Fahrbericht Aprilia NA 850 Mana (Archivversion) Knopf-Sache

Von wegen Kupplung ziehen, Gang einlegen, auskuppeln und losfahren: Bei der neuen Aprilia Mana reicht ein Knopfdruck, und schon geht’s automatisch voran.

Der Pkw auf der rechten Spur wird immer langsamer. Gleich wird er den Blinker setzen und rechts abbiegen wollen. Der Motorradfahrer hinter ihm schert kurz aus und schaltet hörbar ein, zwei Gänge zurück, bevor er voll beschleunigt und davonzieht. Eigenartig nur: Seine linke Hand bewegt sich nicht, greift nicht nach dem Kupplungshebel. Den gibt es gar nicht. Trotz­dem schaltet das Motorrad hörbar.
Solch mysteriöse Vorgänge können schon bald ein alltäglicher Anblick sein. Aprilia NA 850 Mana heißt das Motor­rad, bei dem der Fahrer ohne manuelle Kupplungsbetätigung schalten kann oder, noch einfacher, nur Gas gibt, ohne überhaupt schalten zu müssen. Die gerade in Turin vorgestellte Mana beherrscht beide Gang-Arten. Die Produktion läuft gerade an, ab Ende Oktober soll sie für rund 9000 Euro bei den Händlern stehen.
Als Antrieb dient Piaggios flüssigkeitsgekühlter 90-Grad-V-Zweizylinder mit 839 cm³ Hubraum, Vierventiltechnik, Einspritzung, der auch im kürzlich vorgestellten Maxi-Scooter Gilera GP 800 Verwendung findet. Er leistet zwar »nur« ­76 PS, ist dafür aber in der Lage, die Riemenautomatik über einen weiten Drehzahlbereich mit sattem Drehmoment zu versorgen.
Die Bedienung der Automatik ist kinderleicht: Motor starten, per Knopfdruck an der rechten Lenkerarmatur einen der drei Automatik-Modi (Sport, Touring oder Regen) anwählen, Gas geben und schon geht’s los. Manierlich und ohne Rucken nimmt die Mana Fahrt auf. Im Grunde arbeitet das CVT-Getriebe stufenlos, seine elektronische Steuerung gaukelt dem ­Fahrer jedoch feste Gangstufen ähnlich wie bei einem herkömmlichen Schaltgetriebe vor. Erwartungsgemäß dreht der Motor im Sport-Modus am höchsten und beschleunigt die Mana am besten, bevor die Automatik kaum spürbar in den nächst höheren der insgesamt sieben virtuellen Gänge wechselt. Mit gekappter Maximaldrehzahl gibt sich der Touring-Modus ruhiger und kultivierter. Aber auch jetzt ­beschleunigt die Mana noch recht kräftig und zieht ordentlich durch, sodass man im hekti­schen Turiner Stadtverkehr in keiner Situa­ti­on Leistung vermisst.
Deutlich schwächer geht’s erst im Regen-­Modus voran. Hier wird nicht nur die Drehzahl des V2 für die einzelnen Übersetzungsstufen nochmals reduziert, sondern je nach Drosselklappenstellung das Motormanagement so verändert, dass der Twin noch weicher ans Gas geht und das Hinterrad auf glitschigem Untergrund nicht unerwartet wegrutscht. »Regen« war am Testtag, als ein heftiges Tief über Turin hinwegfegte, ein gern gewählter Modus auf den bitumen- und kopfsteinpflaster-reichen Straßen der Fiat-Metropole.
Mit den drei Automatik-Modi sind die Fähigkeiten des Aprilia-CVT-Getriebes aber­ längst noch nicht ausgeschöpft. Aus dem Sport-Modus heraus können die Gänge auch mit einer sequentiellen Schaltung geschaltet werden. Per Knopfdruck an der linken Lenkerarmatur oder per Fußhebel wechselt der Stellmotor zwischen den verschiedenen vorgegebenen Übersetzungen – geräuschlos, exakt und gefühlsmäßig sogar schneller als ein herkömmliches Schaltgetriebe. Weil die Mana keinen Dreh­zahlmesser besitzt, mahnen Leuchtdioden im Cockpit zum Gangwechsel. Drei grün aufleuch­tenden Lämpchen folgt als Warnung ein rotes. Reagiert der Fahrer nicht, greift die Automatik selbsttätig ein und schaltet einen Gang rauf.
Verschalten kann man sich bei der Mana nicht. Im Stand lässt sich nur der erste Gang einlegen, erst jenseits der Schrittgeschwindigkeit können die anderen Fahrstufen nachgeladen werden. Vergisst man beim Anhalten das Zurückschalten, wechselt die Variomatik automatisch in den ersten Gang. Brachiales Runterschalten aus voller Fahrt bis in den ersten Gang verhindert die Elektronik – sie akzeptiert nur Fahrstufen, die zur gefahrenen Geschwindigkeit passen.
Doch nicht allein das Automatik-Getriebe machen diese Aprilia zu einem ungewöhnlichen Motorrad. Auch praktische Eigenschaften eines Scooters sind an ihr zu finden. Per Knopfdruck öffnet sich ­das Oberteil der Tankattrappe und gibt ein ­geräumiges Fach frei, das sogar einen ­Integralhelm aufnehmen kann. Trotzdem ist die 850er, die sich im Getümmel der Großstadt als ausgesprochen wendig und handlich erwies, kein ausgeprägtes Stadtfahrzeug. Die komfortable, bequeme Sitz­posi­tion lädt in Verbindung mit dem durchzugsstarken Motor und den kräftigen, gut dosierbaren Bremsen auch zu aus­gedehn­ten Wochenend-Touren ein. Dazu bietet Aprilia Topcase, Kofferset und Windschild an. Auf ein ABS müssen sicherheits­bewusste Motorradfahrer leider noch bis Sommer 2008 warten.

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