Fahrbericht Dötsch-Kawasaki W 650 Scrambler (Archivversion) Labsal für die Seele

Dieser Scrambler scheint einer anderen Epoche entsprungen zu sein und entstammt doch der Gegenwart. Mit gerade mal 50 PS entführt er geradewegs in eine andere Welt. Dorthin, wo Gelassenheit auf feine Details trifft und Esprit die Seele berührt.

Man muss kein Ästhet sein, um dieser Ästhetik zu erliegen, kein Motorradfahrer, um Begierde für dieses Motorrad in sich zu spüren. Dieser Scrambler fasziniert mit ausstellungsreifer Technik – und der Frage nach seiner Herkunft. Am Motorradtreff kreisen Klassik-Kenner unruhig um diese Kreation. Was um alles in der Welt ist das? Nun, eine Therapie gegen Hektik. Stilvolle Formen treffen klassische Proportionen. Diese W 650 trifft einen Nerv.
Obwohl oder gerade weil sie kein exaktes historisches Vorbild hat, wirkt sie völlig authentisch. In dieser Kawa treffen Kühlrippen und Königswelle auf Kickstarter plus K&N-Luftfilter. Ihr besonderes Kennzeichen jedoch ist der Enthusiasmus und das handwerkliche Können ihres Erbauers. Mit viel Liebe und noch mehr Leidenschaft hat der Kawasaki-Händler Bruno Dötsch aus Hildburghausen, mitten im Motorradrevier des Thüringer Waldes, eine W 650 umgebaut.
Das hat er 1999 schon einmal getan, einen bildschönen Café Racer aus dem Paralleltwin erschaffen. Stilecht mit Höckersitzbank, Stummellenkern, poliertem Alu-Tank und Doppel-Duplexbremse. Doch der jüngere Scrambler wirkt mit den stilprägenden Stollenreifen und hochgelegter Auspuffanlage wie Schutzblechen fast noch schöner. So müssen Motorräder aussehen! Beim Ace Day in London und Brighton im September 2005 haben die Briten das japanische Motorrad mit dem englischen Look begeistert gefeiert.
Kein Wunder. Der Umbau magnetisiert die Blicke allein schon mit seinem orangefarbenen Lichtlack. Eine Original-Farbe von der seligen Honda CL 350. Sie strahlt Sinnlichkeit aus und Reife, Glut und Lust. Und die vielen Details des kompakten Scramblers wirken wie aus einem Guss. So beließ Bruno Dötsch den Doppelschleifenrahmen wie er war und verpflanzte darauf den 14-
Liter-Stahltank der Estrella 250. Ihn garnierte der 49-jährige Perfektionist stilsicher mit
Original-Emblemen der W 1 von 1965, die er eigens aus Japan besorgte.
Unverzichtbar: der Gepäckträger auf dem Tank – »Bratwurströster« nennt ihn Bruno Dötsch als guter Thüringer – und die Startnummernschilder links und rechts. Ihnen
opferte Dötsch die Airbox und bestückte den Twin stattdessen mit offenen Ansaugtrichtern von K&N. Sie machten eine diffizile
Anpassung von Düsen und Düsennadeln
erforderlich. Was muss, das muss. Der Vergaserumbau ist sogar eingetragen.
Hinaus flog hingegen der E-Starter. Sonst blieb der Paralleltwin im Originalzustand, kommt auf den ersten Kick. Alles für diesen Moment! Fröhlich tanzen die Gleichdruckvergaser in ihren Gummiflanschen. Wow, was für ein Urklang. Die Schallwellen aus den eng geschlungenen Krümmerkurven und den nah an die Federbeine geschmiegten Schalldämpfern schmeicheln dem Ohr. Purer und sonorer Viertakt-Beat, kehlig und dumpf. Begleitet von herrlichem Ansaug-Schnorcheln. Die selbst gebaute Auspuffanlage mit Interferenzrohr – »sonst funktioniert kein Zweizylinder« – soll bald sein TÜV-Segen adeln. Also los.
