Erschienen in: 02/ 2016 MOTORRAD

Ducati Multistrada 1200 Enduro im Fokus

Wie positioniert sich die Neue?

"More than Red" lautet der neue Marketing-Claim vom Ducati. Die einstige Supersportler-Marke mausert sich langsam zum Vollsortimenter. Die sehr geländetauglich aufgerüstete Ducati Multistrada 1200 Enduro schottert mittenrein ins Terrain von BMW, KTM & Co.

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aus MOTORRAD 02/2016
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Gebetsmühlenartig hatten es die Ducati-Manager jahrelang wiederholt: Nein, die Multistrada sei nicht als Konkurrenz zur BMW GS gedacht, es handele sich um ein ­anderes Konzept. Der Versuch, die GS zu kopieren, sei immer danebengegangen, so die Bologneser, man wolle sich in diesen Reigen der Erfolglosen nicht einreihen. 

Und jetzt das. Ducati bringt die Multistrada 1200 Enduro, und eindeutiger kann eine GS-Konkurrentin kaum aussehen: hochbeinig und athletisch, mit zugespitztem Schnabel, langen Federwegen, höhergelegtem Auspuff, großem Tank, robustem Motorschutz und Traveller-Koffern als Zubehör. Woher der Sinneswandel? „Ist es gar nicht“, sagt Chefdesigner Gianandrea Fabbro. „Wir haben die GS ja nicht kopiert, wie es andere schon getan haben, sondern ein ­eigenständiges Konkurrenzkonzept aufgebaut.“

Doch wo soll die neue Ducati Multistrada 1200 Enduro im Vergleich zu den zahlreichen anderen Reiseenduros punkten? „Offroad“, antwortet Projektingenieur Davide Previtera wie aus der Pistole geschossen. „Wir sind überzeugt, dass wir die beste Gelände-Performance bieten.“ Ausgerechnet offroad? Bislang nicht gerade eine Kernkompetenz von Ducati. „Stimmt so nicht“, widerspricht der Design-Direktor, der Ingenieur Andrea Ferraresi. „Die ­Cagiva Elefant hat zweimal die Dakar gewonnen, und die hatte einen Ducati-Motor und wurde bei uns entwickelt.“ Doch das war in den 90er-Jahren; um heute im Offroad-Bereich zu bestehen, das gibt das Entwicklungsteam unumwunden zu, habe man sich an aktuellen Motorrädern der Konkurrenz orientiert, speziell an der BMW R 1200 GS Adventure und der KTM 1290 Super Adventure – an der einen wegen der beeindruckenden Verkaufszahlen, an der anderen wegen ihres fulminanten Motors.

Offroad

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Offroad-Referenz: Honda CRF 1000 L Africa Twin  

Foto: Honda  

Das Team entwickelte die Ducati Multistrada 1200 Enduro gleichzeitig mit der neuen Multistrada 1200, die im letzten Jahr auf den Markt kam. Und zwar nicht etwa mit einem simplen Gelände-Kit, sondern als neues Modell. In technischen Daten gesprochen heißt das: etwas kürzerer Radstand, flacherer Lenkkopfwinkel, längerer Nachlauf. Die Einarm- wurde durch eine Zweiarmschwinge ersetzt, für die Entwickler im Gelände die deutlich bessere, weil stabilere Wahl. „Das Motorrad ist praktisch mit dem Fahrer im Sattel entstanden“, erzählt Design-Direktor Ferraresi. „Schon beim Clay-Modell war ein Offroad-Profi dabei, der beispielsweise ausprobierte, ob Fußrasten und -hebel so positioniert sind, dass sie auch für Cross-Stiefel perfekt passen.“ Das hätte man eigentlich gern gesehen, wie die Ducati-Werker da mit Knetmasse um einen Menschen herummodellieren… 

