Diess, Dr. Herbert: Interview

Dr. Herbert Diess, Chef von BMW Motorrad, zum Medienrummel
um Probleme mit dem Integral-ABS

Sind BMW-Motorräder mit Integral-ABS unsicher?
Nein! Das Integral-ABS ist wie alle BMW-Bremssysteme und Baugruppen umfangreich erprobt, es unterliegt der permanenten Qualitätsüberwachung und erfüllt alle gesetzlichen Bestimmungen und
die darüber hinausgehenden BMW-internen strengen Sicherheitsmaßstäbe.
Wie viele Unfälle aufgrund von Bremsproblemen sind Ihnen bisher bekannt?
Es gab einige wenige Stürze, eingerechnet die bei den Sicherheitstrainings, wo wir unmittelbar mit Maßnahmen reagiert haben. Nach unserem heutigen Kenntnisstand gab es aber keine schweren Unfälle. Seit Einführung des Systems im Frühjahr 2001 zählen wir einige hundert Kunden, die sich bei unseren
Händlern gemeldet haben und mit dem Bremssystem nicht zufrieden waren. Das reicht von Eingewöhnungsschwierigkeiten beim Einsetzen der normalen ABS-Regelfunktion über Beanstandungen bei der Dosierbarkeit bis hin zu tatsächlichen Fehlern, bei denen
das System wie vorgesehen in die mechanisch-
hydraulische Grundbremsfunktion ging. Optimierungsmaßnahmen führten in der laufenden Serie zu einem kontinuierlichen Rückgang dieser Beanstandungen.
Wie reagiert BMW auf die Medien-Kampagne?
Mit Offenheit und sachlicher Aufklärung, die für die Kunden über unsere Händler erfolgen. Bezüglich der Sondersituation Fahrsicherheitstraining erhält jeder Kunde weltweit eine Ergänzung zur Bedienungsanleitung. Mit dem Angebot eines Systemchecks kann jeder Kunde die Bremsanlage seine Motorrads kostenlos überprüfen lassen.
Was wird dabei in der Werkstatt genau gemacht?
Ein kompletter, detaillierter Systemcheck der gesamten Bremsanlage, dazu gehört das Auslesen des Fehlerspeichers, Prüfung des Bremsflüssigkeitsstands und ein Entlüftungscheck, eine Sichtprüfung von Bremsscheiben und -belägen, Prüfung der gesamten Sensorik, der Anzeigen und der Bremslichtschalter.
Zusätzlich wird der Ladezustand der Batterie geprüft.
Was raten Sie betroffenen Fahrern?
Nicht verunsichern lassen. Die teils emotional geführte Diskussion und ein Teil der Medienberichte enthält Schilderungen, die einer sachlichen Prüfung nicht standhalten. Eine Reihe von Zusammenhängen ist, so wie über sie berichtet wurde, schlichtweg falsch! Trotzdem verunsicherten Kunden raten wir, sich an Ihren BMW-Händler zu wenden.
Der komplexe Aufbau des Integral-ABS ist intern nicht unumstritten. Sind Änderungen geplant?
Der von uns betriebene technische Aufwand
ist notwendig, um die umfangreichen Sicherheits-
funktionen zu erfüllen. Dazu zählen die Abhebe-Schutzfunktion, die adaptive Bremskraftverteilung,
die Integralfunktion, die Bremskraftunterstützung und natürlich das ABS selbst. Wir sind überzeugt, mit dem
Integral-ABS in der Summe seiner Eigenschaften das
derzeit leistungsfähigste und beste Bremssystem für Motorräder auf dem Markt zu haben. Größere technische Änderungen sind nicht geplant, und wir sehen auch keinen Grund dafür.
Entwickelt BMW zurzeit neue Bremssysteme für die Zukunft? Werden auch die mit einem elektrischen Bremskraftverstärker arbeiten?
Die Entwicklungsarbeiten am Nachfolgesystem haben bereits vor einiger Zeit begonnen. Sie können davon ausgehen, dass zukünftige Systeme das integrale Konzept konsequent fortführen. Der Technologiefortschritt in den letzten Jahren eröffnet jedoch zukünftig Möglichkeiten, Funktionalitäten des bisherigen Systems auf andere Art als bisher darzustellen. Mehr möchte ich zu diesem frühen Zeitpunkt dazu nicht sagen.

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