Fahrbericht CCM R 30 (Archivversion) Happy Birthday

Hand aufs Herz. Schon mal was von CCM gehört? Spätestens die R 30, die die britische Edelschmiede anlässlich ihres 30. Geburtstags kreierte, verdient eine intensive Betrachtung.

Der Hinterradreifen wimmert erbärmlich, signalisiert unüberhörbar: Mehr geht nicht. Okay, muss eben vorn mehr gehen. Muss der rechte Zeigefinger eben noch ein Stück fester zupacken. Tut er. Die Gabel taucht noch ein Stück tiefer ein. Wann wird das Vorderrad blockieren? Reicht’s noch für die 180-Grad-Kehre? Der Puls steigt. Denn der Auslauf endet ausgerechnet hier auf der Kartstrecke in der Pistenklause. Doch es reicht, die Kneipe wird nicht zum Drive-in-Lokal. Rum ums Eck. Die Fußraster schraddeln über den Asphalt. Gleich darauf mit Vollgas Rausbeschleunigen. Die nächste Kurve kann kommen. Und die übernächste und die überübernächste. Gern, sehr gern sogar. So darf sich Jubiläumsstimmung anfühlen. Denn genau 30 Jahre ist es her, seit Alan Clews die erste seiner Clews Competition Machines, kurz CCM genannt, aus seiner Werkstatt in der Nähe von Bristol schob. Zugegeben, außer einem kleinen Kreis von Enthusiasten blieben die extravaganten britischen Offroad-Bikes der Motorradszene verborgen. Dennoch ist man stolz auf die Historie. Und genau deshalb heißt sie auch R 30, die Jubiläumsausgabe der Briten. Wobei eigentlich sogar wegen ihr selbst gefeiert werden darf. Denn in Gestalt der R 30 stellten die Engländer ihr erstes, kompromisslos für Super Moto konzipiertes Motorrad auf die 17-Zoll-Räder. Und – auch wenn wir wissen, dass über Geschmack gestritten werden kann – die Neue sieht gut aus. Kein liebloser, mit kleinen Rädern und großer Bremse manipulierter Asphalt-Ableger einer Enduro. Tank, Kotflügel, Seitenteile, Heckbürzel - alles eigenständig und schön gezeichnet. Stilistisch folgerichtig die silbern beschichteten Drei-Speichen-Gussräder. Nur der Motor, den haben wir doch schon gesehen, oder? Auch wenn das CCM-Logo sauber in den Ölfilterdeckel eingefräst ist. Stichwort Suzuki. Freewind, um genau zu sein. Trotz 650 cm³ Hubraum kein Vertreter der verschärften Sorte. Dafür mit Manieren. Knopfdruck, der Single ballert los. Kerniger und lauter als in der handzahmen Freewind. Und dadurch auch zwei, drei PS stärker als in der 48-PS-Originalversion – sagt CCM. Mal schau´n. Die Strecke lockt sowieso noch zu ein paar Runden. Nun ja, ein Dragster ist die CCM mit dem Suzi-Herz nicht. Und auch keine 570er-Husky oder 625er-KTM. Dafür rappelt nichts. Kaum Vibrationen, dank Gleichdruck-Registervergaser kein Verschlucken – Hardenduro mal etwas weicher. Und trotzdem macht´s Spaß. Auch nebenan auf der Landstraße. Die 43er-White-Power-Gabel spricht sanft an, hakt nur bei harten, scharfen Schlaglöchern ein wenig. Hinten passt´s perfekt. Das ultraschräg an der hochlanzpolierten Aluschwinge angelenkte Federbein – ebenfalls von White Power – zeigt sich komfortabel, ohne den Flitzer beim Lastwechsel zu sehr ins Schaukeln zu bringen. Der Rest der Ausstattung bleibt puristisch, aber ausreichend. Selbst den Drehzahlmesser könnte man sich schenken. Bei 8500/min((?)) läuft der luft-/ölgekühlte Motor abrupt in den Drehzahlbegrenzer. Und – wie gesagt – wenn’s brenzlig wird, weiß man, was man hat. Brembo-Bremsen vorn und hinten gelten bei Super Motos sowohl auf der Rennstrecke als auch auf der Straße als Klassenstandard. Und mit den gerade mal 137 Kilogramm Leergewicht machen die italienischen Stopper sowieso nicht viel Federlesens. Ein Finger am Bremshebel reicht, um mit der 320-Millimeter-Gussscheibe und dem Doppelkolben-Bremssattel immer und überall die Innenlinie anzuvisieren. Für die Verzögerungsabteilung am Heck bleibt ohnehin nicht mehr viel Arbeit. Wenn die verschärften Bremsmanöver einen Gutteil der 275 Millimeter Federweg der Vorderradgabel aufgebraucht haben, entscheidet bei entlasteter Hinterhand eher die Dosier- als die Leistungsfähigkeit der Einkolben-Anlage. Beides hat die Paarung nicht erst in der CCM unter Beweis gestellt.Und so rollen wir wieder zurück ins Fahrerlager. Mit der Engländerin, die so puristisch konzipiert ist, deren Manieren sich aber angenehm von den oft raubauzigen Sport-Super-Motos abheben. Mit der Britin, die vielleicht etwas mehr Pepp zwischen den Rädern haben könnte – aber dafür richtig geil aussieht.

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