Fahrbericht Harley-Davidson Heritage Softail Springer (Archivversion) Buffalo Bill

Sonnenbrille und Staubmantel, Trittbretter und Lederbags, Springer und Chrom: Auf der Harley-Davidson Heritage Softail Springer fängt der Wilde Westen gleich hinter Hamburg an.

Amerikaner lieben ihre Vergangenheit so sehr, daß sie sie ständig wiederholen: Kaum ist der rote Stern der Sowjetunion untergegangen, erklärt Präsident Clinton dem roten Planeten Mars den kalten Krieg der Sterne, im Mittelwesten donnern nach 100 Jahren wieder Tausende nachgezüchtete Bisons über die Prärie - und auch Harley-Davidson kann sich in der Beschwörung alter Tugenden nicht zurückhalten und legt mit der Heritage - »Erbstück« - Softail Springer die 1948er Panhead wieder auf. Na ja, fast: Aber ein heller Kopf in Harleys Design-Department hat offenbar erkannt, daß man in die seit 1995 angebotene Bad Boy im Grunde nur vorn und hinten 16 Zoll-Speichenräder einzubauen und ihr ein umgeschneidertes Blechkleid anzuziehen brauchte, um zumindest das Äußere jener klassischen Panhead wieder aufleben zu lassen. Man muß zugeben, daß Harley in der jüngeren Vergangenheit große Anstrengungen unternommen hat, um den Wert - sprich: die Verarbeitungsqualität - der Motorräder ihrem hohen Preis anzupassen. Ob die Heritage Softail Springer ihren Käufern die fast 35 000 Mark wert ist, ist daher heute weniger denn je eine Preis- als eine Geschmacksfrage. Sauber verarbeitete Metallteile und Schweißnähte, prima Chrom und Lack, Stoßstangen-Hülsen ohne Ölspritzer und dichter Primärkettenkasten - so muß es sein. Und selbst an den Flüssigkristall-Kilometerzähler im tankmontierten Tachometer kann man sich gewöhnen. Die Besinnung auf alte Werte kann in vielen Dingen einen Fortschritt bedeuten. Schon unsere Altvorderen wußten, wie man bequem auf einem Motorrad sitzt. Affenartig breite Spreader-Bar-Lenker oder unendlich weit vorverlegte Fußrasten sind was für Großstadt-Pfauen. Zum Meilenfressen taugen der sinnvoll breite Heritage-Lenker mit nach hinten gekröpften Griffen, der breite, kuhlenartige Ledersattel mit der von alten Elektra Glides bekannten Lendenstütze und die breiten Trittbretter mit der Schaltwippe um Klassen besser. Die Lauf- und Fahreigenschaften des neuen »alten« Twins entsprechen dagegen immer mehr modernen Ansprüchen. Der in großzügigen Silent-Gummis gelagerte Motor springt auf den ersten Knopfdruck an. Im Leerlauf schütteln satte Vibrationen die Maschine durch. Die Abstimmung der Silent-Gummis ist jedoch so gewählt, daß schon ab Drehzahlen knapp über Standgas sämtliche Vibrationen weggefiltert werden. Das Gefühl des sanften Gleitens vermittelt die Heritage so gut wie nur wenige andere Motorräder. Daß der Motor praktisch keine mechanischen Geräusche mehr produziert, trägt zum soliden Gesamteindruck sicher bei. Doch der Fortschritt hat auch seine Schattenseiten: Durch die scharfen europäischen Lärmgrenzwerte ist vom satten Schlag des V-Twins ebenfalls beinahe nichts mehr zu hören. Dafür entschädigt das Triebwerk mit seinem Vorwärtsdrang. Das 1997er-Modelljahr des 1338 Kubikzentimeter großen Evo-V-Twins geht nun endlich mit dem Druck zur Sache, den Harley schon für die letztjährigen Versionen versprochen hatte. Die 56 PS, die von den 1996er-Modellen kaum eines auf dem Prüfstand bestätigen konnte, scheinen sich nun tatsächlich im Motorgehäuse zu tummeln - denn ein Dreh am Gasgriff und das über 320 Kilogramm schwere Gefährt zieht erfreulich lebendig vorwärts. Auch im Drehzahlkeller tut sich deutlich mehr als in den letzjährigen Evos. Die Heritage Softail Springer hat endlich den Durchzug zu bieten, den ihr gewaltiger Hubraum verspricht. Die Kupplung verlangt nach einer starken Hand, aber glatt und mit sattem Schlag fahren die fünf Gänge des Getriebes ineinander. Nur der Leerlauf macht sich unnötig rar. Im Stand war er an der gefahrenen, mit 27 Kilometer auf dem Tacho noch jungfräulichen Maschine praktisch nicht einzulegen. Die fast unsichtbar kleinen Kontrolleuchten machen einem diese Arbeit auch nicht leichter.Aber was kümmert schon der störrische Leerlauf, wenn in Lack und Chrom die Sonne glitzert, Der Motor lustvoll schnurrt und schiebt und die Heritage Softail Springer sanft über den Asphalt schwebt? Doch, doch - die Springergabel macht ihre Sache überraschend gut. Das in der geschobenen Kurzschwinge geführte, 16-Zoll-Vorderrad hält sauber die Spur und die Federn der Gabel schlucken weg, was mit 107 Millimeter Federweg überhaupt zu schlucken ist. Auch die schwere Dreieckschwinge mit den liegenden Federbeinen unter dem Motor mag da nicht nachstehen und verdaut selbst die gröbsten Asphaltbissen.Das Thema Bremsen ist jedoch immer noch ein wenig heikel. Zwar sind die Betätigungskräfte der beiden Scheibenbremsen - je eine vorn und hinten - bei der Softail Heritage Springer erheblich niedriger als bei früheren Harleys, aber die Wirksamkeit reicht höchstens dem Solisten. Bei über einer halben Tonne - genau: 515 Kilogramm - zulässigem Gesamtgewicht jedoch liefern die beiden Scheibenbremsen einen sehr lebendigen Eindruck davon, wie sich wohl eine 1948er Panhead mit ihren beiden Trommelbremsen verzögern ließ. Da hilft nur eins, um Chrom, Lack und Leder vor Kratzern zu bewahren: die gute, altmodische Vorsicht.

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