Fahrbericht Corda 3WD (Archivversion) Daniel Dieseltrieb

Genie und Wahnsinn liegen eng beieinander. Nicht nur im Comic, sondern auch in Mecklenburg-Vorpommern.

Warum schreibt MOTORRAD denn nun über Dieselmotoren, Automatikgetriebe, Servolenkungen und Klima-Anlagen? Weil es im nördlichsten der östlichen Bundesländer einen Tüftler gibt, der diese an sich recht langweiligen Baugruppen in ein Dreirad steckt, das mit viel gutem Willen als Gespann durchgeht und dazu auch noch ziemlich aufregend ist. Das Ding heißt Corda 3WD und sein Erbauer Wolfgang Rabe.Den gebürtigen Mecklenburger verschlug es vor über 30 Jahren nach Schweden. Die dortigen Winter sind kalt und lang, und Wolfgang Rabe bewältigte sie im Boxer-Gespann. Irgendwann war er es leid, sich auf den verschneiten und rutschigen Straßen regelmäßig von Lkw verblasen zu lassen. Da schwor sich der Tüftler, ein Fahrzeug zu entwickeln, das in Sachen Traktion, Fahrsicherheit, Komfort und Zuverlässigkeit alles andere in den Schatten stellen sollte. Zehn Jahre später baute Wolfgang Rabe den ersten Prototyp des Corda. Allradantrieb und eine Achsschenkellenkung für Vorder- und Seitenwagenrad gab’s bereits damals, für den Vortrieb sorgte noch ein Alfa Romeo-Motor. Ende der 80er Jahre kamen VW Golf-Triebwerke zum Einsatz, wahlweise vom GTI oder vom Turbo-Diesel. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten weltweit bereits 14 Corda einen Käufer gefunden, und den Konstrukteur und Schrauber Rabe zog es zurück nach Deutschland, um die Produktion im größeren Stil aufzuziehen. Die Wiedervereinigung legte es nahe, sich in seiner alte Heimat Mecklenburg niederzulassen.Aus der One-man-Show wurde ein Viermannbetrieb, der seit 1995 als »CPM Motors« in dem verschlafenen Dörfchen Wanzlitz in einem ehemaligen Schweinemastbetrieb Dreiräder fertigt. Jede Menge Platz für Produktion und Lager sowie ein weitläufiges Testgelände direkt vor der Haustür sind die Vorteile dieser etwas ungewöhnlichen Standortwahl. Für den finanziellen Background sorgen unter anderem Fördermittel des Landes Mecklenburg-Vorpommern, und um den kaufmännischen Part kümmert sich nunmehr Wolfgang Rabes Bruder Jürgen.Bei der Suche nach einem Motorenlieferanten fiel die Wahl auf Audi. Der 2,5-Liter-TDI-Motor der Ingolstädter entsprach ziemlich genau den Vorstellungen der Rabe-Brothers: Er ist bärenstark, laufruhig, sparsam, langlebig und vor allem in kleiner Stückzahl als Neuteil zu bekommen. Ob die Wahl so richtig war, bezweifelt der unbedarfte Corda-Neuling zumindest nach dem Anlassen des kalten Motors. Nach dem Umdrehen des Zündschlüssels nagelt der Direkteinspitzer mächtig laut los. Wo beim Auto eine Motor-Kapselung und die Motorhaube den gröbsten Lärm fernhalten, »dämmt« beim Corda nur eine nackte GFK-Verkleidung. Es gilt also, den Wählhebel des Automatikgetriebes möglichst schnell in Stellung »D« zu bringen und das Fußbremspedal der Integralbremse zu lösen.Was dann kommt, räumt alle Zweifel über die Kombination Diesel/Automatik/Dreirad aus. Die magische Zahl, die all das begründet, was jetzt passiert, lautet 290. In Worten zweihundertneunzig - und zwar Newtonmeter. Das je nach Ausstattung immerhin bis zu einer Tonne wiegende Corda wird von dem Fünfzylinder-Diesel mit einer solchen Urgewalt nach vorn katapultiert, daß der Begriff »Drehmoment« eine völlig neue Dimension erhält. Ein Schaltgetriebe vermißt niemand. Die Vierstufenautomatik von ZF arbeitet perfekt, so daß sich die Besatzung voll und ganz auf das Naturereignis Durchzug konzentrieren kann.Alte Gespannhasen sollten sich anfangs verstärkt noch auf etwas anderes konzentrieren: den Straßenverlauf. Je mehr Erfahrung jemand auf einem herkömmlichen Gespann gesammelt hat, desto schwerer wird es ihm fallen, das Corda sauber auf Kurs zu halten. Verlangen konventionelle Dreiräder nach Körpereinsatz am Lenker, so ist eine zupackende Hand beim Corda gänzlich fehl am Platz. Der Grund dafür ist die superleichtgängige Servolenkung. Jede noch so kleine Bewegung des Lenkers setzen Vorder- und Seitenwagenrad in deutliche Richtungsänderungen um. Wer in alter Gespann-Manier Kurven »unter Zug« fahren will, hat beim Corda kräftig verwachst. Am besten läßt man es einfach locker laufen. Vor Kurven braucht auch niemand Angst zu haben, denn das Corda hebt selbst mit leerem Boot in Rechtskurven nie das Rad. Nur-Autofahrer werden mit dem Corda am schnellsten klarkommen. »Nur-Autofahrer«? Jawoll, richtig gelesen. Zum Schluß gibt’s die schreckliche Wahrheit: Das Corda ist gar kein Motorrad, sondern laut Fahrzeugpapieren ein Pkw/Sonder-Kfz, das mit dem Führerschein der Klasse 3 gefahren werden darf. Und über so etwas schreibt MOTORRAD?

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