Fahrbericht Kawasaki Ninja 250 R (Archivversion) Lasst mich Raus!

Was Ihr hier seht, Freunde, ist eine 250er-Ninja. Supersport in seiner lebensbejahendsten Form. Doch statt uns zuzurufen: „Amüsiert Euch damit“, stimmt Kawasaki den City-Blues an.

Es gehört zu den Mysterien der Motorradwelt: Kaum steigt ein Hersteller in die einsamen Niederungen des Hubraums, sucht er verlegen nach Ausflüchten. Als wären unter 600 Kubik ein höchst unsittliches Angebot. Jüngstes Beispiel: Kawasaki. Hat keinerlei Hemmungen, uns 200 PS an den Hintern zu klemmen, Motorräder, die uns im Handumdrehen pulverisieren können, doch beim Versuch, die neue 250er-Ninja zu positionieren, brechen sich die Marketing-Profis fast die Zungen. Erzählen irgendwelches Zeug von verstopften Citys – und servieren uns den kleinen Supersportler als Stadtfahrzeug. Das muss man sich mal reinziehen! Mit 9000 Umdrehungen zum Milchholen – oder was?

Alles an diesem Zweizylinder schreit nach Drehzahlen. Nach kniffligen Kurvenkombinationen, freiem Spiel der Kräfte. Vollgas ist die Sprache, die er am besten versteht. 10000, 12000, 13000/min. Hochschalten, dranbleiben! Von wegen Stadt – ein glasklares Bekenntnis zum Rennsemmeln ist das. Wer die Drehzahlen nicht mit dem Schalthebel aufrührt, knickt am Kurvenausgang ein, gehört an Steigungen der Katz. 33 PS bei 11000/min wollen engagiert zusammengetrieben werden. Und genau darin liegt der eigentliche Witz dieser Maschine. Während jede größere Ninja permanent eingebremst werden muss, wringt man diese hier bis auf Anschlag aus. Was prinzipiell sehr viel lustiger ist und zeitweise sogar schneller.

Zum Beispiel wenn sich die Straßen vor lauter Kurven kringeln und außer Handlichkeit nichts mehr zählt. Wiegt ja nicht besonders viel, die Kleine, 169 Kilogramm mit geflutetem 17-Liter-Tank. Dazu ein Paar Reifen im Trennscheiben-Format – 110 vorn, 130 hinten: Da kommt die kürzeste Linie gerade recht. Wo die Breitreifen-Jogis schwer am Ausholen sind und alle Hände voll zu tun haben, ihren Hobel auf Kurs zu bringen, schneidet die 250er kerzengerade innen durch. Rotzfrech, völlig schwerelos und ohne jedwedes Gehabe.

Das Fahrwerk macht bei allem locker mit, weiche Gabel hin oder her. Und die Bremsen mit Scheiben im Wave-Design fangen den Irrwisch jederzeit sicher ein, auch unter Verzicht auf den letzten Biss. Nicht ganz so tief möchte man sich den Reifen anvertrauen. IRC Road Winner – ein ziemlich holziger Verschnitt. Hält vermutlich drei Erdumrundungen aus, doch vor hochgradigen Schräglagen scheut der japanische Pneu etwas zurück. Braucht ja auch keiner – in der Stadt!

Womit wir bei der entscheidenden Frage sind: Wofür ist diese Ninja denn nun wirklich gemacht? Und: für wen? Ihr Schnittmuster passt jedenfalls so gut wie allen – ob laufendem Meter oder 1,90-Gewächs. Trotz niedriger Sitzposition passen die ergonomischen Verhältnisse zwischen Lenker, Sattel und Fußrasten perfekt. Langstreckenkomfort, Übersicht und die Möglichkeit, sich sportlich in Pose zu werfen, stimmen obendrein. Was, bitte schön, kann man sich noch mehr wünschen?

Stadtmotorrad, pah! Nur weil die Tachonadel nicht über 150 schnalzt und der Sound nicht weit genug zum Himmel schreit? Wann sind wir für Sportler wie diese Kawa endlich reif? Zwei Räder, ein kleiner Motor, 3,5 Liter Verbrauch, basta! Motorräder, die man notfalls seinem Goldfisch anvertrauen kann, weil klar ist, dass er sich nicht die Flossen damit abfährt.

5000 Einheiten wurden für Europa bestellt, die meisten davon gehen nach Spanien, wo man ein etwas unverkrampfteres Verhältnis zu Bonsai-Bikes hat. Nach Deutschland kommen voraussichtlich nur ein paar Hundert und stehen spätestens Anfang Mai für 4345 Euro bereit. Wesentlich günstiger gibts die 250 R in den USA, dort kostet sie keine 3000 Dollar, hat allerdings Vergaser statt einer Doppeldrosselklappenbestückten Einspritzung und schafft damit nicht Euro 3. Was den eklatanten Preisunterschied zwar noch lange nicht erklärt, zumindest aber das Kopfzerbrechen über einen möglichen Eigenimport spart. Über dem großen Teich feierte die 250 R übrigens schon 1986 fröhliche Urständ und mauserte sich zum Bestseller. Kein Motorrad der Grünen verkauft sich bei den Amis besser. Wobei die Kundschaft hoffen lässt: 62 Prozent der 23000 Käufer waren Ersttäter, jede dritte little Ninja ging an eine Frau und keine einzige an die Stadtreinigung.

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