Fahrbericht BMW R 1200 GS Adventure (Archivversion) Der Berg moved

Wer die neue GS 1200 Adventure im vollen Ornat vor sich hat, denkt eher an Bergsteigen als an Motorradeln. Sie ist die mächtigste Reiseenduro, die man derzeit kaufen und erklimmen kann.

Geländegängiger, kräftiger, leichter, komfortabler – mit diesen Worten beschreiben Presse-Poeten von BMW die Qualitäten der neuen GS Adventure. Ihre einzigartigen Talente machen sie »schon ab Werk 100 Prozent weltreisetauglich«. Auf deutsch: Egal, ob australische Tankstellendichte, zentralafrikanische Nebenstrecken oder 1000 Kilometer Autobahn und Wochenend-Beziehung – das Enduro-Monster aus Bayern verschlingt angeblich Distanzen wie unsereins damals liebevoll belegte Schulbrote. Bedauerlicherweise wird aus der Weltreise vorerst nur ein zweitägiger Trip um den Gardasee. Doch der reicht, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen.

Das Losungswort der Adventure heißt »erklimmen«. Denn bei 895 Millimeter Sitzhöhe in der niedrigsten Rastung des zweifach verstellbaren Ausgucks gerät die Erstbesteigung tatsächlich zu einem Abenteuer. Vor allem in Verbindung mit montierten Koffern muss man das Bein beim Aufsitzen weit und hoch schwingen. Zwar haben die bajuwarischen Sitzwerkler die zweigeteilte Bank im Vergleich zur alten Adventure etwas verschmälert, doch hilft dies Kurzbeinigen nur bedingt. Fakt ist: Wer die GS sicher pilotieren will, sollte erstens sportlich, zweitens geübt und drittens groß sein.

Und viertens auch das nötige Kleingeld haben. Schon der Basispreis von 13500 Euro sprengt einen ordentlichen Krater ins Portemonnaie. Darin ist noch nicht mal ein ABS oder Koffersystem enthalten. Wer das volle Programm ordert, kommt auf sagenhafte 19800 Euro. Und wird beim Tanken nochmals um 41 Euro erleichtert, falls er das 33-Liter-Fass tatsächlich mal staubtrocken gefahren hat. So viel zu den finanziellen Voraussetzungen.

Sind jedoch alle Hürden übersprungen, erhält man im Gegenzug die beste Fernreisemaschine, die BMW je gebaut hat. Schon auf den ersten Metern stellt sich tatsächlich das Gefühl ein, mal eben kündigen und den Erdball umrunden zu wollen. Die neue, im Vergleich zur Serien-GS breitere Scheibe schützt hervorragend, der Sitzkomfort ist nahezu perfekt, und das Fahrwerk offenbart einen Sänften-artigen Charakter. Schnell ist vergessen, dass dieser mechanische Weltreise-Kumpel voll-
getankt 292 Kilogramm auf die Waage schleppt. Bleiben noch 183 für die Zuladung. Dumm natürlich, wenn man selber einen ordentlichen Ring in der Leibesmitte trägt und der Sozius ein übertriebenes
Faible für Schokolade hat. Da muss das Gepäck für die Reise dementsprechend spärlicher ausfallen.
Und das wäre schade. Denn diese GS
offeriert das stabilste Gepäcksystem in der BMW-Historie. Vom Zubehörspezialisten Touratech entwickelt und hergestellt, fassen die beiden Alu-Koffer insgesamt 79 Liter, das im selben Look lieferbare Topcase weitere 33. Für maximal 180 km/h und 25 Kilogramm Ladung ist es laut BMW zugelassen. Wer die Verschraubungen, Schweißnähte, das pfiffige Arretierungssystem oder die Schnappverschlüsse genauer begutachtet, bekommt jedoch den Eindruck, dass hiermit notfalls Wackersteine transportiert werden können.
Onroad ist es nach wie vor ein Wunder, was für eine Agilität die knapp sechs Zentner schwere GS an den Tag legt. Abklappen in Schräglage? Einlenken? Abrupte Richtungswechsel? Kein Problem für das Enduro-Gebirge. Der gewaltige Tank ist im Beinbereich schmal und schmiegt sich geradezu an den Fahrer, der breite konifizierte Alu-Lenker liegt wunderbar in der Hand – lenken leicht gemacht. Dazu krallen sich die bei der Testmaschine montierten Michelin Anakee förmlich in den Asphalt und bieten auch bei Nässe guten Grip. Offroad sind damit jedoch Grenzen gesetzt. Doch die Adventure kann schon ab Werk mit Contis Grobstoller TKC 80 geliefert werden. Der bietet selbst im Sand noch Traktion und ist bis 160 km/h zugelassen.
Eine Geschwindigkeit, die der eins zu eins aus der R 1200 GS stammende Motor mit links aus dem Ärmel schüttelt. 98 PS und gewaltige 115 Newtonmeter Drehmoment torpedieren das offroadtaugliche Geschoss auf knapp 200 km/h und drücken es kräftig aus den Kehren. Der luft/ölgekühlte Vierventil-Boxer dreht ebenso wie in der GS 1200 frech und frei wie nie zuvor. Und ist schon die Schwester ein großer Wurf, setzt die Adventure noch eins drauf: Der geteilte, klappbare Bremshebel, die breiten, gezahnten Fußrasten, der stabile Sturzbügel sowie die jeweils um 20 Millimeter verlängerten Federwege verbessern die Geländetauglichkeit nochmals erheblich. Letztere leiten aber auch stärkere Bewegung ins Fahrwerk. 13 Liter mehr Tankvolumen erhöhen die Reichweite bei rund fünf Liter Landstraßenverbrauch auf theoretische 660 Kilometer, und der Langstreckenkomfort ist durch das ergonomische Sitzbankkonzept wie auch das neue Windschild optimiert. Viel Licht und kaum Schatten also?
Nicht ganz. Die Bayern haben eine seitliche Abdeckung fürs Hinterrad vergessen. Der linke Fuß wird bei Regen eingesaut. Außerdem dürfte der ein oder andere bei einem Preis von rund 1600 Euro für das komplette Gepäcksystem integrierte Tragegriffe an den Koffern vermissen. Waschechte Weltreisegurus wünschen sich der geringeren Anfälligkeit halber vielleicht eine Bremse ohne Bremskraftverstärker. Und vermissen den sehr kurzen ersten Gang, wie er noch im Vorgängermodell, der R 1150 GS Adventure verbaut wurde. Wahrscheinlich sitzen diese letzten paar Freaks aber eh im niedrigen Sattel ihrer betagten
R 80 G/S. Man sollte sie zu einer Probefahrt überreden. Die neue Adventure steht ab 25. März beim Händler. Leiter und Steigeisen liegen hoffentlich gleich daneben.

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