Voller Anmut saugt der Zweizylinder kühlenden Fahrtwind auf. Tugendhaft blubbert er als echter Langhuber bereits im Drehzahlkeller kräftig los, läuft ab 800 Touren rund. Tempo 50 im finalen fünften Gang? Das erledigt der Twin völlig smooth, sanfter als eine Thai-Massage. Aber er dreht auch, wenn’s sein muss. Ist schließlich ein pflichtbewusster
Japaner. Kein allzu schweres Spiel haben
die rund 50 PS mit den vollgetankt 202 Kilogramm Maschinengewicht. Viel Metall, ehrliches Material. Ein tolles Gefühl, dass eine Königswelle die Nockenwelle in Wallung bringt. Schön, individuell und voll alltagstauglich.
Erhaben hockt man hinterm breiten Lenker auf der üppigen Sitzbank. An den Federbeinen fehlen bloß die Hülsen um die Federn, die Standrohre der Gabel glänzen nun hochglanzpoliert und von Faltenbälgen geschützt. Was für ein völlig anderes Erscheinungsbild sorgt. Ansonsten blieben die Federelemente der W 650 bis auf härtere Gabelfedern unverändert. Bescheiden fallen daher die Federwege aus. Egal, denn als Scrambler ihre Blüte hatten, waren Enduros noch nicht erfunden. Zum lässigen Motorrad-Wandern reichen Vortrieb wie Fahrwerk allemal. Geradeauslauf und Handling sind einwandfrei. Der Kampf mit den Elementen, hier gilt er noch was. Fliehkraft, Massenträgheit, Winddruck, alles unverfälscht zu spüren.
Als Botschafter zwischen den Welten taugen die Stollenreifen Pirelli MT 21. Man könnte, wenn man wollte. Wenigstens auf Feldwegen. Dafür kippen sie auf Asphalt schon in moderater Schräglage schlagartig ab. Besser funktioniert der Scrambler mit Bridgestone BT 45, den Top-Straßenreifen für Youngtimer. Doch seiner Stollen beraubt, verliert das Motorrad viel seines Charismas. Es ist das einer anderen Epoche, der wilden 60er und flippigen 70er Jahre.
Eben jene Jahrzehnte verbrachte Bruno Dötsch in der DDR. Nur wenige Kilometer entfernt und doch unerreichbar, drehte sich die Welt in einem anderen Rhythmus, rollten die neuesten Zweiräder aus England, Italien und Japan. Trotz staatlich verordneten Zweitaktdunsts hat Dötsch sie immer vor sich gesehen, die Triumphs, Ducatis und Hondas. Mit geschmuggelten Motorrad-Zeitschriften oder bei West-Kontakten in Tschechien und Polen hat er seine Träume aufgefrischt: »Wir hatten nur ein Ziel, solch ein Motorrad. Dafür haben wir komplett gelebt.«
Bereits 1985 besaß der gelernte Kfz-Schlosser eine CX 500. Mit ihr fuhr er sofort am 10. November 1989 in den Westen. Die Wende öffnete ihm ein Ventil: »Ich habe immer von Dampfhämmern geträumt.« Nun ist er
seit genau 15 Jahren Kawasaki-Händler. Mit Augenmaß und Gefühl für Historie. Stimmig wählte er die Formate für Reifen und Räder des Scramblers: Hinten rotiert ein 18-Zöller im Format 120/90 auf einer 2,15 Zoll schmalen Stahlfelge mit den Original-Drahtspeichen. Vorn rotiert eine 90/90er-Trennscheibe auf 21-Zoll-Felge samt Nabe einer KLR 650.
Von der Enduro stammt auch die Bremsscheibe. Bremse? Welche Bremse? Der Doppelkolbenschwimmsattel verquickt hohe Handkraft mit mäßiger Wirkung. Doch einer Schönheit verzeiht man viel. In der tief stehenden Abendsonne glüht und glimmt das Metall
noch mal besonders verführerisch, platzen die
reinen Rundungen des Scramblers plastisch
hervor. Solche Labsal für die Seele ist es, um die sich das Leben dreht.

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