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Scheunenfund DKW SB 200 von 1936 Detektivarbeit und Patina

Als historische Quelle dient uns alles, woraus wir Kenntnis der Vergangenheit gewinnen können. Auch die hier gezeigte DKW SB 200 von 1936 hat einiges zu erzählen. MOTORRAD Classic hat ihr zugehört, ihre Geschichte wo möglich ergänzt und aufgezeichnet.

"Und was ist das?" "Eine DKW SB 200 von 1936; ich habe sie vor zwölf Jahren vor dem Schrottcontainer gerettet. Sie wurde seit 1939 nicht mehr gefahren", erklärt mir Klaus Weidmann, Besitzer einer ansehnlichen Sammlung alter Motorräder und der DKW. Das fasziniert mich, kniend quetsche ich mich in die Ecke, in der sie steht, um sie genauer zu studieren. Originale Substanz, viel Rost, Gebrauchsspuren und Patina.

Um ganz sicher bis in die 30er-Jahre zurückzureichen, bohre ich einen Finger ins Kettenfett auf der rechten Motorseite; solchen Anwandlungen kann ich einfach nicht widerstehen. Es fühlt sich ähnlich an wie vor 26 Jahren, als ich meine ­Magisterarbeit in Geschichte schrieb und beim Studium der Akten aus dem 17. Jahrhundert noch den Streusand zum Trocknen der Tinte zwischen den Blättern fand – wie durch einen Schacht zieht es mich in die Vergangenheit. Das dauert nur wenige Sekunden, dann drängt sich das Tagesgeschäft wieder in den Vordergrund, immerhin die BMW R 69 S aus MOTORRAD Classic 3/2014. Doch die kleine DKW SB 200 geht mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf und aus dem Herzen.

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"Ein öliger Lappen steckte noch in der Kerzenbohrung"

Leider weiß Klaus wenig Persönliches über sie. Eine Kette von Assoziationen und Zufälligkeiten hat sie zu ihm geführt; sie zu schildern, widerstrebt jedem Versuch, einen gefällig dahinfließenden Text zu schreiben. Trotzdem muss die Geschichte erzählt werden: Einer seiner Freunde, Dirk Heinze mit Namen und selbst Besitzer einer DKW, hatte sein Auto verkauft. Die Käufer, ein Ehepaar aus Stuttgart und vom Thema Motorrad vollkommen unbeleckt, erkannten „die Ringelchen“ auf dem hinteren Schutzblech von Heinzes DKW SB 200 wieder. „So eine steht auch bei uns seit Jahrzehnten in der Tiefgarage. Vor Kurzem sind die Be­sitzer gestorben, jetzt kommt sie in den Schrott.“

Heinze wollte das Motorrad gerettet wissen, konnte es aber nicht selbst tun und rief deshalb Klaus Weidmann an. Der hakte kurz entschlossen den Transporthänger ans Auto, fuhr nach Stuttgart und lud das Motorrad auf, das schon für den Abtransport zum Schrottplatz auf der Straße bereitstand. „Ich weiß nicht mehr genau, wohin ich damals gefahren bin, es war irgendwo im Norden Stuttgarts“, erzählt Klaus. „Es gab auch keine Papiere mehr für die Maschine. Der Hausmeister hat mir erzählt, dass sie einem jungen Mann gehört hat, der bei Kriegsbeginn zur Wehrmacht eingezogen wurde. Das Motorrad blieb bei seinen Eltern, die selbst aber nie damit gefahren sind. Und nachdem die Eltern gestorben waren, sollte das alte Ding weg. In der Kerzenbohrung steckte noch ein öliger Lappen, der aus einem karierten Hemd gerissen war.“

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DKW SB 200 mit Kennzeichen aus dem Dritten Reich

Für die Wahrheit dieser Überlieferung spricht vor ­allem das originale Kennzeichen aus dem Dritten Reich mit dem Stempel des Landrats und dem Reichsadler, der ein umkränztes Hakenkreuz in den Klauen hält. Mit einem solchen Kennzeichen wäre man weder in der Besatzungszeit noch in der neu gegründeten Bundesrepublik weit gekommen.

Der Code IIIC steht für einen der sogenannten „übrigen Neckarkreise“. In den 30er-Jahren umfasste er die alten württembergischen Oberämter Backnang, Besigheim, Brackenheim und Esslingen. Das Kenn­zeichen eröffnete zumindest eine theoretische Möglichkeit, durch eine historische Halterfeststellung den Namen des ehemaligen Besitzers zu ermitteln, doch die Zulassungsstellen der heutigen Landkreise verfügen nicht mehr über die alten Akten. Da die national­sozialistische Regierung im Jahr 1934 eine „Sammelstelle für Nachrichten über Kraftfahrzeuge“ gegründet hatte, einen Vorläufer des Kraftfahrt-Bundesamts, lag als nächster Schritt eine Anfrage in Flensburg nahe. Die erbrachte zwar einen tiefen Einblick in kuriose Zwänge heutiger Ämtertätigkeit, aber keine Auskunft. Diese hätte mir, wenn sie denn möglich gewesen wäre, aus datenschutzrechtlichen Gründen gar nicht erteilt werden dürfen. Selbst die Auskunft, dass im Zentralen Fahrzeugregister kein Eintrag über das Kennzeichen der DKW SB 200 und ihren Besitzer existiert, erfolgte im Konjunktiv: Wenn ich fragen dürfte, „würde diese Abfrage ohne Ergebnis bleiben.“

