Dötsch-Kawasaki W 650 Flat Tracker (Archivversion) Tracker-Twin

Aus der Kawasaki W 650 hat Bruno Dötsch bereits einen betörend schönen Scrambler (MOTORRAD 4/2006) und einen edlen Café Racer kreiert. Nun zeigt der 50-jährige Thüringer im »Flat Tracker«, dass der japanische Paralleltwin auch als Hom-mage an die US-Rennserie Flat Track taugt. Im Gegensatz zum Scrambler und Café Racer wirkt diese Kreation weniger perfektionistisch und schon gar nicht wie ein potenzieller Oldtimer.
Wie auch, wenn Scheibenbremsen, Gussräder und Upside-down-Gabel eindeutig neuzeitlich sind. Sie stehen im Kontrast zu klassisch inspirierter, fast antiquierter Technik wie Kühlrippen, Kickstarter und Königswelle. Kleinste Mini-Blinker treffen Chromlampe und wuchtigen Frontkotflügel. Sie verleihen dem drahtigen Zwitter eine maskuline Aura. Schlank und rank. Allein der überbreite, hohe und weit nach hinten gekröpfte Lenker sticht heraus.
Der dadurch im Bewegungsspielraum etwas eingeengte Pilot stellt die Füße auf Vollgummirasten ab, parkt die Knie im rechten Winkel neben dem extrem schmalen Zwölf-Liter-Tank einer seligen SR 500. Und pflanzt den Po auf der dünnen, doch breiten und gut gepolsterten Sitzbank. Die hat Bruno Dötsch aus einer Harley herausoperiert und mit seinem ultraknapp geschnittenen Heck gekreuzt. Hat was. Außer einen Soziusplatz, den rudimentären Rasten für einen Passagier zum Trotz.
Auf den ersten Tritt nimmt der schwarz lackierte Langhuber die Arbeit auf. 83 Millimeter Hub haben die 72 Millimeter dünnen Kolben an jedem Totpunkt vor sich. Den E-Starter hat Dötsch
eliminiert. Wenn schon, denn schon. Nach dem Kaltstart etwas früh den Choke zurückgeschoben? Macht nichts. Dann blubbert der Twin mit 600 Touren im Leerlauf, ganz ohne Mucken. Der 650er läuft extrem früh rund und gibt sich für 50 Serien-PS schön bullig von ganz tief unten. Selbst mit warm gefahrenem Motor schaltet man genüßlich bei 3000/min einen Gang höher.
Beim Gaswegnehmen feuern die oben heraus ungebührlich lauten Supertrapp-Auspuffe ein prasselndes Trommelfeuer ab. Ihre Anpassung an Vergaser wie Luftfilter scheint nicht ganz
gelungen zu sein. Bei jedem Hochschalten sackt die Leistung stark ein. Und irgendwo da oben lauert ein kleines Drehmomentloch, ehe der Twin tapfer weiterdreht...
Knackig-straff sind die Wilbers-Federbeine abgestimmt. Weicher federt die voll einstellbare Upside-down-Gabel aus einem ungenannten japanischen Supersportler. Diffizile Arbeit war es, sie mitsamt neuer Brücken an den betagten, wenig steifen Stahlrohrrahmen zu adaptieren. In lang gezogenen Kurven rührt’s mitunter schon mal heftig im Gebälk, nicht untypisch für die W 650.
Moderne Radialreifen, Bridgestone BT 014 in den Formaten 120/70 ZR 17 und 160/60 ZR 17, sorgen für mehr Haftung, als man dem stämmigen Flat Tracker zutrauen würde. Allerdings
erfordern schnelle Schräglagenwechsel überraschend viel Nachdruck. Um dem fetten Heckschlappen in der Serienschwinge
Platz einzuräumen, tun ein anderes Ritzel und eine schmalere Kette Dienst. Fast schon zu brachial fällt die Bremskraft der vorderen
Vierkolbenfestsättel aus. Ist eben doch ein Männermotorrad – im Mini-Format. Und die Original-Teile? Landen bei ebay. tsr

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