Erfahrungsbericht: die neue S-Klasse (Archivversion) Quad erat demonstrandum

Auf zwei Rädern nicht schneller als 45 km/h fahren zu dürfen ist schlimm. Auf vier Rädern wird es zur Geduldsprobe, beinahe schon peinlich: Quad fahren mit Klasse S.

Es ist nicht nur schlecht, Quad zu fahren. Nein, bestimmt machen diese Dinger einen Affenspaß, ganz ernst gemeint. Wenn, ja wenn der Stuhl nicht bei glatten 45 abgewürgt ist und dann einfach keinen Meter schneller läuft. Dann macht Quad fahren nämlich keinen Spaß. Oder, um nicht ungerecht zu werden, es macht nur noch in ganz wenigen Situationen ein bisschen Spaß. Auf zugeschneiten Parkplätzen zum Beispiel, wo es ein Leichtes ist, selbst ein nur vier PS starkes Quad zum Driften zu bringen. Oder im Wald durchs Unterholz zu stromern, auf matschigen Wegen und sogar da, wo gar keine sind. Damit allerdings ist man richtig bösewichtig, weil man Sachen treibt, die man gar nicht darf. Sachen außerdem, die nichts damit zu tun haben, sich im Straßenverkehr fortzubewegen. Sie haben damit zu tun, dass man das Gerät als Spielzeug verwendet.
Doch es gibt günstigere Spielzeuge, die noch dazu unterhaltsamer sind. Und: weniger peinliche öffentliche Auftritte nach sich ziehen. Ein 1000-Teile-Puzzle vom Kölner Dom wäre so was. Dafür braucht man dann auch keinen Führerschein, nicht mal einen der Klasse S.
Die gilt ab 1. Februar dieses Jahres, und sie ermöglicht es Jugendlichen ab 16 nicht nur 50er-Quads zu fahren, sondern außerdem Minicars und dreirädrige Transportvehikel, wie die Ape von Piaggio. Freilich allesamt auf maximal
45 km/h gedrosselt. Der Sicherheit wegen und weil mehr, fehlender Reife wegen, dem Adoleszenten nicht zuzutrauen wäre. Für den Schein der neuen Klasse werden so zwischen 600 und 700 Euro zu berappen sein und damit in etwa so viel wie für den Lappen der Klasse M.
Der genehmigt es 16-Jährigen, Kleinkrafträder zu reiten. Die haben zwar auch nicht mehr als 50 Kubik, und legal rennen die ebenfalls nicht schneller als das Quad, aber – und das ist wichtig jetzt – sie stehen anderen dabei viel weniger im Weg herum und sind insgesamt um Längen dezenter, unauffälliger in ihrem Auftreten, die kleinen Zweiräder. Das Quad schreit schlicht rum, ist akustisch wie optisch einfach laut, nicht zu überhören, nicht zu übersehen. Hoppla, hier komme ich, allerdings komme ich nicht vom Fleck und du – anders als an Roller oder Mokick – nicht an mir vorbei. Ich an dir jedoch genauso wenig. Wo auf zwei Rädern immer eine kleine Lücke bleibt, um sich zwischen den Autoschlangen an der Ampel nach vorne zu mogeln, reiht sich das Quad brav ein in die Kolonne, Platz 53, nur weitere sechs Rotphasen abwarten, und schon kann’s weitergehen. Den Daumengashebel auf Anschlag durchgedrückt, zittert und vibriert das mit ordentlich Weichplastikteilen bestückte Vierrad derartig, dass einem tatsächlich die leicht aufeinander gelegten Zähne den behelmten Schädel zum Summen bringen.
Es könnte natürlich sein, dass nur unser Quad, ein Kymco MXer 50, so rumplärrte und dass andere Modelle weniger
vibrieren. Andere Modelle indes sind in großer Vielzahl noch nicht auf dem Markt zu finden. Denn die wichtigen japanischen Hersteller halten sich beim Thema 50er-Quad vornehm zurück. Kawasaki etwa bekundete: »Wir wollen abwarten, wie der Markt sich entwickelt. Sollte sich eine Nachfrage ergeben, werden wir schnell reagieren.« Bislang sind ausschließlich Zweitakter von Firmen wie Kymco, MZ, Sachs, Dinli, Revo, Barossa und E-Ton zu haben. In Baumärkten oder übers Internet werden zudem Exemplare mit den wildesten Fantasienamen vertrieben. Auch die können den Schädel zum Summen bringen.
Das mit dem Helm muss übrigens (noch) nicht sein. Weil das Quad ganz offiziös nicht als Motorrad (Ausrufezeichen) gilt, eher als irgendwie autoverwandtes Fortbewegungsding. So
