Fahrbericht Kawasaki KX 450 F (Archivversion) Selber Gross

Bis vor kurzem schien es um die Zukunft der Offroad-Modellpalette von Kawasaki schlecht bestellt. Der erste 250er-Viertakt-Crosser, die KX 250 F, erblickte zu Beginn der Saison 2004 nur
mit Geburtshilfe von Suzuki das Licht
dieser Welt, und die bereits für 2005 angekündigte 450er-Maschine verpasste ihren Debüt-Termin. Auf der Suche nach einer eigenen, unverwechselbaren Konzeption des Alu-Rahmens hatten sich die Kawa-
saki-Ingenieure offensichtlich verirrt. Das Projekt, das mit Einschleifen-Rahmen statt mit dem für Kawasaki typischen Brückenrahmen geplant war, wurde in letzter Minute gestoppt, die Neuerscheinung auf das Modelljahr 2006 vertagt.
Gut so, denn inzwischen scheint Kawasaki zu alter Entwicklungsstärke zurückgefunden zu haben. Für die KX 250 F
(siehe Kasten rechts) wurde nun wieder ein
eigenständiges Chassis entwickelt, die KX 450 F von Grund auf neu konzipiert.
Wobei man sich dennoch vom aktuellen Stand der Technik inspirieren ließ. Der Brückenrahmen der KX 450 F lehnt sich stark an die Fahrgestelle der 450er-Crosser von Honda und Suzuki an. Was auch auf den Motor zutrifft. Doppelnockenkopf mit vier Titanventilen und 40er-Keihin-Flachschieber-Vergaser gehören bei der Konkurrenz ebenfalls zur Standardausstattung. Bohrung und Hub (96 x 62,1 Millimeter) sind mit dem aktuellen Klassenprimus, der Honda CRF 450 R, identisch. Vier Gänge reichen.
Umso mehr Wert wird auf hochwertige Details gelegt. Auspuffanlage und Fußrasten inklusive Halterungen sind aus Titan, der Lenker stammt vom renommierten bri-
tischen Zulieferer Renthal, die Sitzbank ist mit einem griffigen Bezug aufgewertet. Wie viel Liebe investiert wurde, zeigt auch, dass die Einlasskanäle an jedem Triebwerk in Handarbeit nachgearbeitet werden.
Die entscheidenden Kriterien für 450er-Viertakt-Crosser bleiben jedoch die Leistungsentfaltung und die Fahrwerksabstimmung. Und in dieser Beziehung trafen die Mannen im grünen Overall offensichtlich voll ins Schwarze. »Der Kawa-Motor zieht vom Drehzahlkeller bis in höchste Drehzahlen völlig linear«, schwärmte MOTORRAD-Mitarbeiter und sechsfacher Deutscher Motocross-Meister Didi Lacher von den ersten Runden auf der KX 450 F auf der harten, Supercross-orientierten Piste im italienischen Gallarate.
Insgesamt ähnelt das mechanisch sehr leise laufende Aggregat der KX mit gewaltigem Punch in jedem Drehzahlbereich dem Honda-Motor, bietet obendrein tendenziell sogar mehr Traktion. Was sicherlich auch der komfortablen Abstimmung des Kayaba-Federbeins zuzuschreiben ist. Die Abstimmung der 48er-Upside-down-Gabel aus gleichem Hause wurde ebenfalls sehr weich gewählt. Dies kommt
zwar dem Ansprechverhalten bei kleineren Wellen zugute, wird aber schwerere oder schnellere Fahrer zur Nachrüstung härterer Federn zwingen.
Tuning wäre wohl ebenso an der Vorderradbremse hilfreich. Die Wirkung der Kombination aus Doppelkolben-Bremssattel und der mit Wave-Design sowie
extremer Perforation auffällig gestylten 250-Millimeter-Bremsscheibe bleibt eher unterer Durchschnitt.
Erstklassig dagegen die Hinterradbremse mit 240er-Scheibe, das Startverhalten in jedem Temperaturzustand, die leichtgängige Kupplung, das leicht zu schaltende Getriebe, das sehr präzise Lenkverhalten, das Handling und – wie gesagt – die hochwertige Verarbeitung. Will heißen: Das zusätzliche Jahr Entwicklungsarbeit hat die KX 450 F auf Anhieb in Augenhöhe zur Konkurrenz gebracht. Gut Ding will manchmal eben Weile haben. pm

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote