Fahrbericht Bimota DB6 Delirio (Archivversion) Hol-Delirio

Da kommt Freude auf! Bimotas neue Waffe ist Aufsehen erregend radikal: leicht, wendig und trendy. Mit der DB6 Delirio
will die italienische Nobelmarke ganz vorn an der Naked-Bike-Front mitkämpfen.

Es wäre so einfach gewesen: Verkleidung ab, Lenker tauschen – fertig. Nein, für die Jungs von Bimota käme
es einem Fauxpas gleich, ihre DB5 zu strippen und sie dem Volk als Naked Bike anzupreisen. Deshalb hat das Team um Designer Sergio Robbiano, der schon bei der Gestaltung von Ducatis Ikone 916 beteiligt war und für den optischen Auftritt vieler Bimotas verantwortlich ist, neue Ideen an der DB6 Delirio umgesetzt. Mit Folgen. Nachhaltigen sogar. Vor allem, wenn man mal das Glück hat, von einer Delirio überholt zu werden. Da heißt es: Gas auf, dranbleiben! Denn die Heckansicht ist mindestens so extravagant sexy und extraordinär wie seinerzeit die der MV Agusta F4. Der luftgekühlte V2 grummelt aus zwei dreieckigen Schalldämpfern, die dank kunstvoller Blenden auch in einem »Krieg der Sterne«-Streifen eine Nebenrolle als Raumschiff bekommen könnten.
Bevor der Delirio-Pilot allerdings sein Heck zeigen kann, muss er erst einmal überholen. Das fällt ihm im Kurvendickicht aufgrund des spielerischen Handlings der DB6 auch nicht schwer. Schon die voll-
verkleidete DB5 bringt vollgetankt nur 190 Kilogramm auf die Waage – neben der
Exklusivität einer der Gründe, warum das teure Kleinod im ersten Produktionsjahr rund 400 Mal über die Ladentheke ging. Für die DB6 gibt Bimota 170 Kilogramm Trockengewicht an, was in etwa 185 vollgetankt entsprechen dürfte. In Verbindung mit der wunderbaren Verzahnung von Beinen und schmaler Motorradtaille sowie dem breiten, gut in der Hand liegenden Lenker folgt die Delirio den Lenkgedanken, als wäre sie Teil des eigenen Körpers. Der
relativ geringe Radstand von nur 1425 Milli-
metern und der mit 66 Grad steil stehende Lenkkopf tragen ebenfalls dazu bei – keine Frage, das Handling ist superb.
Die Sitzposition indes erfordert Gewöhnung. Schon das Aufsitzen in 830 Millimeter Höhe bereitet weniger gelenkigen Zeitgenossen etwas Mühe. Weit muss man mit dem Bein ausholen, es über das sehr hoch bauende Heck schwingen. Denn
erstens sind im fülligen Underseat-Auspuff zwei zur Erfüllung der Euro-3-Norm notwendige Katalysatoren untergebracht, und zweitens musste zwischen Auspuff und Soziuskissen Platz für kühlenden Fahrtwind gewonnen werden, damit die abstrahlende Hitze den Allerwertesten des Beifahrers nicht röstet.
Das Ungewöhnlichste daran – zumindest für Bikes der Marke Bimota – ist jedoch die Tatsache, dass die Delirio überhaupt als Zweisitzer ausgeliefert wird. Ein klarer Schritt in Richtung Alltagstauglichkeit. Ist die extravagante Delirio etwa exakt das Motorrad, das Ducatis Monster immer sein wollte? Eine Alltagsdiva? Der 90-Grad-V2-Motor ist zumindest derselbe, der auch in der Multistrada oder Monster
S2 zum Einsatz kommt: 992 Kubikzentimeter, Doppelzündung, Sechsganggetriebe. In der Delirio leistet der Twin nominell
92 PS bei 8500/min und 88 Nm bei freundlichen 4500/min.
Bimota präsentiert ihn in einem aufwendig gestalteten Gitterrohrrahmen, der identisch mit dem des Schwestermodells ist. Die noch vor einem Jahr bei den ersten DB5-Testmotorrädern aufgetretenen Probleme der verzögerten Gasannahme sind der Delirio fremd. Zur Erinnerung: Ducati liefert Bimota zwar den Motor, nicht jedoch das Mapping. Hier musste Pionierarbeit geleistet werden, denn die Bimota-Peripherie ist natürlich anders. Das haben die Techniker mittlerweile bestens im Griff.
Der Zweizylinder hängt wunderschön am Gas. Bis 3000/min reagiert er verhalten, kommt dann vor allem gewaltig in der
Mitte und dreht wunderbar hoch, bis der Begrenzer dem Treiben bei 9200/min ein Ende bereitet. Und die entfesselte Gewalt kann rasant gebändigt werden: Vorn kneifen zwei Brembo-Vierkolbensättel erbarmungslos und bestens dosierbar in zwei 320er-Scheiben. In Verbindung mit dem niedrigen Gewicht des Naked Bikes sind Powerwheelies aus engen Kehren heraus fast obligatorisch. Und Stoppies ebenso. Dieses Bike ist nicht nur im Stand die ultimative Show. Also alles bella, oder?
Nicht ganz. Zusammen mit der Rahmengeometrie hat Bimota auch die Position der Fahrerfußrasten von der DB5 übernommen. Sie sind recht hoch und ziemlich weit hinten angebracht. In Kombination mit dem höher montierten Lenker
ist die Sitzposition nicht ganz optimal, der Kniewinkel des Fahrers geriet sehr eng. Im Gegenzug dafür ist die Schräglagenfreiheit der DB6 praktisch unbegrenzt.
Und noch etwas ist auffällig: Lange
Bögen, bester Straßenbelag – alles ist
perfekt. Das extrem verwindungssteife Fahrwerk drückt die leichten, Dunlop D 208 RR-bereiften Sechsspeichen-Felgen von Marchesini förmlich auf den Teer, als wären Gummi und Belag stark magnetisch. Keine Unruhe, satte Lage, nicht der Hauch des Versuchs, die Ideallinie zu erschüttern. Das ändert sich jedoch, sobald die Delirio Landstraßen zweiter Ordnung erreicht. Da kickbackt es schon mal in der Front, da keilt das Heck schon mal aus. Dinge, die der DB5 fremd waren. Warum? Bimota hat der DB6 ein neues Fahrwerk verpasst. Anstelle der sensiblen Öhlins-Komponenten, die in der verkleideten Schwester verbaut sind, verrichtet vorn eine 50 Millimeter starke Upside-down-Gabel von Marzocchi ihren Dienst. Hinten kommt ein Federbein des englischen Herstellers Extrem Tech zum Einsatz. Obwohl beide Elemente voll einstellbar, die Federwege mit 120 Millimetern vorn und 130 hinten durchaus schluckfreundlich ausgelegt sind, ist die Grund-
abstimmung viel zu hart geraten. Sie passt hervorragend zu einem Renneisen, nicht aber zu einem Roadster für überwiegenden Landstraßeneinsatz. Damit hat sich die Frage nach der Alltagsdiva beantwortet.
Es sei denn, und das sollte für Bimota das kleinste Problem darstellen, die Delirio könnte auf Wunsch mit Öhlins-Komponenten geliefert werden. Denn ein Schnäppchen ist die DB6 wirklich nicht. Die Italiener verlangen stolze 19490 Euro für ihr Schmuckstück. Verrückt? Nein, Schmuck war schon immer teuer.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote