Fahrbericht Beta RR Enduro 450 4T (Archivversion) Out of Austria

Actio gleich reactio, jede Kraft erzeugt eine Gegenkraft, erkannte bereits der Physiker Isaac Newton. Der Endurosport scheint dieses Naturgesetz derzeit zu ignorieren. Die dominante Kraft in der Welt der Stollenräder stellt KTM, Scharen von orangefarbenen Motorrädern überschwemmen die Starterfelder.
Hier sieht Enduro-Newcomer Beta seine Chance. Möchte
diejenigen von sich überzeugen, die nicht im Einheits-Orange durchs Unterholz brechen wollen. Was im Stollenmetier Sache
ist, wissen die Mannen in der Toskana längst. Mit 3000 Trialmaschinen, die sie pro Jahr produzieren, gehören die Italiener zu den Marktführern in der Balance-Branche.
Trotzdem: Kalkulierte eine Million Euro Entwicklungskosten in einen eigenen Viertaktmotor zu investieren
traute man sich letztlich doch nicht – und schlug
den Salto rückwärts. Die Enduro-Debütanten von Beta werden ausgerechnet von KTM-Motoren befeuert. Was den Anspruch auf Individualität der anvisierten Klientel ordentlich schmälert.
Sei’s drum. Beta bleibt nicht viel Angriffsfläche. Wenn die Offroad-Szene am österreichischen Original überhaupt
etwas zu kritteln findet, dann nur in Details. Das tendenziell nervöse Fahrverhalten mit sehr leichter Vorderhand
und traktionsarmem Heck beispielsweise. Und genau da
setzen die Italiener an. Motorseitig durch eine zahmere Leistungscharakteristik mit modifizierter Vergaserbedüsung, Zündkurve, Luftfilter und anderer Abstimmung der von Arrow zugelieferten Auspuffanlage. Fahrwerksseitig durch eine zugunsten der Front verschobenen Gewichtsverteilung und – jetzt kommt’s – einer Umlenkhebelei an der Hinterradschwinge, die übrigens denen der Husaberg- und KTM-LC4-Modelle verblüffend ähnlich ist.
Das Gelände rund um Il Ciocco, einer privaten, 2000 Hektar großen Offroad-Spielwiese, begeistert. Geröllübersäte Steilhänge, Felsplatten, Singletrails – ein perfektes Enduro-Areal. Wir wählen die populäre 450er aus der von Beta komplett von 250 cm3 über 400 und 450 bis zur 525er aufgelegten Hubraumpalette.
Kaltstart. Der Choke unterm Tank ist kaum zu erreichen.
Die Finger in Crosshandschuhen müssen sich den Weg zum Knöpfchen ertasten. Letztlich klappt’s. Wenigstens versöhnt der E-Starter. Ein geschwungener Feldweg führt zum ersten Aufstieg. Der Motor wirkt spürbar gezähmt, gibt sich verhaltener, weniger spontan als in der Original-Version. In den Kehren die erste Überraschung. Die Front findet spürbar mehr Traktion als bei der 450er-KTM. Schon mal gut. Abbremsen vor dem Einstieg in den Trail. Die Kombination aus Nissin-Bremssattel und schwimmend gelagerter Braking-Scheibe funktioniert perfekt, spielt in Sachen Dosierbarkeit und Wirkung in der ersten Liga.
Felsbrocken erschweren den Weg. Wieder begeistert die Front. Die Marzocchi-Gabel spricht extrem sensibel an. Das Heck folgt mit Abstand – in jeder Beziehung. Trotz Umlenkhebelei bleibt die Suche nach Traktion schwierig. Am Sachs-Federbein liegt’s nicht. Eher verdirbt der Motor das Spiel, der trotz Beruhigungsmaßnahmen mit wenig Schwungmasse blitzartig das Hinterrad durchreißt. Das Areal wird offener. Noch immer glänzt die Gabel, doch die Hinterhand ruft zur Versöhnung. Denn die Abstimmung passt. Kein Kicken beim Bremsen, kein Durchschlagen beim Springen. Nur dem Motor fehlt eben der ursprüngliche Punch.
Reicht’s dennoch für Enduristen? Was die Beta prägt, ist ein zahmerer Charakter und eine ruhigere Front. Womit sich mancher im Unterholz sicher leichter tut. Wer auf den Sonderprüfungen Bestzeiten jagt, freut sich nach wie vor über die Power aus Austria – in gewohnter Verpackung. pm

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote