Fahrbericht Daelim VC 125 Advance (Archivversion) BANK-GEHEIMNIS

Was will uns der »Daelim«-Schriftzug an einer choppergerechten Sitzgruppe sagen? Wer oder was steckt dahinter?

Honda - was ist das? Anno 1996 klingt diese Frage etwas unsinnig, aber im Jahre 1959 tat Aufklärung not. MOTORRAD-Chefredakteur Siegfried Rauch lieferte sie in Heft 15/1959: Unter der Überschrift »Die japanische Honda« erfuhr der Leser, »daß in Japan eine Entwicklungs- und Fertigungskapazität für Motorräder besteht, die in Europa keine Parallele mehr haben dürfte.« Im Sommer 1959 kam die erste Honda nach Deutschland. In den folgenden Jahren mußte niemandem mehr erklärt werden, was Honda ist.Daelim? Klingt nach Schokoriegel. Oder Waschpulver. Es ist nicht auszuschließen, daß sich der südkoreanische Mischkonzern Daelim auch mit diesen Dingen beschäftigt, aber die Mehrzahl der 10 000 Mitarbeiter hat garantiert mit anderem zu tun. Zum Beispiel mit Rollern und Motorrädern. 1200 Personen fertigen jährlich rund 300 000 motorisierte Zweiräder. Zum Vergleich: BMW bringt es gerade mal auf ein Sechstel dieser Stückzahl. Daelim ist Marktführer in Korea, arbeitet im technischen Bereich eng mit Honda zusammen und drängt nun nach Europa. Als erster Testballon startet die Daelim VC 125 Advance, ein blitzsauber gemachter 125er Chopper, der bereits den Bestimmungen der neuen Einsteigerklasse für 16jährige entspricht.Der Einzylinder-Viertakter stammt von Honda. Das läßt Problemlosigkeit erwarten. Richtig erwartet, die Startprozedur gestaltet sich dank E-Starter und lenkerfestem Choke völlig unspektakulär. Wer es sportlich mag, darf den üppig dimensionierten Kickstarter schwingen - funktioniert genauso einfach. Der erste von insgesamt fünf Gängen flutsch auf Anhieb rein. Die Kupplung arbeitet butterweich, die verbleibenden Gänge rasten exakt und auf kurzen Wegen. Das angenehme Grummeln des kleinen Vierventilers macht jede »Laut ist out«-Diskussion überflüssig. Zurück in den jederzeit leicht auffindbaren Leerlauf und sich mit den Platzverhältnissen vertraut machen. Was mancher doppelt oder dreimal so große Fernost-Chopper nicht fertigbringt, schafft die Daelim locker: ausreichend Platz für Menschen zu bieten, die über 1,80 Meter messen. Die Sitzbankbreite und der Abstand zu den Fußrasten und zum nicht zu stark gekröpften Lenker - alles paßt zueinander und wirkt erwachsen. Die Ausstattung ist üppig: Tacho mit Tageskilometerzähler, eine einigermaßen genau anzeigende Tankuhr, zwei große und tatsächlich den rückwärtigen Verkehr abbildende Spiegel, zentrales Zünd- und Lenkschloß, Tankschloß, Lichthupe, gutes H4-Licht - nichts fehlt. Selbst an Kleinigkeiten haben die Koreaner gedacht: Staubkappen für die Handhebel, Seiten- und Hauptständer serienmäßig, rahmenfeste Soziusrasten.Der Fahrbetrieb zeigt erneut die Honda-Verwandtschaft. Der xx PS starke Einzylinder arbeitet völlig problemlos, macht aber schnell deutlich, daß schaltfaules und untertouriges Fahren nicht sein Ding ist. Durchzug, was ist das? Macht nichts, denn der Single ist äußerst drehfreudig und nervt nicht mit Vibrationen. Bei Tacho 85 km/h ist Feierabend, wer über 18 Jahre alt ist, darf den Single auf xx entdrosseln und ist dann im schnellsten Fall mit xxx km/h unterwegs. Egal ob gedrosselt oder offen, das konventionell gestrickte Fahrwerk kommt bei den gebotenen Fahrleistungen nicht an seine Grenzen. Das gleiche gilt für die gut dosierbare Scheibenbremse im Vorderrad, die dezente Unterstützung von der Trommelbremse hinten erhält. Vorzeitiges Blockieren ist nicht zu befürchten. Die Abstimmung der Federelemente geriet äußerst komfortabel, etwas mehr Dämpfung würde ihnen allerdings ganz gut tun. Wenn die Koreaner der 125er anstelle der Einfach-Kette zum Hinterrad ein Exemplar mit O-Ringen spendieren würden, wäre der kleine Chopper rundum gelungen. Daelim - den Namen werden wir uns merken müssen.

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