Besonders große Sorgfalt verwendeten die Ingenieure auf die Offroad-Abstimmung der Sachs-Federelemente des semiaktiven Fahrwerks. Mit Erfolg: „Laut unseren Testern meistert die Ducati Multistrada 1200 Enduro im Gelände Hindernisse, die mit der KTM kaum und mit der GS Adventure gar nicht zu bewältigen sind“, erzählt Projektingenieur Previtera, selber ganz begeistert. „Das liegt an der Abstimmung, aber auch an der ausgewogenen Gewichtsverteilung: 49 Prozent vorn, 51 Prozent hinten.“

Ebenfalls zur Offroad- und damit Wüstentauglichkeit gehört der 30-Liter-Tank aus Stahl. Vorn reichlich pausbäckig, verjüngt er sich nach hinten stark, der Übergang zur Sitzbank fällt schmal aus. Das wiederum soll zum einen dem Fahren im Stehen förderlich sein, zum anderen das Erklimmen der 87 Zentimeter hohen Sitzbank erleichtern. Den Auspuff der Ducati Multistrada 1200 Enduro legten die Entwickler höher, „damit Wasserdurchfahrten klappen“, wie Chefdesigner Fabbro zu Protokoll gibt, profanere Gründe gibt es dafür aber auch: Die Touratech-Alukoffer im Dakar-Dress, die es als Zubehör gibt, sehen so einfach viel besser aus. Ein faszinierendes Detail ist der Fußbremshebel aus Stahl, der sich mit zwei Handgriffen einfach umdrehen lässt: Dann sitzt er 15 Millimeter höher und eignet sich deshalb und wegen der gezahnten Oberfläche besser fürs Fahren im Gelände.

Erprobt wurde die Ducati Multistrada 1200 Enduro sogar auf Motocross-Strecken. „Wir wissen natürlich, dass 95 Prozent der Käufer mit ihr nie und nimmer auf die Cross-Piste gehen, dafür ist sie ja auch nicht gemacht“, erklärt Design-Direktor Ferraresi. „Doch wenn das Motorrad unter so extremen Bedingungen funktioniert, bedeutet das einen großen Zugewinn an Sicherheit.“ Ob sich die Enduro offroad aber besser schlägt als unsere Referenz, die neue Honda Africa Twin, darf bezweifelt werden. „Die verfolgt ein anderes Konzept und ist daher nicht mit der Enduro vergleichbar“, protestiert Produktmanager Federico Valentini. „Mit 95 PS fällt die Africa Twin nicht in den Bereich der Maxi-Enduros.“ Stimmt auch wieder.

Motor

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Motor-Referenz: KTM 1290 Super Adventure  

Foto: KTM  

160 PS gibt Ducati für den Desmo-V2 mit variabler Ventilsteuerung an, er stammt vom Multistrada-Basismodell. Bei dem ergab eine MOTORRAD-Messung allerdings nur 150 PS an der Kurbelwelle, während die Referenz in dieser Hinsicht, die KTM 1290 Super Adventure, auf dem Prüfstand immerhin echte 159 PS zustande brachte. Doch übers Fahrvergnügen entscheiden nicht die reinen Zahlen, sondern Ansprechverhalten, Laufruhe und Lastwechsel. Da ist die Ducati Multistrada 1200 Enduro noch eine Unbekannte, denn ihre Riding-Modes wurden neu abgestimmt: „Sie braucht veränderte Algorithmen, denn die Schwungmassen unterscheiden sich deutlich von denen des Basismodells“, erklärt Projektingenieur Previtera. Auf dem Papier stimmen die Voraussetzungen der Enduro für ­einen Platz weit vorn, doch hier kann erst ein Test wirklich Aufschluss geben.

