Fahrbericht Brudeli 625 L Prototyp (Archivversion) Heiß auf Eis

Norwegen, klirrende Kälte, Sonnenschein. Meterdickes Eis und eine Mission: angasen! Wie gut, dass der Brudeli 625 Leaner drei Räder hat. Oder ist das letztlich das Problem?

Es ist so weit. Bibbernd stehe ich in Eggedal, an der mit drei Kilometern längsten und bekanntesten Eisrennstrecke Norwegens. Meterhoher Schnee reflektiert gleißendes Licht. »Letzte Nacht«, kommentiert Geir Brudeli entschuldigend,
»ist das Thermometer überraschend unter minus 25 Grad gefallen.« Mittlerweile ist es kurz vor Mittag. Und immer noch so kalt, dass man sich beim Pinkeln gegen den Strahl lehnen könnte: minus 17. Umziehen? »Klar«, lächeln die Norweger und deuten auf eine Plastikplane im Schnee, »kannst du dich dort.«

Zehn Minuten später zittere ich in Bergschuhen, langer Unterhose und Fahrerausrüstung neben meinem Testfahrzeug. Meine Mutter würde es ihrer Freundin als Mischung aus Motorrad und Einachsschlepper der Marke Agria beschreiben. Geir Brudeli, der Initiator des Projekts, hat es 625 L getauft. Das L steht für Leaner. Der Begriff ist vom englischen to lean
abgeleitet, sich neigen, anlehnen. Die 625 L ist eine Dreiradkonstruktion. Heck samt Schwinge, Motor und Rahmenfragmente stammen von der KTM 625 SMC. Chassis und die zweirädrige Vorderachskonstruktion hat der Maschinenbauingenieur aus Hokksund selbst ersonnen. Letztere er-
möglicht Schräglagen bis maximal 45 Grad. Zum Fahren auf dem Eiskurs hat Geir die Schräglage auf 30 Grad begrenzt. »Sonst«, sagt er verschmitzt, »greifen die Spikes nicht. Und du rutschst unkontrolliert herum, so, als würdest du auf der nackten Felge fahren.«
Er muss es an meinen Augen abgelesen haben. Oder an meiner runzligen Stirn. Was soll das, denke ich. Motorrad fahren, okay. Quad fahren, na ja. Aber das hier? Geir schlüpft in ein Protektorenhemd, stülpt sich den Helm über, startet den Leaner. Klickt den ersten Gang rein und fetzt
los. Das Ding schwänzelt über die glatte Oberfläche, zerbeißt sie, wirbelt einen
Eisblizzard in die kalte, klare Nordluft und verschwindet brüllend am Horizont. Irgend-
wann tost er mit 140 km/h die gegen-
überliegende Gerade hinunter, auf eine weit geschwungene Rechtskurve zu. Der Leaner neigt sich. 30 Grad. Anschlag!
Geir zieht voll am Kabel, das Fahrzeugheck bricht aus. Am Lenkanschlag und
in voller Schräglage driftet er mit rund
100 km/h durch den Bogen, wechselt kurz die Seiten, der Leaner schwankt, neigt sich
zur Gegenseite.
Kennt jemand die Szene aus dem Film Blues Brothers, in der die beiden Jungs mit dem Wagen perfekt in die enge Parklücke driften? Genau so kommt Geir auf den Zentimeter exakt vor mit zum Stehen. Er nimmt den Helm ab. Seine Glatze dampft. Nur noch lächerliche 14 Grad minus. »So in etwa geht das«, sagt er. »Aber du
wirst das sicher viel besser hinbekommen. Schließlich bist du Profi.«
Ja, äh. Sicher. Irgendwie. Bei uns hat
ja auch jeder einen zugefroren See hinterm Haus... Was soll’s, denke ich. Das Ding hat schließlich drei Räder. Umfallen unmöglich. Geirs letzter Tipp: »Nie zu zaghaft
ans Gas. Sonst highsidest du.« Muss ein
norwegischer Witz sein, ganz klar. High-
siden mit einem Dreirad! Das erzählen mir
Menschen, die auf ihren eigenen Land-
straßen nicht schneller als 80 km/h fah-
ren. Also Gang rein. Man sitzt genau wie auf der KTM Supermoto. Den konifizierten
Alu-Lenker fest im Griff, die Füße auf den gezahnten Rasten. Hähä, was soll schon passieren? Doch noch ehe ich einen Meter gefahren bin, stürzt meine Festplatte ab. Die Sinne sind total verwirrt. Das Auge sagt Auto, Hintern und Hand vermelden Motorrad. Und irgendwie schwankt das Ganze. Schiff ist also auch mit dabei.
Die Zuversicht schmilzt wie Schnee unter Tropensonne.
Meine Mutter hat immer gesagt: Lern was Gescheites. Zu spät. Der Hinterreifen dreht durch, die vollgetankt 230 Kilogramm schwere Fuhre bürstet los wie ein Bluthund auf Fährte. Erster Eindruck: hohe Lenkkräfte. Logisch. Denn der Lenker ist über ein Gestänge direkt mit der Dop-
