Fahrbericht Harley-Davidson-Modelle 2008 (Archivversion) Heavy Birthday

Zum ihrem 105. Geburtstag zaubert die amerikanische Traditionsmarke keineswegs nur ein paar fetzige Farben aus dem Hut. Nicht weniger als vier neue Modelle sollen dem Kunden die Wahl zur Qual machen. Vor allem die Rocker eröffnet neue Dimensionen.

Da ist man erst mal baff. Umkreist ­­das Teil und denkt sich: Warum haben die das nicht schon längst gemacht? ­Nach »Easy Rider« lag es förmlich auf der Hand. Und hat letztlich 28 Jahre auf eine Um­setzung warten müssen. Wer die neue Softail Rocker zum erstem Mal sieht, denkt sofort an Dennis Hopper und Peter Fonda. So radikal, wie die Rocker ausfällt, hat Harley die Begriffe Chopper und Customizing bislang nicht in Serie definiert: maskulin, glamourös, edel, markant. In lediglich 644 Millimeter Höhe schwebt der Fahrer über dem Asphalt. Ganze 1760 Millimeter misst der Radstand. Von der extrem flach stehenden Gabel über den optisch frei schwebenden Einzelsitz bis zum 240er-Schlappen ist die Rocker schlicht Chopperfreaks Traum in Serie. Doch wird der Traum beim Fahren zum Alptraum?
Knopfdruck. Beben. Trotz Ausgleichswellen. Der 1585 cm3 große V2 erwacht. Mit einem Ruck schnalzt die Rocker vom langen Seitenständer. Das ergonomische Dreieck aus breitem, heimeligem Sattel, cool gekröpftem Lenker und vorverlegten Fußrasten ist perfekt. Zwischen 1,70 bis 2 Meter Fahrergröße fühlt sich jeder wohl. Kupplung ziehen – erste Überraschung. Vom Unterarmtraining vergangener Tage ist nichts mehr zu spüren. Zum 105. Geburtstag hat Harley an allen Modellen die Übersetzung des Kupplungsausrückers geändert. Gefühlsmäßig wurde die Handkraft um die Hälfte reduziert.
Gang rein, los geht’s. Die ersten Meter sind gewöhnungsbedürftig. Die flache Gabel, der breite Schlappen – wer auf un­-ebenem Boden anfährt, muss gegen unliebsames Eigenlenkverhalten ankämpfen. Erst mal in Schwung, ist dies jedoch fast völlig vergessen. Die Rocker profitiert von ihrem schmalen 90er-Vorderreifen, dem sehr tiefen Schwerpunkt und ist für diese Art Motorrad phänomenal handlich. Der Lenkeinschlag ist groß, Kehrtwendungen auf normalen Straßen sind überhaupt kein Problem. Aber auch das Lenkverhalten ist ausgewogen, auf topfebenem Untergrund sogar hervorragend. Die knapp bemessenen Federwege von 127 Millimeter vorn und 86 hinten sind mit Schlechtwegstrecken allerdings überfordert.
Der besondere Clou ist der aus zwei Teilen gefertigte hintere Kotflügel, der scheinbar frei und halterlos über dem Hinterreifen schwebt und die Einfederbe-wegungen des Rads mitmacht. Und bei der Rocker C dazu noch ein unter der Sitzbank verstauter Beifahrersattel. Bei Bedarf ist dieser Notsitz samt herausklappbarem Halter mit drei Handgriffen einsatzbereit. Die beiden Rocker stehen ab November 2007 im Handel. Das Basismodell kostet 18995 Euro, die C-Version mit aufwen­-di­ger Lackierung, viel Chrom und dem Soziussitz sprengt ein 21395 Euro großes Loch in die Kasse. Nicht gerade günstig. Selten allerdings war das Freiheitsge­-fühl Harley authentischer als bei diesem Softail-Modell.
Nur in Europa neu: die Sports­ter 1200 Nightster, die sich durch ein paar leckere Details gegenüber der Basis-Sportster anarchisch abgrenzen soll und 9995 Euro kostet. Ein gänzlich neues Modell ist die Dyna Fat Bob. Mit dem Twin Cam 96-Motor – also ohne Ausgleichswelle – ausgestattet, bestimmen bei ihr vor allem der extrem weit gestreckte hintere Kotflügel, ein gerader Drag-Bar-Lenker sowie eine markante Auspuffan-lage das Bild. Abgerundet wird es durch die recht stark profilierte Dunlop D 427-Bereifung. Optisch mag die Fat Bob gedrungen und träge erscheinen, tatsächlich lässt sie sich für ihre 320 Kilogramm überraschend locker-flockig durch die Kurven kreiseln. Sie integriert den Fahrer gut, der Lenker liegt prima in der Hand, und die Bob fühlt sich kerniger und sportlicher an als die Sportster-Modelle, liegt satter auf der Straße. Das in den USA gefahrene Modell war mit mittig positionierten Fußrasten ausgerüstet, was der Maschine zusätzlich Sportlichkeit verleiht. In Deutschland soll der Fette Bob ab November mit vorverlegten Rasten ausgeliefert werden. Preis: ab 15765 Euro. Die Letzte des Neuheiten-Quartetts, die heiß ersehnte SportsteR Xr 1200 – mehrere Hundert Bestellungen liegen bereits vor –, geht im Februar 2008 an den Start.
Last but not least spendiert Harley all seinen Geschöpfen hohl gebohrte Radachsen plus größere Radlager. Und zum 105. Geburtstag bieten die Amis neben den 27 Serienmodellen acht Sondermodelle an, die sich durch eine spezielle Lackierung und Detailverliebtheit auszeichnen. Die Touring-Varianten erhalten ein auf 22,7 ­Liter vergrößertes Tankvolumen, eine Anti-Hopping-Kupplung sowie ein ABS (siehe Kasten oben). Neues gibt es auch bei den wassergekühlten 60-Grad-Vaus: Alle V-Rod-Modelle erhalten das bereits 2007 in der Screamin’-Eagle-Version eingesetzte Motor-Push-up: Eine fünf Millimeter größere Bohrung erhöht den Hubraum auf 1250 cm3. Der Motor leistet nun 125 PS und stemmt ein Drehmoment von 115 Nm bei 7000/min. Optional können alle V-Rods ebenfalls mit einem ABS geordert werden. Aufpreis: 990 Euro. Wenn das kein gutes Geburtstagsgeschenk ist.

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