Ausstattung

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Ausstattungs-Referenz: Aprilia Caponord 1200 Rally  

Foto: Aprilia  

Die Ausstattungsliste der Ducati Multistrada 1200 Enduro nimmt schier kein Ende: semi-aktives Fahrwerk, Full-LED-Scheinwerfer mit Kurvenlicht, TFT-Info-Display, abschaltbares ABS, Kurven-ABS, vier Riding-Modes, Traktions- und Wheeliekontrolle, Tempomat, elektronische Anfahrhilfe am Berg, höhenverstellbare Fußbremse, dazu Hauptständer, Handprotektoren, Alu-Spiegel und robuster Motorschutz – „keine andere Maxi-Enduro“, versichert Produktmanager Valentini, „hat eine so umfassende Serienausstattung“. Die hat Ducati mit Bedacht gewählt, um deutlich vor der Konkurrenz zu liegen. 

Ein wenig drängt sich allerdings der Verdacht auf, dass man auch auf die Punktewertung von MOTORRAD schielte, denn gerade sicherheitsrelevante Features bringen bei uns ein ordentliches Plus, erst recht, wenn sie serienmäßig an Bord sind. 

Design

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Ducati Multistrada 1200 Enduro  

Foto: Ducati  

Am schwierigsten zu gestalten, so Designer Gianfelice Marasco, war der Tank: „Wenn man 30 Liter unterbringen will, wird das einfach ein Riesending.“ Aber man müsse auch die positive Seite sehen, fügt er schmunzelnd hinzu: „Wir haben ihn jetzt so aufgebaut, dass er die Beine bestens vor Regen und Wind schützt.“ Um den nötigen Unkaputtbar-Eindruck zu erwecken, verwendeten die Designer für die Enduro vor allem runde und eckige Basisformen sowie spezielle Materialien. So bestehen die seitlichen Frontverkleidungen aus eloxiertem Aluminium, das nicht nur widerstandsfähig aussieht, sondern sich auch so anfühlt; die deutlich sichtbaren Verschraubungen unterstreichen den Abenteuercharakter, obwohl Do-it-yourself-Reparaturen angesichts der komplexen Elektronik wohl nicht wirklich klappen. Der massive Motorschutz und der flache Eintopf-Auspuff verstärken den Eindruck der ­Unverwüstlichkeit. Allerdings geriet auch die Ducati Multistrada 1200 Enduro recht groß und mit 254 Kilogramm fahrfertig auch massig, gerade angesichts der Tatsache, dass Ducati die Kundschaft damit ins Gelände schicken möchte. „Kommt drauf an, woran man sie misst“, sagt Designer Marasco. „Wenn sie zwischen der BMW R 1200 GS Adventure und der KTM 1290 Super Adventure steht, wirkt sie eher zierlich.“

Preis

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Preis-Referenz: Yamaha XT 1200 ZE Super Ténéré Worldcrosser  

Foto: Yamaha  

Mit 19.990 Euro liegt die Ducati Multistrada 1200 Enduro am obersten Ende unserer Skala. Selbst im Vergleich zu der direkten Konkurrentin KTM 1290 Super Adventure fällt der Preis hoch aus, was die Entwickler mit der guten Ausstattung, der starken Motorleistung und nicht zuletzt den hochwertigen Materialien rechtfertigen. Noch teurer geht’s immer, nämlich mit zusätzlichen Ausstattungspaketen wie dem Touring Package. Es bietet Heizgriffe, Touratech-Alukoffer und Lenkertasche für weitere 1550 Euro und übertrifft dann sogar die BMW mit Vollausstattung.

Fazit

Ganz schön mutig von Ducati, bei der ersten echten Reiseenduro des Hauses ausgerechnet auf Offroad-Qualitäten zu setzen. Von den Daten, den Materialien und der Ausstattung her wirkt die Ducati Multistrada 1200 Enduro gelungen: Was sie wirklich kann, muss sie ab März in Tests beweisen. Bedenken, dass die neue der Basis-Multistrada die Kunden wegschnappen könnte, haben die Entwickler übrigens nicht. „Wir haben die Motorräder parallel entwickelt und bewusst unterschiedlich ausgelegt“, sagt Andrea Ferraresi. „Der Unterschied ist ganz klar und einfach zu erklären: Die Multistrada rennt, die Enduro springt.“ 

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07.01.2016 |  Artikel drucken | Senden | Kommentar

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