Fahrbericht Honda Pan European ABS (Archivversion) Eine Seefahrt, die ist lustig...

... dachten sich die Journalisten, als sie bei sintflutartigen Regenfällen Hondas neues Touren-Flaggschiff Pan European erstmalig navigieren konnten.

Honda hatte bei der Präsentation der neuen Pan European im südfranzösischen Carcassonne an alles gedacht – nur nicht daran, Verbindung mit Petrus aufzunehmen. Der interessierte sich denn auch nicht für die generalstabsmäßige Planung und öffnete sämtliche Himmelsschleusen. Eigentlich kein Grund zum Verzagen, denn ein Tourendampfer wie die Pan European sollte selbst unter solchen Bedingungen die Passagiere angemessen transportieren. Doch die Journalisten zögerten, sich, wie einst Noah, den Fluten anzuvertrauen und ließen sich auffallend viel Zeit, die Ergonomie an ihre persönlichen Verhältnisse anzupassen. Der Fahrersitz der Pan European ist in der Höhe dreifach verstellbar und rückt mit den beiden höheren Stufe gleichzeitig nach hinten, so dass fast jeder eine ideale Sitzposition findet. Weiter nach vorn rückte das Triebwerk, das dank Steuerketten statt Zahnriemen als Nockenwellenantrieb und weiteren Modifikationen in der Länge um satte 60 Millimeter schrumpfte. Aufgrund dessen thront der Fahrer näher am Lenker als bei der Vorgängerin. Doch Erklärungen hin, Ergonomie her, für die Tester ist nun endgültig der Augenblick gekommen, Wind und Wetter zu trotzen. Beim Anlassen hebt sich der 90-Grad-V4 noch immer wohltuend durch seine kehlig-knorrigen Lebensäußerungen vom Gleichklang der Reihenvierzylinder-Fraktion ab. Als erstes geht es auf die Autobahn, wo die Pan European ihre Tourerqualitäten gleich nachdrücklich unter Beweis stellen kann. Die Scheibe bietet selbst 1,90 Meter großen Fahrern perfekten Schutz. In der Höhe knapp 19 Zentimeter elektrisch verstellbar, tritt praktisch bei jedermann in einer bestimmten Position weitgehende Windstille ein. Im Gegensatz zur alten ST und zur Supertourer-Konkurrenz, bei denen starker Winddruck im Rücken den Fahrer nach vorn schieben will, sind bei der neuen Pan European lediglich leichte Verwirbelungen zu spüren.Noch erstaunlicher ist die Ruhe hinter der hochgefahrenen Scheibe. Die lästigen Fahrtwindgeräusche treten nahezu vollständig in den Hintergrund, präsent sind dann die Motorgeräusche. Der Pan-European-Kapitän sitzt physisch am Oberdeck, akustisch im Maschinenraum und kann diesen Zustand bei Bedarf durch Absenken der Scheibe auch ganz schnell wieder ändern. Beim Wind- und Wetterschutz ist der Honda-Tourer referenzverdächtig. Weniger dagegen in puncto Fahrstabilität. Bereits beim französischen Autobahnlimit von 130 km/h nervt die Pan European durch eine ständige leichte Unruhe um die Lenkachse, die ein permanentes Kippen um die Längsachse verursacht. Und in zügig gefahrenen Kurven auf Landstraßen neigt der Tourer, wie sich später herausstellt, zu deutlichen Pendelbewegungen, zusätzlich verstärkt durch Bodenwellen. Ein Wermutstropfen im ansonsten vorbildlichen Fahrverhalten. Die Federelemente sprechen sensibel an und sorgen für hohen Komfort, die in dieser Kategorie sowie am üppigen Gesamtgewicht gemessene Handlichkeit ist mustergültig. Die neue Pan European glänzt mit dem alten »ST 1100-Symptom«: Im Stand