Downhill-Vergleich Fahrrad gegen Motorrad (Archivversion) Völlig abgefahren

Sie stürzen sich auf fragilen Gefährten in rasantem Tempo steilste Abhänge hinunter. Sind die Downhill-Boliden vielleicht sogar schneller als eine 50-PS-Enduro?

Der Anblick ist Grauen erregend: überall loses Geröll, spitze Steine, tiefe Furchen, ab und zu meterhohe, senkrechte Kanten. Und es geht bergab, mal fast senkrecht, mal nicht ganz so steil. Da runter? Gut, mit einer Enduro, reichlich Schutzbekleidung, viel Vorsicht und noch mehr Gottvertrauen vielleicht. Aber auf dem Fahrrad mit schmalen Reifen, filigranen Bremsen? Mit dünnen Schuhen, die zudem noch an den Pedalen festgeklickt werden? Never ever, denkt der normale Mensch. Downhill-Profis wie der Franzose Nicolas Vouilloz sind indes keine normalen Menschen, sondern gehören zu einer ganz besonderen Spezies von Extremsportlern. Der Bergab-Tiefflug über spitze Steine ist ihr Alltag. Wir stehen an Nicolas´ Trainingsstrecke nahe Monaco. Unglaubliche zehn Mal war der 30-Jährige Weltmeister, bis auf das Jahr 2000 ohne Unterbrechung pausenlos, schon jetzt ist er eine Legende. Dabei ist Monsieur Vouilloz keineswegs ein völlig abgedrehter Speedfreak, sondern eher der nette Kerl von nebenan, ruhig, ausgeglichen und überaus freundlich. So kamen wir auch eines Tages in der Wartehalle irgendeines europäischen Flughafens ins Gespräch. Mir als Offroad-Motorradsportler und Hobby-Mountainbiker war immer ein Rätsel, wie die Jungs auf ihren Downhill-Maschinen ihre Kamikaze-Aktionen sturz- und verletzungsfrei überstehen. Als Nico erzählte, dass er oft auch mit dem Crosser trainiert, stand plötzlich eine Frage im Raum: Wer ist bergab schneller, Fahrrad oder Motorrad? Schnell wurde ein kleiner Wettkampf verabredet.Logisch, dass die Antwort ganz entscheidend vom Fahrer abhängt. Also musste fürs Motorrad ebenfalls ein Weltklasse-Mann her, einer wie Christian Pfeiffer, Trialakrobat und Stuntman, der die besten Enduro-Cracks etwa beim Erzberg-Rennen bezwungen hat. Einer, der auf dem schmalen Grat zwischen Bergabfahrt und Abflug auf einer derart gefährlichen Piste balancieren kann. Ein Anruf genügt, und Christian sagt ohne Überlegung zu. Zumal er bei der Gelegenheit den Downhill-Champ wiedertreffen kann, gegen den er vor Jahren bei einem Ausflug in den Fahrradbereich schon einmal angetreten war – und natürlich gnadenlos eingedost wurde. Nun werden die Karten neu gemischt, jeder tritt in seiner Paradedisziplin an. Runde 50 PS in der Gas Gas EC 450 gegen - kurzfristig - zwei PS. Die Strecke: xx Kilometer lang, xx Meter Höhendifferenz. Und, wie bereits erwähnt, brutal. Gleich nach dem Start geht es ein paar hundert Meter beinahe waagerecht, damit sich die Downhiller vor dem Abhang warm strampeln können. Und dann kommt die eigentliche Abfahrt. Christian ist überrascht, so hatte er sich das nicht vorgestellt. Ein echter Horror. Als er Nicolas beim Training beobachtet, schwindet die Zuversicht. Sein Speed ist unglaublich, dennoch wirkt alles völlig unspektakulär. Da spritzen keine Steine, schleudert kein Hinterrad, wackelt kein Lenker. Nico schwebt über die Hindernisse. Eine ebenso elegante wie rasante Schussfahrt. Wie das funktioniert, bleibt ein Rätsel. Dagegen ist das Motorrad wild, aggressiv, laut. Die Steine fliegen herum, dicke Brocken rollen den Abhang herunter. Das Hinterrad zieht tiefe Furchen in den Boden, bricht aus, der Lenker schlägt. Dann läuft die Uhr. Auf der flachen Kuppe tobt ein Orkan - leider gegen die Fahrtrichtung. Nicolas startet eine Minute vor seinem Gegner, strampelt nach Leibeskräften los, kommt auf den ersten Metern kaum voran. Verliert beim Start Dutzende Sekunden. Kann er die wieder gut machen? Auf dem Bergabstück findet er schnell seinen Rhythmus, lässt das Fahrrad laufen. Bei 4.50 Minuten bleibt die Uhr stehen. Nicht schlecht für seinen Trainingszustand – er hat bei der WM seine Karriere beendet - und für die brutalen Streckenverhältnisse, aber weit vom Rekord entfernt: 3.58 Minuten, allerdings ohne Gegenwind bei präparierter Strecke und optimaler Vorbereitung.Christian hat die Startprobleme von Nico beobachtet, fährt am Anfang ein bisschen zu aggressiv, verpasst einige Male beinahe die Kurve. Weiter unten passt schließlich alles, wenngleich sich die 450er Gas Gas auf diesem Terrain ein bisschen schwerfällig benimmt. Bei 4.48 Minuten bleibt die Uhr stehen. Gewonnen, das Motorrad war zwei Sekunden schneller. Aber alle sind sich darüber im Klaren, dass Nicolas der moralische Sieger ist. Immerhin erspart ihm die Niederlage die Revanche: Im Fall eines Fahrradsieges hatten wir einen zweiten Teil angedroht: die Uphill-Wertung.

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