Duell onroad (Archivversion) Im Wettstreit mit den Spezialisten ...

Es ist wie in manchen Adelsfamilien. Sie trägt einen berühmten Namen – und ist eine der Letzten ihrer Art: die Yamaha XT 660 R. Einzylindrige, zumindest ansatzweise offroad-taugliche Allround-Enduros sind heutzutage dünn gesät. Abgesehen von Yamaha hält kein japanischer Hersteller die in den 80er Jahren hervorragend verkaufte Spezies noch für absatzträchtig. Obendrein werden die wenigen Hinterbliebenen dieser Liga, die Aprilia Pegaso 650 Trail und die BMW F 650 GS Dakar, wohl genauso selten im Gelände bewegt wie die 189 Kilogramm schwere XT 660.
Dementsprechend legten die Yamaha-Ingenieure den Charakter der XT 660 R fest. Gutmütiger, gerade mal 48 PS starker Motor, kommode Federungsabstimmung, nahezu vollwertige Ausstattung in Sachen Armaturen und Instrumentierung – die im Vergleich zur BMW Xchallenge über 2000 Euro günstigere XT sucht ihre Klientel ganz klar unter der Tourenfraktion. Welche die Xchallenge zunächst mal vergrault. Wie ein Hochhaus ragt sie vor dem Erstbesteiger auf. Rekordverdächtige 96 Zentimeter Sitzhöhe zwingen selbst Piloten über 1,80 Meter zu einem sportlichen Hüftschwung.
Und im Sattel sitzend lässt sich der Boden nur mit den Fußspitzen ertasten. Der Grund: Beim Soll-Luftdruck von acht bar federt das Luftfederbein von Continental vollständig aus. Sogar mit aufsitzen-dem Fahrer bleibt der Negativfederweg
mit vier Zentimetern ungewöhnlich gering. Den Druck zu reduzieren hilft nicht. Bereits bei sieben bar sackt das Heck beim Beschleunigen regelrecht in sich zusammen. Also wieder Aufpumpen.
Einmal in Fahrt, schlucken sowohl Federbein als auch die Upside-down-Gabel von Marzocchi kleine Stöße gut. Aufregung schaffen dagegen Lastwechsel. Beim Anbremsen nickt die Gabel auch bei maximal zugedrehter Druckdämpfung tief ein, gleichzeitig federt das entlastete Heck bis an den Endanschlag aus und schiebt den Fahrer auf dem Sitz unwillkürlich nach vorn. Das nervt.
Thema Bremsen: Wird die Xchallenge mit einer straßentauglichen Softenduro-Bereifung für die mit 21 Zoll großem Vorderrad und 18-Zoll-Hinterrad in Off-road-Dimensionen gehaltenen Speichen-räder bestellt, ist für 710 Euro Aufpreis sogar ein bei Schotter-Einsatz abschalt-bares ABS erhältlich. Was durchaus Sinn macht. Denn abgesehen von der eigentümlichen Federungsabstimmung schlägt sich die BMW auf Asphalt ganz ordentlich.
In Beschleunigung und Durchzug hängt sie die XT locker ab, gibt sich bezüglich Laufkultur allerdings gegenüber dem Yamaha-Aggregat ruppiger. Beim Handling sprechen zwar 30 Kilogramm Gewichtsvorteil und eine schier grenzenlose Schräg-
lagenfreiheit für sich, die extrem hohe Sitzposition vermittelt aber nicht nur bei Kurzbeinigen Schwindelgefühle. Wobei die harte und schmale Sitzbank sowie 9,5 Liter Tankvolumen (XT: 15 Liter) längere Touren ohnehin verbieten – und der XT onroad in der Summe der Kriterien letztlich den Chefposten einräumen.

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