schwer zu manövrieren, verhält sich der über 300 Kilogramm schwere Passagierdampfer bereits bei Schrittgeschwindigkeit wie verwandelt und meistert selbst bei höheren Geschwindigkeiten Wechselkurven mit verblüffender Agilität. Der Motor mit längsliegender Kurbelwelle zeigt nachhaltige Wirkung. Der abgesenkte Schwerpunkt, der um 50 auf 1500 Millimeter verkürzte Radstand und nicht zuletzt die moderate 170er-Bereifung auf dem Hinterrad tragen ebenfalls zum guten Handling bei. Kräftig aufgerüstet hat Honda beim Motor. Eine Einspritzung mit 36er-Drosselklappen bereitet nun das Gemisch auf, geregelter Katalysator plus Sekundärluftsystem halten die Luft sauber. Durch mehr Hub und Bohrung wuchs der Hubraum auf 1261 cm³ und mit ihm Leistung sowie Drehmoment. Mit 126 PS bei 8000/min und 125 Newtonmeter bei 6000/min legt das neue Triebwerk gegenüber der 1100er (98 PS/109 Nm) nicht nur in der Papierform deutlich zu. Bereits aus niedrigen Drehzahlen tritt die Pan European kräftig an, schiebt über den gesamten Bereich gleichmäßig vorwärts und strebt in höheren Regionen deutlich williger Richtung roter Bereich als ihre Vorgängerin. Hilfreich sind dabei neben dem potenteren Triebwerk auch die sechs Prozent kürzere Gesamtübersetzung und das um 15 Kilogramm geringere Gewicht. Trotz zweier Ausgleichswellen beginnt der V4 ab 6500/min deutlich zu vibrieren. Dann fährt der Tourer im letzten Gang bereits 190 km/h, Wer knapp drunter bleibt, ist vibrationsfrei und trotzdem zügig unterwegs. Lange Reiseetappen ermöglicht die Pan European auch mit ihrem üppigen Tankvolumen von 29 Litern. Wenn es ums Ankern geht, zeigt die in Deutschland ausschließlich mit ABS ausgelieferte Honda ein zwiespältiges Bild. Für mittlere Verzögerungen reichen moderate Handkräfte. Will der Fahrer jedoch stark abbremsen oder im Ernstfall bis in den Regelbereich des ABS vordringen, sind die Kräfte eines echten Seebären gefragt. Die Fußbremse zeigt sich gar von derbsten Tritten weitgehend unbeeindruckt. Dabei bietet gerade die Kombination von Verbundbremse und ABS ideale Voraussetzungen für geringe Betätigungskräfte bei optimaler Dosierbarkeit. Das ABS selbst überzeugt im Blockierbereich durch eine sehr sanfte Regelung, die selbst Normalfahrer in keiner Situation vor Probleme stellt.Doch nicht auf der letzten Rille bremsen, sondern bequem Reisen lautet die Devise der Pan European. Und darin zeigt sie sich abgesehen von Fahrwerksmängeln selbst unter übelsten Wetterbedingungen von ihrer stärksten Seite. Die Ausstattung, der hervorragende Komfort und der überragende Wind- und Wetterschutz haben allerdings ihren Preis: 15990 Euro ohne Nebenkosten, inklusive ABS, 35-Liter-Koffern, verstellbarer Scheibe und Sitzhöhe. Um den Aufenthalt an Bord noch angenehmer zu gestalten, gibt’s vom 45 Liter großen Topcase über ein Audiosystem bis hin zum CD-Wechsler eine lange Liste aufpreispflichtiger Extras. Wobei die Reise auf einem Luxusliner noch nie ein billiges Vergnügen war. Bleibt nur zu hoffen, dass Honda sich vor dem Serienanlauf noch einmal des Fahrverhaltens seines Tourendampfers annimmt, damit die Seefahrt wirklich lustig bleibt. Denn nichts erregt mehr Mitleid als ein seekranker Passagier.

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