Drehmoment oder Drehzahl? Hauptsache, es kommt

Drehzahl oder Drehmoment? Kreischen oder Wummern? Rauchende Reifen oder fliegende Kisten? Wenn zwei sich streiten, freut sich der Leser.

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Was ist besser? Drehzahl oder Drehmoment?
Was ist besser? Drehzahl oder Drehmoment?
Man kann die Sache nüchtern vom technischen Standpunkt aus betrachten. Dann ist nicht zu leugnen, dass man großvolumige Motoren mit reichlich Drehmoment bei niedrigen Drehzahlen braucht. In Schiffen zum Beispiel. Die müssen nämlich ohne Kupplung und Getriebe auskommen. Oder in Traktoren,
wie zum Beispiel einem Lanz. Die müssen schwere Lasten auf zweifelhaftem Untergrund ziehen. Oder in Vierzigtonnern.
Man könnte diese Aufzählung noch lange weiterführen. Motorräder aber würden ganz gewiss niemals darin auftauchen. Weil es keinen Sinn macht. Motorräder haben Kupplung und Getriebe, meistens sogar sechs Gänge. Motorräder müssen keine Rübenhänger ziehen und kein Stückgut transportieren. Motorräder sind Freizeitgeräte. Sie sollen Spaß machen, Lust erzeugen. Und die generiert sich bei allem, was fährt, nun einmal in erster Linie aus Dynamik.
Dazu brauchen sie einen Motor, der Dynamik möglich macht. Welche Eigenschaften ein solcher Motor haben sollte, liegt
technisch betrachtet auf der Hand. Er soll kompakt sein, leicht und stark. Doch das ist nicht alles. Er muss unbedingt hoch
drehen. Aus emotionalen Gründen. Man stelle sich einmal vor:
ein winziger, federleichter, bärenstarker Treckermotor. Töff, töff, töff – schalten – töff, töff, töff – 150 km/h. Spätestens beim
zweiten Anlauf würde man sich fragen, ob man noch alle Rüben auf dem Hänger hat.
Also, Drehzahl muss her. Es muss kreischen. Brüllen. Hyperventilieren. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Stichwort Titan. Zumindest bei den Ventilen. Hat die neue GSX-R 600. Braucht sie auch, weil sie das kann, was einen Motorradmotor ausmacht. Drehen. Immer weiter, immer höher – immer besser. Beinahe grenzenlos. Roter Bereich bei 15500/min. Entspricht 516 Zündungen pro Sekunde. Funkt’s jetzt?
Darüber darf man staunen. Aber das ist gar nicht das Beeindruckendste. Das ist der Weg dahin. Druck aufs Knöpfchen, blamm. Kurze, harte Stöße. Humorlos, trocken. Da holt einer Luft, macht sich warm. Bellt seine Wut heraus, will von der Leine. Heiser, abgehackt. Ein klares Statement, das man erst am Anfang steht. Dass da noch viel mehr kommt. Blitzschnell hoch, blitzschnell runter. Mechanische Wunder finden auch im Digitalzeitalter statt! Und zwar anstandslos. Praktisch ab Standgas. Wer da noch von Schwungmasse faselt, hat nichts verstanden. Der Weg ist das Ziel, und das Ziel ist die Drehzahl. Ist die gnadenlose Dramaturgie, ist der atemberaubende Spannungsbogen, bei dem nur eine entschlossene Gashand den Takt vorgeben kann, während das animalische Quartett unter dir sich langsam, aber sicher zur Extase dreht.
Schon mal Patty Smith gehört? Horses! Die Lady hatte schon den Punk im Blut, als Jonny Rotten noch in Windeln machte. Fängt auch verhalten an. Rauchig, hart. Dann wird sie schneller. Schneller. Schneller. Schneller. Du denkst, mehr geht nicht, das kann sie nicht schaffen. Und dann erst richtig. Stampede. Inferno. Chaos. Dämme brechen. Schaltblitz! 15500/min. Die Nervenenden liegen blank, der ganze Körper ein einziger Muskel. Schalten. Bloß keine Pause.
Es darf noch nicht Schluss sein. Die Welt fliegt, der Puls rast, das Leben ist hier, jetzt. Linker Fuß, klack. Das sitzt. Und wieder brüllt der Vierzylinder. Kreischt sich ins nächste Stakkato, um dich herum tobt der Sturm. Naturgewalten. Der Trip in eine Welt ohne Fesseln. Und noch mal und noch mal. Irgendwann ist alles vorbei. Bist wieder da, im wirklichen Leben, an der roten Ampel, im nächsten Ort. Schüttelst ungläubig den Kopf. Was war das? Wo bin ich hier? Alles nur geträumt? Das kann nicht wahr sein.
Doch, ist es. Ein kurzer Gasstoß reicht, und du weißt: Dieser Kick ist wiederholbar. Es braucht nicht viel. Eine sorgfältig ausgewählte Hausstrecke, einen frühen Sonntagmorgen, angenehme Temperaturen – und eben das richtige Motorrad. Zum Beispiel eine Suzuki GSX-R 600. Mit einem 600er-Reihenvierzylinder. Denn der dreht und dreht und dreht. Und Schluss.
P.S.: Ein Lanz und urgewaltig vorwärts katapultieren! Das glaubt nicht mal ein Vierjähriger. Da hängt ein Bild aber gewaltig schief. Und noch was: Ducati-916-Sound, Termignoni-Schalldämpfer. Da läuft es einem wirklich kalt den Rücken runter.
Aber nicht wegen des massiven Drehmoments. Hatte die nämlich
gar nicht. Dafür war der auf dem 851-Aggregat basierende
Desmo-Twin der erste echte Sport-V2. Und warum? Weil er
drehte! Wenn es sein musste, bis an die 10000er-Marke. Das konnten damals selbst die großen Reihenvierer in einer Yamaha FZR 1000 oder Suzuki GSX-R 1100 nicht viel besser. Darum hat dieser Motor Furore gemacht, setzt heute noch Maßstäbe.
Diesen antiquierten Drehmoment-Stoßstangen-Gewichtsmonstern wird das niemals gelingen. Jedenfalls nicht im Motorrad. Weil es einfach keinen Sinn macht.

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