pelquerlenker-Konstruktion verbunden und muss zwei Räder dirigieren, auf denen Motocross-Reifen aufgezogen sind: Trelleborg Stonemaster, Größe 120/80-17, gespickt mit jeweils rund 200 Spikes. Die krallen sich ins Eis wie Raubtierzähne. Dummerweise ist die rund 15 Meter breite Fahrbahn nicht glatt, sondern zerfurcht von den mit Spikes bereiften Autos, die auf diesem Kurs ihre Meisterschaften ausfahren. Die Oberfläche gleicht einem Schienen-Weichen-Gewirr. Jedes meiner drei Räder will in den Kurven einen anderen Radius fahren. Ein böses Déjà-vu-Erlebnis! Während meiner ersten Fahrstunde vor 26 Jahren bin ich genauso gestrauchelt. Aber ich ahne, wie es geht: Gaaas! Speed scheint der Schlüssel zur Ideallinie zur sein.
Mit jedem Zug am Kabel schlingert
das Ding brutal. Ein fetter 150er-Metzeler Karoo spreizt sich hinten auf einer 5,50-Zoll-Felge und fräst mit den Spikes sein Autogramm ins Eis. Unter mir bellen und vibrieren 60 PS, vor mir giert das weiße Nichts. Das Dumme in dieser Situation:
Die Gefahr des Highsidens ist für mittelschwer Verängstigte wie mich besonders hoch. Immer wieder lasse ich das Heck herum, freue mich diebisch übers Hakenschlagen. Doch der Untergrund ist tückisch. Flächen weichen Schnees wechseln sich ab mit zerfurchtem Eis. Wer hier nicht durchzieht, sondern im Drift schreckhaft den Flachschiebervergaser schließt, den wuppt das Gefährt schnell mal über die Vorderräder. Und 400 Spikes perforieren optimal. Respekt und Angst lenken folglich mit. Ich durchstochere die Kurven, Gas auf, Heck weg, maximal 40 km/h. Geschätzte fünf Grad Schräglage. Gut, dass Geir mich jetzt nicht sehen kann.
Trugschluss. Der Erbauer des Leaners fährt plötzlich neben mir, deutet aufge-
regt auf das Trittbrett, das zwischen Fußraste und Rad wie Trappers Schneeschuh herausragt. Die Trittbretter sind federnd gelagert und bleiben nahezu unabhängig vom Grad der Schräglage in der Horizontalen. »Draufstellen«, schreit er, während er mit einem zweiten, älteren Prototyp nebenherfährt. »Nur zum Schalten muss der Fuß auf die Raste.« Die Luft ist eisig, peitscht mir entgegen. Minus zehn. Unterm Crosshelm wird’s gemütlich. Ich balanciere auf den beiden Trittbrettern und habe das Gefühl, auf zwei mit Seilen befestigten Bratpfannen über einem Abgrund zu schweben. Noch eine Kurve, uff, geschafft. Dann endlich die Gerade. Zirka 800 Meter lang. Runter vom Trittbrett, auf die Rasten. Durchschalten. Erster, zweiter . . . vierter Gang. 120 km/h. Gleißendes Licht, überall konturloses Weiß.
Plötzlich rast der Kurveneingang auf mich zu. Bremsen. Jetzt! Meine rechte Hand erwischt den Hebel der Radialpumpe. Nicht nur der Fingerweg ist einstellbar, sondern auch der Bremsdruck. Zwei Vierkolbensättel schnappen zu, krallen sich
in 327er-Scheiben im Wave-Design. Hört sich alles wichtig an. Das Feedback ist allerdings gleich null. Kein Bremsnicken, kein Gefühl für die Rutschgrenze. Es verzögert. Irgendwie. Für mich allerdings nicht genug. Die Kurve rauscht heran, es trägt mich weit heraus. Mit voller Kraft stemme ich das linke Bein auf die Kufe, versuche, den Leaner nach innen zu leiten. Es klappt. Wenige Zentimeter trennen mich von
der Schneewand. Die jetzt, am Ende des
Winters, ungefähr die Härte von Beton auf-
weisen dürfte.
Zweiter Turn. Der Trick mit dem Gegenstemmen hat irgendwie geklappt. Unerschrocken steuere ich die nächste Kurvenkombination an. Äußeres Bein belasten, Druck auf die Kufe, Schenkeldruck, leichter Dreh am Gasgriff. Schon besser. Nur muss ich noch stärker ans Gas. Denn
mit zielorientiertem Driften hat das Ganze noch nichts zu tun.
Zwei Stunden später bin ich völlig durchgeschwitzt. Was weniger an der Außentemperatur liegt: heiße drei Grad
minus. Sondern viel mehr an meiner
sportlichen Betätigung. Leaner fahren ist eine Mischung aus Surfen, Ski (Carving) und Motorrad fahren. Körpergefühl und Mut sind ebenso gefragt wie Gespür
fürs Driften. Letzteres spiele, versichert mir Geir, auf der Straße nicht so eine große Rolle. Der 625 L soll nämlich als Spaßgerät je nach Reifenwahl sowohl auf Eis wie
im Gelände und auf Asphalt den gleichen Spaß bereiten. Good news also. Denn hier offenbart sich eine neue Erfahrung, eine Herausforderung für jeden Sportfreak.

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