Fahrbericht Honda XL 1000 V Varadero (Archivversion)

Küstensegler

Die japanische Reiseenduro, nach einem kubanischen Strand benannt, kommt auch für eine Sonntagspartie an der portugiesischen Atlantikküste gerade recht.

Beginnen wir mit dem, was sich an der neuen, stark überarbeiteten Varadero nicht geändert hat. Trotz ihres Strandnamens mag sie keiner gerne im tiefen Sand fahren. Der Grund dafür liegt auf der Hand. 220 Kilogramm Trockengewicht vermehren sich mit Öl, Kühlflüssigkeit und 25 Litern Sprit zu einer reichlichen Vierteltonne. Solche Massen im grundlosen Geläuf zu bändigen schaffen nur Paris-Dakar-Profis. Momentan sind die alle in der Wüste unterwegs, und so danken wir dem Kollegen, der es mit viel Einsatz und einem großen Stein unter dem Seitenständer geschafft hat, eine Varadero am Saum des Meeres zu parken. Das schöne Foto auf der folgenden Seite hätte unser Fotograf ohne ihn nicht schießen können.Es zeigt den mächtigen Zweizylinder mit voller Gepäckausstattung, und damit wären wir bei dem, was sich geändert hat. Diese von Honda entwickelte Koffergarnitur mitsamt Topcase stellten die Offiziellen während der Präsentationstour nämlich freizügig zur Verfügung. Beim alten Modell hingegen hatten sie bis zuletzt die Herausgabe kofferbestückter Testmotorräder verweigert. Weil niemand das Pendeln bei höherem Tempo bemerken sollte, von dem sowieso jeder wusste. Aber gut. Die Neue besitzt einen durch Knotenbleche versteiften Rahmen, in dem der 1000er-V2 jetzt starr und stabilisierend verschraubt ist. Pendeln soll kein Thema mehr sein, was sich bei einer längeren Autobahnfahrt zwar ohne Koffer, dafür bei Geschwindigkeiten bis 220 km/h bestätigt hat.Das einzig Lästige dabei waren laute Windgeräusche hinter der schmalen hohen Scheibe, die der Varadero-Pilot nur vermeiden konnte, wenn er sich duckte. Obgleich die höhere der beiden möglichen Scheibenpositionen sich als angenehmer erwies - einfach deshalb, weil man sich nicht so tief ducken muss -, sollte Honda eine flachere Scheibe als Zubehör anbieten. Über ein solches Windschild würde der Helm des Fahrers unverwirbelt angeströmt.Auf der Autobahn bewies der Motor, der Einspritzung und für Deutschland zugleich einen geregelten Katalysator bekam, seine hohe Laufkultur. Trotz der starren Verschraubung hielten sich die Vibrationen in leicht erträglichen Grenzen. Dabei war es dem V2 egal, ob er mit mittleren Drehzahlen im Overdrive dahinrollte, der dem bisherigen Fünfganggetriebe aufgesetzt wurde, oder ob er bis an den roten Bereich bei 9000/min drehte. Sogar am unteren Ende der Drehzahlleiter behielt der Varadero-Motor seine guten Manieren. 2000 Umdrehungen reichen ihm, um lochfrei und ohne Hacken zu beschleunigen. Das Einzige, was der Fahrer dazu beitragen muss, ist das Gas bei dieser Drehzahl nicht gleich ganz aufzureißen. Der Kompromiss zwischen viel Schwungmasse, die bei niedrigen Drehzahlen den Rundlauf verbessert, jedoch das agile Hochdrehen bremst, und dem genauen Gegenteil ist gut gelungen.So tourte die Varadero nach der Autobahnetappe am Atlantik entlang nordwärts, auf Nebenstraßen aller Art, eingeschlossen eine zwölf Kilometer lange Naturstraße und ein herrlich gewundenes Asphaltband über die Steilküste nahe Setubal. Sie erfreute selbst bei diesem Kontrastprogramm zur Autobahn mit sehr ordentlichen Fahrwerksqualitäten. Zum einen lässt sich der stramme Brocken am breiten Lenker leicht in Schräglage schwenken. Und zweitens kam er nicht einmal bei engagierter Fahrweise auf der Kurvenstrecke mit kräftigem Beschleunigen, harschem Bremsen und zackigem Einlenken ins Knautschen. Was manche Exemplare des Vorgängermodells nicht vermeiden konnten. Die straffere Abstimmung der Federelemente sowie die geänderte Übersetzung der hinteren Umlenkung machen sich also voll bezahlt.Leider überzeugt der Federungskomfort der Gabel trotz reichlicher 155 Millimeter Arbeitsweg nicht ganz. Ob das allein an der gestrafften Abstimmung liegt oder eher an hohen Losbrechkräften, muss ein Test klären. Es fiel jedenfalls auf, dass die Gabel auf kleine, rasch hintereinander folgende Stöße nicht schnell genug reagierte, lange Wellen dagegen relativ gut wegbügelte. Ein probates Mittel, die kleinen, lästigen Stöße zu mildern, besteht darin, den Lenker mit leichter Hand zu führen. Was zugleich auch eine unverkrampfte Fahrweise fördert und auf der Varadero dank der bequemen, doch keinesfalls passiven Sitzposition gut möglich ist. Auf der neu gestalteten Bank sitzt es sich aufrecht gut nach hinten abgestützt, deshalb kommen die Hände leicht auf den Lenkergriffen zu liegen. Das so gewonnene Komfortgefühl hält lange, so viel lässt sich nach einer Halbtagesetappe von fast 400 Kilometern immerhin sagen.Und eine erste Bilanz ziehen: Danach ist die neue Varadero, Strand hin, Sand her, ein prima Tourenmobil.
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Honda Varadero 1000 (FB) (Archivversion)

HONDA VaraderoDatenMotor: wassergekühlter Zweizylinder-Viertakt-90-Grad-V-Motor, Kurbelwelle querliegend, je zwei obenliegende, kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Tassenstößel, Nasssumpfschmierung, elektronische Saugrohreinspritzung, Ø 42 mm, Motormanagement, geregelter Katalysator mit Sekundärluftsystem, E-Starter, Drehstromlichtmaschine 434 W, Batterie 12 V/18 Ah.Bohrung x Hub 98,0 x 66,0 mmHubraum 996 cm³Verdichtungsverhältnis 9,8 : 1Nennleistung 69 kW (94 PS) bei 8000/minMax. Drehmoment 98 Nm (10,0 kpm) bei 6000/minKraftübertragung: Primärantrieb über Zahnräder, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, O-Ring-Kette, Sekundärübersetzung 47:16.Fahrwerk: Brückenrahmen aus Stahlprofilen, Motor mittragend, Telegabel, Standrohrdurchmesser 43 mm, Zweiarmschwinge aus Aluprofilen, Zentralfederbein mit Hebelsystem, verstellbare Federbasis und Zugstufendämpfung, Doppelscheibenbremse vorn, schwimmend gelagerte Bremsscheiben, Ø 296 mm, Dreikolbensättel, Scheibenbremse hinten, Ø 256 mm, Dreikolbensattel, Verbundbremsanlage.Alugussräder 2.50 x 19; 4.00 x 17Reifen 110/80 R 19; 150/70 R 17Fahrwerksdaten: Radstand* 1560 mm, Lenkkopfwinkel* 62,5 Grad, Nachlauf* 110 mm, Federweg* v/h 155/145 mm, Tankinhalt/Reserve* 25/4 LiterGarantie zwei Jahre ohne KilometerbegrenzungFarben Silber-metallic, Rot, Blau Preis 10 190 EuroNebenkosten 170 Euro*Herstellerangaben

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