Fahrbericht Cannondale E 440 R (Archivversion) Italo-Western

Auf der Schwinge der Cannondale E 440 R kündet ein Aufkleber vom amerikanischen Nationalstolz. Trotzdem schielen die Amis nach Europa und möchten gern als »Ducati of Dirt« gesehen werden.

Don Gonzales, Techniker bei Cannondale, ist ein typischer Ami: locker, lässig und immer ultracool. Und er spricht diesen typischen, breiten Ami-Slang. Ohne Punkt und Komma sprudeln mindestens 100 Wörter pro Minute aus seinem Mund. So ist jeder der geladenen Journalisten froh, wenn er hin und wieder einen Brocken aus einem gut halbstündigen Redeschwall auffängt, als Don aus dem Stegreif über Modellpflegemaßnahmen an der neuen Cannondale E 440 R referiert. Soviel lässt sich auf jeden Fall erahnen: Der Mann weiß, wovon er spricht. Und der Katalog der Änderungen muss schier endlos sein.Letzteres war auch nötig, denn die erste Serie zeichnete sich nicht gerade durch überragende Qualitäten aus (siehe Fahrbericht in MOTORRAD 11/2001). Nach der einhelligen Kritik der Fachpresse stand das ehrgeizige Motorradprojekt sogar ganz auf der Kippe, zumal Cannondale im letzten Jahr noch mit wirtschaftlichen Problemen wegen der schleppenden Entwicklung des Fahrradmarktes zu kämpfen hatte. Dass kürzlich eine Bank größere Anteile der Firma erwarb, sorgte für den notwendigen finanziellen Spielraum, um das Motorrad marktreif zu machen, dessen Entwicklung bereits Dutzende Dollar-Millionen verschlungen hat. Punkt für Punkt knöpften sich die Techniker über den Winter die Mängellisten vor, die die Journalisten, Rennfahrer und Kunden hinterlassen hatten. Mit entsprechendem Stolz präsentierten die Amis nun das Produkt endloser Nachtschichten und Überstunden. Die Mühe hat sich gelohnt, soviel ist dem Motorrad bereits auf den ersten Blick anzusehen. Zwar ist die Basis, nämlich Rahmen, Fahrwerk und Motor, prinzipiell unverändert, doch – das erkennt man auch ohne Dons Referat – die neuen Plastikteile geben der 440er endlich etwas italienischen Chic. Vor allem stimmt jetzt auch die Verarbeitung im Detail. War die alte Maschine noch eine fahrende Bastelbude, so kann man bei der neuen ohne Stirnrunzeln in jede Ecke und unter jede Abdeckung blicken. Aber die Amis machten auch einige substantielle Eingriffe. So erwies sich der Ansaugweg durch den Rahmen mit dem Luftfilter vor dem Steuerkopf als zu eng, das Motorrad litt an asthmatischen Beschwerden. Beim aktuellen Modell sitzt der Luftfilter im Rahmendreieck hinter dem Steuerkopf, der Tank umschließt den Filter und bildet zusammen mit der Sitzbank die Airbox. Neu ist auch die Einspritzanlage mit vereinfachten Abstimmungsmöglichkeiten, ein spezielles Gerät ist nicht mehr erforderlich. Im Rahmenheck verbirgt sich ein simpler Stecker, an dem ein Laptop angestöpselt werden kann. So lässt sich in einer Minute eine neue Abstimmng für Zündung und/oder Einspritzung einspielen. Eine CD mit unterschiedlichen Kennfeldern wird mitgeliefert. Wer Zeit und Lust hat, kann mit eigenen Kennlinien experimentieren. Oder via Internet Updates herunterladen, auch eine Verbindung zur Serviceabteilung des Herstellers oder Importeurs ist möglich. Des Weiteren taugt die Elektronik zur Fehleranalyse. Sicherlich zukunftsweisend, da wirkt das Hantieren mit Düsen fast vorsintflutlich. Weitere Vorteile: Es ist kein Choke erforderlich, und das Anpassen an die jeweilige Höhe über dem Meeresspiegel erledigt die Elektronik von selbst. Fahrwerksmäßig bleibt die E 440 R bei Öhlins-Komponenten, die jedoch völlig neu abgestimmt wurden. Der Stoßdämpfer ist nun in der Druckstufe doppelt einstellbar. Bald wird es alternativ eine etwas weniger teure Version mit Marzocchi-Gabel und Sachs-Federbein geben. Die Kupplung wird inzwischen hydraulisch über eine Magura-Armatur betätigt. Auch wenn die Cannondale optisch kaum mehr wiederzuerkennen ist, so ist sie in mancherlei Beziehung doch die Alte geblieben. Die positiven Eigenschaften besitzt sie nach wie vor, kommen sogar noch stärker zu Tragen. Dazu zählt der von unten heraus kräftig zupackende, ungemein drehfreudige Motor. Sicherlich gehört die Cannondale in der neuen 450er-Klasse nicht zu den stärksten, wohl aber zu den am leichtesten fahrbaren Maschinen. Die Traktion aus engen Kehren heraus oder auf rutschigen Auffahrten ist phänomenal. Zumal die Einspritzung absolut unauffällig arbeitet, der Einzylinder ausgesprochen direkt und ohne jeglichen Schluckauf am Gas hängt.Überzeugen kann beim überarbeiteten Modell auch die Fahrwerksabstimmung. Wer das Haar in der Suppe sucht, findet allenfalls die wenig sensibel ansprechende Gabel, vielleicht gibt sich das nach der Einlaufzeit. Hinten arbeitet die Federung mittlerweile hervorragend, spricht sanft an und ist dank guter Progression selbst gegen derbe Behandlung gewappnet. Maßstäbe setzt die Cannondale in puncto Handling, hier spielt sie mit Sicherheit in der ersten Liga und muss wohl nur die hauseigenen Mountainbikes fürchten. Gleichzeitig ist der Geradeauslauf erstklassig, der Lenker zuckt auch bei übelsten Rillen nicht ansatzweise. Waren die Amis vor einem Jahr noch Lichtjahre von einer konkurrenzfähigen Sportenduro entfernt, sind es inzwischen höchstens ein paar Schritte. Die Wunschliste für die nächste Generation hat sich drastisch verkürzt: Ein kürzerer Schalthebel, vielleicht noch ein paar Kilo weniger, die Dichtungen der Lenkkopflager sollten leichter laufen, Griffmulden am Heck wären schön, eine Tankanzeige dringend nötig, da man durch die Einfüllöffnung nur in ein schwarzes Loch hineinsieht. In einer Hinsicht ist Cannondale jedoch bereits heute konkurrenzlos: 10600 Euro kostet die Mitgliedschaft in der Offroad-High-Society. Da müsste zum Vergleich schon Ducatis Topmodell, die 998 R, herhalten.

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