ist das eben mit der Verwandtschaft. Man kann sie sich nicht aussuchen, und wenn man sich begegnet, bleibt die Stimmung oft genug ganz schön mau. Und dass Quad und Auto sich begegnen im Straßenverkehr, lässt sich nun mal nicht vermeiden. Allein schon deshalb, weil, wie bereits erwähnt, das Vehikel nicht aus dem Quark kommt, sich aber breit macht. Folglich zieht man dann alsbald eine endlose Schlange aus Auto-
mobilen, darin: missgelaunte Fahrer, hinter sich her. Und alle gucken einen böse an.
Am Straßenrand ist das anders. Da gucken die Leute nicht böse. Sie grinsen, manche lachen sogar, und das nicht, weil
sie besonders toll gelaunt wären. Vielmehr hat das damit zu tun, dass, wer auch immer auf so einem Quad die Straße beschleicht, aussieht wie einer, der sich mal einen ganz extravaganten Krankenfahrstuhl geleistet hat. Dabei stammen die Quads gar nicht von Krankenfahrstühlen ab, das tun die Mini-autos, die im Laufe ihrer Evolution zuerst einen Regenschutz aus Plastikfolie und alsdann eine Karosserie abbekommen haben.
Indes: So weit ist das Quad vom Krankenfahrstuhl nicht weg. Weil es nur allzu leicht umkippt, aufgrund der geringen Spurweite und des hohen Schwerpunkts. Um der Kipperei entgegenzuwirken, muss man sich im Kreisverkehr bei Tempo 20 eines spektakulären Hanging-offs befleißigen. Das kann man rasant finden und dynamisch. Oder einfach nur peinlich und überzogen. Überzogen hat auch der ADAC die Quads. Mit Lob für Zweiräder nämlich, was bei diesem Club sehr selten passiert: »Der Motorroller ist leichter zu manövrieren als das Quad und das Leichtmobil. Er siegt auch mit dem kürzesten Bremsweg vor Miniauto und Quad.«
Miniautos hat der ADAC schon gecrasht. Weil man ja stets denkt, da hat man was um sich rum, das kann einen im Ernstfall schützen. Wenn der größte anzunehmende Unfall ein paar Regentropfen sind, dann schon. Bei allem, was härter einschlägt als Regen, versagen die Leichtkarossen jämmerlich. »Es ist ein Skandal, dass die EU solche Fahrzeuge auf die
Straße lässt«, empört sich Gerhard von Bressensdorf, und der ist immerhin Vorsitzender der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände e.V. Uncool sähen diese Karren aus, und überteuert seien sie mit einem Preis von knapp 10000 Euro sowieso.
Dagegen kommt das Quad klar billiger. Markengeräte gibt es um die 2000, die Fantasiegurken sind teilweise nicht teurer als 700 Euro. So bleiben ein paar Euro in der Tasche, mit denen man dann fleißig die Parkuhren füttern kann. Weil sich ein Quad natürlich nicht überall und einfach so abstellen lässt. Da hat man sich schon mit dem ein oder anderen Smart-Beweger um eine Parklücke anzulegen.
Auf derartige Konflikte bereitet die Fahrschule nicht vor. Wer die neue S-Klasse haben will, muss dafür zwölf Stunden Theorie pauken und sich zwei Stunden lang mit den Eigenarten der Miniautos, Quads und Dreiradlaster beschäftigen (viel Spaß). Für die Praxis gibt es keine festen Vorgaben. Fahrlehrer gehen davon aus, dass in der Regel acht bis 20 Stunden zu absolvieren sind, bis der Kandidat reif für die Prüfung ist.
Eine gewisse Reife wird gerade vom Fahrer eines Quads erwartet, damit er mit den Anfeindungen einerseits und dem Spott andererseits überhaupt umzugehen weiß. Dann doch
lieber gleich den A1. Mit dem kann man 125er fahren. Der
A1 kommt zwar doppelt so teuer, dafür ist man auch doppelt so schnell unterwegs. Außerdem relativieren sich die Kosten, weil später für den vollen A weniger zu berappen sein wird.
Was noch gesagt werden sollte: Es war die Spezies und nicht das Kymco-Quad im Speziellen, das unsere Vorbehalte förderte, denn das funktionierte fabulös, so fabulös wie ein 50er-Quad eben funktionieren kann.

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