig nach
Aufmerksamkeit verlangt. 8.10 Uhr: Halt
in Frankfurt/Flughafen. Michael müsste
inzwischen in Düsseldorf gelandet sein. Hey, was ist los? Eigentlich sollte der Zug doch schon wieder fahren. Um 8.16 Uhr kommt die Durchsage, dass der ICE 604 wegen Gleisbauarbeiten Verspätung hat. Mist, jetzt wird’s eng. Allerdings auch das Wetter immer schlechter. Und bei Regen steigen meine Chancen zumindest gegenüber dem Motorrad, 300 km/h sind dann nicht drin, viel zu gefährlich. Oder wird Rolf trotzdem durchladen, wenn’s frei ist?
8.38 Uhr. Endlich die Chance zum Überholen. Die ICE-Trasse verläuft nun
parallel zur Autobahn, und auf der läuft’s eher zäh, hihi. Die Anzeige auf dem Info-Display steigt schnell in Richtung 300 km/h. Wow, ein Spitzengefühl, zum ersten Mal 300. Mühelos rausche ich an dicken BMW, Mercedes oder Porsche vorbei.
Eine blaue ZZR 1400 kann ich allerdings nirgends ausmachen. Habe ich Rolf abgehängt, oder genießt er bereits das Frühstück? Noch 20 Minuten bis Köln.
Der Dom ist in Sichtweite, die Haltestelle Köln-Messe/Deutz auch – halt, stopp, hier will ich raus. Keine Chance, dieser
ICE hält hier nicht. Die eine Station muss ich mit der S-Bahn leider zurückfahren. Wenigstens haben wir die Verspätung
wieder reingeholt. Pünktlich um 9.04 Uhr kommt der Zug in Köln-Hauptbahnhof zum Stehen. Endspurt. Ich bin die Erste an der Tür. Wo bitte geht’s zur S-Bahn? Runter, rüber, hoch, und siehe da, sofort rollt die richtige Linie ein. Eine Station muss reichen, um mir den Weg zum Tanzbrunnen erklären zu lassen. Na ja, irgendwie durch die Riesenbaustelle, dahinter sei der Tanzbrunnen. Aha. Ein Taxi? Nein, lieber nicht. denn wer weiß, ob und wann ich eins von diesen Dingern erwische.
Die Baustelle ist in der Tat nicht zu übersehen – und Rolf am vereinbarten Treffpunkt ebenfalls nicht. Trotzdem, noch ist nichts verloren. »Und, wie lange bist du schon da?« Rolf grinst und gibt dann zu: »Rund 20 Minuten. Das wird verdammt knapp, vermutlich warst du schneller.« Rolf ist nämlich eine halbe Stunde vor mir in Stuttgart gestartet.

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