Enduros 97 (Archivversion) Zeit zur Besinnung

Grobe Stollen sind nicht mehr Pflicht. Innerhalb der Enduro-Fraktion fährt man heute getrennte Wege.

Allen Unkenrufen zum Trotz scheinen sich die Enduros langsam von ihrer Talfahrt, die sie in den letzten Jahren erlitten haben, zu erholen. Die auf der IFMA präsentierte Modellpalette für 1997 ist im Gegensatz zu den Vorjahren nicht noch kleiner geworden, sondern die Enduro-Herde hat für die kommende Saison gar wieder das eine oder andere Schäfchen dazugewonnen.Dabei ist aber nicht zu verkennen, mit welchen Gegnern die Stollen-Fraktion zu kämpfen hat. Zum einen werden die ursprünglichen Nutzungsmöglichkeiten einer Enduro von Jahr zu Jahr durch Verbotsschilder weiter eingeschränkt, zum anderen laufen die immer beliebter gewordenen Chopper und Cruiser den Enduros den Rang als Allerwelts- und Alltagsmotorrad ab.Die Off Road-Branche mußte auf diese doch bedenkliche Entwicklung reagieren - und hat es auch getan. Das beste Gegenmittel ist ganz offensichtlich der Weg weg von all zu viel Sportlichkeit und Härte. Sieht man einmal von den wettbewerbstauglichen Geländesportmaschinen ab, zeigen selbst die beiden Hardcore-Vertreter unter den Hobby-Enduros, die KTM LC4 620 E und die Husqvarna 610 E, daß ein E-Starter nicht unbedingt einen verweichlichten Warmduscher entlarft. Während Husqvarna hauptsächlich auf einen neuen, dank zweier Ölpumpen und Ausgleichswelle standfesteren Motor setzt, geht KTM mit der LSE-Variante in Sachen Alltagstauglichkeit einen Schritt weiter und verringert den Federweg und damit die Sitzhöhe.Nachdem Suzuki 1996 mit der DR 650 SE eine verhältnismäßig sportliche Enduro gebracht hat, wird 1997 eher die Reise-Fraktion unter den Enduristen angesprochen. Die Freewind mit digitalem Cockpit sieht aus wie eine Kreuzung zwischen Yamaha XJ 600 Diversion und BMW F 650.Komfort, Tourentauglichkeit und nicht zuletzt Eleganz sind auch bei den Neuerscheinungen anderer Hersteller angesagt. Bei den Italienern scheinen optische Reize vor sportlichen Ambitionen zu rangieren. Aprilias Pegaso 650 (überarbeiteter Motor sowie neue, rostfreie Auspuffanlage) und die elegante Cagiva Grand Canyon 900 I.E. werden sich vor einer Eisdiele weit besser in Szene setzen können als in schlammigem Gelände.Noch weniger mit Off Road hat BMWs Neuheit zu tun. Mit Gelände hat die F 650 ST so viel am Hut wie ein Kühlschrankverkäufer mit dem Nordpol - gibt sie aber auch gar nicht vor. Mit Straßenreifen und gekürzten Federwegen soll diese Stadt-Enduro von vornherein alle Geländeambitionen unterdrücken.Ähnliches gilt auch für das neue Modell von Honda, die SLR 650. Der Dominator-Verschnitt soll seine Stärken wohl eher im Cityverkehr zeigen, als ernsthaft einen Einsatz im Gelände provozieren.Ganz anders entwickelt sich dagegen ein totgeglaubter Zweig des Enduro-Stammbaums. Der neuen Führerscheinregelung sei Dank, sind die 125er wieder zu neuem Leben erwacht. Neben den bereits erwähnten Erdferkeln von Husqvarna und KTM machen gerade die »Kleinen« dem Ur-Gedanken der Enduro die größte Ehre. Gleichgültig ob Yamahas DT 125, Kawasakis KMX 125 oder die supersportliche LC2 von KTM, die 125er präsentieren sich geschlossen in einem geländetauglichen Outfit. Und auch auf die brandneue Enduro der Firma Sachs, die Anfang nächsten Jahres erstmals mit einer topmodernen 125er auf den Markt kommen wird, darf man sich freuen. So manch einer wird aufgrund der großzügigen Abmessungen und der radikal-sportlichen Optik beim Anblick dieser »Kleinen« große Augen machen.Die kann auch bekommen, wer sich mit dem Angebot auf dem grauen Markt beschäftigt. Da geistern nämlich noch einige vorwiegend supersportliche Enduros umher, die allerdings nur mit einigen Tricks per Einzelabnahme über die TÜV-Hürden zu hieven sind. Deshalb werden sie von den Importeuren nicht offiziell im Programm geführt und finden aus diesem Grund hier keine Beachtung.Doch auch ohne diese grauen Schafe ist die Herde der Hard-, Erlebnis-, Reise- und Fun-Enduros groß genug, um den Überblick zu verlieren. Der Katalogteil soll dabei helfen, sein eigenes Schäfchen schleunigst ins trockene zu bringen.

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