Hinweise erwünscht

Auch eine Anfrage an das Bundesarchiv in Koblenz und dessen Außenstelle in Berlin-Lichterfelde blieb ohne Ergebnis, wenngleich nicht ohne weiterführenden Hinweis. Die „Sammel­stelle“ war beim Polizeipräsidenten von Berlin eingerichtet, also sei für die Aufbewahrung ihrer Hinterlassenschaft das Landesarchiv Berlin zuständig. Offenbar ist das Register aber während des Krieges verloren gegangen, denn in den Beständen des Landesarchivs Berlin finden sich keine Halterakten. So bleibt die DKW SB 200 wohl ein Denkmal des unbekannten Soldaten, zumal auch Dirk Heinze den Kontakt zu den Käufern seines Autos verloren hat. Bleibt als allerletzte Möglichkeit und Hoffnung, dass ein Leser dieser Geschichte die Maschine erkennt und den Namen ihres Besitzers oder seiner Eltern nennt.

Veith KR 49 vorn, Dunlop Ballon hinten

Ein eigenes Kapitel in der Geschichte der DKW SB 200verdienen ihre Reifen. Auf dem Vorderrad ist ein KR 49 in der Dimension 3.00 x 19 der Firma Veith aus Breuberg im Odenwald montiert. 1963 wurde Veith von Pirelli übernommen und seit 1986, nachdem Pirelli auch Metzeler gekauft hatte, werden alle Motorradreifen von Metzeler und Pirelli im ehemaligen Veith-Werk in Breuberg produziert. Es gibt dort ein Museum, doch wie einer seiner ehrenamtlichen Leiter, Herr Traugott Hartmann mitteilte, besitzt es keine Daten über den Veith-Reifen auf der DKW.

Der Hinterreifen ist ein Dunlop Ballon der Größe 3.25 x 19. Anhand des Produktionscodes 9A auf seiner rechten Flanke konnte Harald Hielscher von Dunlop in Hanau das Herstellungsjahr 1949 bestimmen. Er ließ es nicht dabei bewenden, sondern appellierte leidenschaftlich an Klaus Weidmann, die DKW SB 200 nicht zu restaurieren und grüßte „mit feuchten Augen“. Noch einer, der gelegentlich die Vergangenheit fühlt. In ­einem ausführlichen Telefongespräch konnte ich ihn beruhigen; es ist nicht geplant, der DKW die Spuren ihrer Geschichte wegzurestaurieren. Nebenbei erfuhr ich, dass die Dunlop-Werke in Hanau und Veith in Breuberg früher pragmatisch zusammengearbeitet haben. „Es gab nicht wenige Dunlops, die bei Veith aus der Form gepurzelt sind und umgekehrt. Mit Produktionskapazitäten wusste man flexibel umzugehen“, erzählte Harald Hielscher. Insofern trägt die DKW eine stimmige Reifenpaarung. Vielleicht heißt der Veith KR 49 ja auch deshalb so, weil er im gleichen Jahr hergestellt wurde wie der Dunlop. Wir wissen es nicht; die Veith-Anzeigen aus dieser Zeit bewerben keine speziellen Reifentypen.

Ein Denkmal für einen unbekannten Soldaten

Warum aber stammt zumindest ein Reifen sicher aus dem Jahr 1949, wenn die DKW SB 200 seit 1939 stillstand? Die Erklärung findet sich auf Seite 291 von Frank Steinbecks Buch „Das Motorrad“. Dort referiert der Autor eine Verfügung des Verkehrs- und Innenministeriums des Deutschen Reiches vom 6. September 1939, wonach Kraftfahrzeuge nur bei öffentlichem Interesse weiterhin zum Verkehr zuzulassen seien. Sie mussten dann mit einem roten Winkel im Kennzeichen versehen, alle anderen stillgelegt werden. „Im Fall der Stilllegung waren die Reifen bis Ende September abzuliefern.“

Die DKW SB 200 hat keinen roten Winkel im Kennzeichen, wurde also tatsächlich im September 1939 stillgelegt, ihrer Reifen beraubt und eingelagert. Sachgerecht mit leerem Tank und einem geölten Lappen in der Zündkerzenbohrung. 1949, sobald es nach der Währungsreform für die neue D-Mark wieder etwas zu kaufen gab, ersetzten die Eltern des Besitzers die von der Wehrmacht requirierten Reifen. Sie hofften wohl, ihr Sohn würde noch heimkehren und wollten für ihn ein fahrfähiges Motorrad bereithalten. Aber er kam nicht mehr.

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