Fahrbericht Aprilia RST 1000 Futura (Archivversion) Die Zukünftige

Aprilias Zukunft hatte mit der RSV mille begonnen. Ihr bäriges V2-Triebwerk kann
jedoch mehr: einen Tourensportler beflügeln, der RST 1000 Futura heißt und allen Spaß bringen wird, die gern bequem und schnell reisen.

Aprilia, Moto Guzzi und Laverda. Alles unter einem Dach. Tradition und Moderne vereint. So schuf Italiens Avantgardist der Motorradindustrie, Ivano Beggio, eine Firma, die mit Power in die Zukunft geht. Mit einem dicken Finanzpolster im Rücken – man verkaufte 1999 über 310000 Roller in alle Welt – baute Aprilia erst die Supersport-Baureihe der Mille auf. Dann fuhr die kaum minder sportive Falco vor. Und nun der nächste Wurf: ein Tourensportler.RST 1000 Futura, das schnittig-kantige Motorrad, das italienischen Schick mit praktischem, erfahrbarem Nutzen verbindet. Piedro Irru, der Designer, hat sich nicht gescheut, die Spiegel mit in-tegrierten Blinkern wie die Fühler einer Heuschrecke weit von der Verkleidung abzuspreizen. Damit man besser schauen kann, ob der Honda-VFR-Fahrer noch mithält. Wie es der Kreative geschafft hat, eine Sitzbank einzupassen, die die Ausmaße von Opas Fernsehfauteuil erreicht, ohne klobig zu wirken, ist verblüffend. Bezogen mit grauem, geriffeltem Kunststoff, so lang, dass der Fahrer sogar seine Schwiegermutter mitnehmen kann, ohne ihr zu nahe zu kommen. So breit, dass ein Zwei-Tages-Trip nach Sizilien in den Bereich des Machbaren rückt.Dorthin kann man auch fliegen. Eine silberne Futura aus den Händen des Aprilia-Präsentationsteams übernehmen, den Aufstieg zum schneeweißen Ätna angehen, dessen Schlund dunkelgraue Schwefeldämpfe entfleuchen. Die Futura lässt Zeit für den Blick auf den Vulkan. Ein Motorrad, das kaum Gewöhnung verlangt. Weil man sitzt wie in Abrahams Schoß. Rastenposition, Lenkerbreite, -höhe und -kröpfung – perfekt. Der 60-Grad-V2 läuft mit leicht erhöhter Drehzahl an. Automatisch regelt das Steuergerät des Motormanagements den Leerlauf. Sehr sanft agiert das Triebwerk, vibriert nicht und ist vor allem kaum zu hören. Ein mächtiger Vorschalldämpfer unter dem Motor, in dem ein ungeregelter Katalysator untergebracht ist, leistet ganze Arbeit, unterstützt von einem weiteren Dämpfer, der unter der Sitzbank steckt – alles aus Edelstahl. Das schafft Platz für Gepäckkoffer, die hier und heute noch nicht ausprobiert werden konnten. Warum hieß es immer, eine Verkleidung kann nicht rassig ausschauen und trotzdem reichlich Windschutz bieten? Der Futura-Schale mit der breit bauenden und genügend hohen Scheibe gelingt’s. Jedenfalls bis knapp 200 km/h auf der sizilianischen Autobahn. Dank des 113 PS starken V-Motors geht die Aprilia gewiss noch viel schneller, aber die Policia Stradale mag das nicht. Apropos Motor: Er entstammt der vorletzten Mille-Generation, wurde aber erheblich modifiziert. Eine elektronische Sagem-Einspritzung anstelle der Nippon Denso samt neuen Einspritzdüsen liefern nun den Sprit an, die beiden Zylinder haben ein unterschiedliches Zündkennfeld. Spontan, zumindest für Zweizylinderverhältnisse, reagiert der Tausender auf die Befehle der Gashand, legt ab 1500/min willig an Drehzahl zu, ohne zu rucken. Allenfalls stört das Spiel im Antriebsstrang, wenn man die richtige Drehzahl für die Kurve sucht und das Gas auf und zu macht. Kraftvoll und gleichmäßig schiebt der V2 bis zur Nenndrehzahl von 9250/min voran. Zum Ätna windet sich die Straße mit ordentlicher Steigung bergan, die Futura mag und braucht Drehzahlen: 5000 und darüber. Den Bums einer Mille R hat sie nicht ganz, aber den braucht sie auch nicht. Ganz schön leichtfüßig. Kein Wuchten und Stemmen. Komfortabel. Da holpert nichts und stuckert nichts. Auf Bodenwellen und Teeraufbrüchen findet das Duo aus Showa-Gabel und Sachs-Federbein den richtigen Kompromiss: nicht zu schwabbelig, nicht zu straff. Wäre auch noch schöner. Immerhin stammt das Fahrwerk ebenfalls von der RSV mille ab: Alubrückenrahmen, stabil, leicht und in der Geometrie minimal dem neuen Einsatzzweck angepasst. Vier Millimeter längeres Lenkrohr, fünf Millimeter vorgesetzte Gabel, geänderte Motoraufnahme. Einen stabilen Eindruck vermittelt die Upside-down-Gabel mit 43 Millimeter starken Gleitrohren, sensibel spricht das Federbein an, dessen Basis dank Hydraulik mit einem Drehknauf bequem verstellt werden kann. Wenn die Sozia mitwill. Neu ist die Einarmschwinge, auch die gegossenen Aluräder. Fünf filigrane Doppelspeichen sollen das Trägheitsmoment der Räder verkleinern. Sehen auf alle Fälle gut aus. Bergab, lang gezogene Kurven, weite Spitzkehren. Die Aprilia feuert die Piste runter wie ein Supersportler, nur bequemer. Jetzt ist nichts mehr mit Blick auf den Vulkan. Eher Ritt auf dem Vulkan. Naja, die Vorderbremse ist nicht gerade bissig, sondern eher sanft abgestimmt, wirkt jedoch zufriedenstellend. Hinten stempelt’s mit hoher Frequenz. Ist eine Begleitung dabei, dürfte es passen. Ein wenig richtet sich die RST auf, wenn man auf der Bremse einlenkt. Vielleicht liegt es an den Reifen, Michelin Pilot Sport, die hervorragend haften.Die neue Aprilia kann viel, kostet aber auch viel: knapp 24000 Mark. Noch teurer dürfte sie werden, wenn im nächsten Jahr ABS und geregelter Kat dazu kommen. Warum besitzt die Futura das eigentlich nicht schon heute?

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