Enduros/Funbikes (Archivversion) Wenn es knifflig wird

Wo Kurvenverläufe besonders trickreich verlaufen, Kehren extrem spitz geraten und Asphaltdecken fast einer Kraterlandschaft gleichen, sind Enduros und Funbikes ganz in ihrem Element. Es scheint, als wären die französischen Alpen eigens für sie entstanden.

Honda Varadero 1000
Kawasaki Versys
KTM 690 Supermoto
Triumph Tiger

Bevor es in einer lang gezogenen Rechtskurve über eine kleine Brücke zum letzten steilen Anstieg hinauf auf den Col du Galibier geht, zweigt links ein Geröllweg ab, der sich 500 Höhenmeter hinauf zum Camp des Rochilles windet. Einen Moment zögert die Testgruppe. Links oder rechts? Hardenduro-Land oder Funbike-Terrain? Offroad-Ackern oder Kehrensurfen? Der KTM-Fahrer trifft die Entscheidung, gibt als erster Gas und – biegt rechts ab.
Kart auf zwei Rädern
Die Wahl des KTM-Piloten ist verständlich. Denn die KTM 690 Supermoto ist ein gnadenloses Funbike. Ihr 66 PS starker Motor bricht mit dem Charakter eines klassischen Einzylinders. Der Single zwirbelt mit ungeheuerlicher Lässigkeit die Drehzahlleiter hinauf, atmet ab 5500/min tief durch, um bereits 2500/min später mit voller Leistung an der Kette zu zerren. Federleicht trennt die Kupplung, exakt rasten die Gänge. Zudem lassen die Anti-Hopping-Kupplung und das geringe Schleppmoment die KTM so neutral wie einen Mehrzylinder agieren.
Perfekt zum Charakter des Motors passt das Fahrwerk. Weit vorn, aber ergonomisch gut ist der Pilot untergebracht, hält das Vorderrad am Boden und stürzt sich so ins Kurvengewimmel. WP-Gabel und -Federbein schlucken jede noch so kleine Welle, überzeugen durch exzellentes Ansprechverhalten und satte Dämpfung. Die vordere Bremse ist gutmütig, solide, das hintere Pendant dagegen etwas giftig. Blitzartig pfeilt die Supermoto um Kurven. Superhandlich und flink wie ein Hase kann sie Haken schlagen, fährt kartartig direkt durch Kehren und Kurven. Aber nur sportlich schnell macht sie wirklich Spaß. Bei halbherziger Fahrweise äußert die KTM ihren Unmut durch kippeliges, nervöses Fahrverhalten. Alles oder nichts heißt die Devise. Hundert Prozent Kurvenspaß lässt sich mit der Supermoto erleben, zum Reisen taugt sie dagegen nicht.

Noch ein Spaßvogel
Auch die Kawasaki Versys ist mehr Funbike als Enduro. Doch sie ist längst nicht so radikal gestrickt. Ihr gemessen 68 PS starker Zweizylinder schiebt aus unteren und mittleren Drehzahlen deutlich besser an, demonstriert mehr Durchzugsstärke, ohne an Spritzigkeit viel einzubüßen. Sauber geht die Versys ans Gas, erfreut sich beim Ansteuern von Kurven und Kehren geringer Lastwechselreaktionen und überrascht auch in den Alpen einmal mehr durch ihren geringen Kraftstoffverbrauch von 4,6 Litern und einer Reichweite von deutlich über 400 Kilometern.
Die lassen sich leicht und locker runterspulen. Bequem und aufrecht sitzt der Fahrer auf der Versys. Selbst ein Beifahrer findet einen ausreichend großen Platz. Dumm nur, dass die Zuladung mit 179 Kilogramm so gering ausfällt.
Ihr gelungener Kompromiss aus straffer Abstimmung und noch tourentauglichem Komfort sowie ihre ausgewogene Balance sorgen für ein neutrales Fahrverhalten und reichlich Fahrvergnügen. Lediglich bei sportlicher Gangart zeigt sich die Telegabel auf den teils miesen Asphaltdecken manchmal ein wenig überfordert und beginnt zu stuckern. Für die vordere Bremse muss man indes nicht mal schnell unterwegs sein, um Missfallen an dem indifferenten Druckpunkt und dem langen Hebelweg zu finden, weshalb die Versys in den Alpen ein wenig enttäuscht.

Reisedampfer oder Enduro?
Gemessen an der Kawasaki Versys ist die Honda Varadero ein Riesentrumm von Motorrad und stolze 283 Kilogramm schwer. Kein Motorrad für Wendeübungen und schon gar keines fürs Gelände. Einmal in Fahrt, relativieren sich die Massen, wird die kolossale Varadero zwar nicht gerade zum Spielzeug, ist jedoch recht angenehm zu fahren und durchaus leicht und sicher zu beherrschen. Mit stoischer Ruhe rollt die 1000er, gefühlsmäßig ab-gekoppelt von der Fahrbahn, komfortabel wie eine Sänfte über holprigen Asphalt. Ihre Federelemente erweisen sich selbst unter voller Beladung überraschend durchschlagsicher. Unangestrengt schwingt sie durch Kurven, umrundet brav noch so enge Spitzkehren. Dazu trägt auch ihr samtiger V-Motor bei, der weich ans Gas geht. 93 PS sind mehr als ausreichend, vor allen Dingen, wenn sie sich so gleichmäßig entfalten und schnell abrufbar sind.
Auf steilen Bergabpassagen haben die Bremsen die Varadero sicher im Griff. Die Verbundbremse mit ABS regelt sensibel und ermöglicht sogar auf Rollsplitt kurze Bremswege. Mit gut schützender Verkleidung ist Hondas dickbauchige Enduro nicht nur reise-, sondern auch überraschend alpentauglich. Ohne sportliche Ambitionen ist man mit ihr sehr gut bedient.

Die Mischung macht’s
Die Tiger hat, was der Honda zum Klassensieg fehlt: weniger Gewicht zum Beispiel. 236 Kilogramm, die sich in Verbindung mit dem drehmomentstarken, echten 119 PS starken Dreizylinder in berauschende Fahrdynamik verwandeln. Sehr direkt hängt die heiser fauchende Triple am Gas, liefert quasi ab Leerlaufdrehzahl verwertbare Leistung und setzt sie in ordentlich Schub um. Purer Genuss, um, wie ein Raubtier auf Beutezug, von Kehre zu Kehre zu springen. Im Einklang mit der Motorkraft perfekt agiert die Zwei-Finger-Bremse, die kraftsparend und punktgenau sehr gute Wirkung zeigt. Angenehm feinfühlig regelt das ABS. Und die straff abgestimmte Telegabel liefert eine tolles Feedback, um nicht nur aus sportlicher Sicht ein gutes, sicheres Fahrgefühl zu vermitteln. Einziger Schwachpunkt am durchweg stabilen, zielgenauen und handlichen Fahrwerk ist das lasche Federbein, das unter starker Belastung fast schon in sich zusammenzusacken scheint.
Wie maßgeschneidert passt die im Vergleich zur Varadero aktivere Sitzposition. Dafür ist die Sitzbank nicht so weich gepolstert wie beim Honda-Pendant, gleichwohl aber bequem. Auch ein Bei-fahrer findet ausreichend Platz, und die sportlich geschnittene Verkleidung leistet guten Wind- und Wetterschutz. Besser als bei der Honda: die Ausstattung. Vom ein-stellbaren Fahrwerk über Restkilometeranzeige und Hauptständer reicht das Mehrangebot. So addiert sich ein Pünktchen zum anderen und sichert der Triumph den Einzug ins Alpen-Masters-Finale.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel