Fahrbericht Kawasaki VN 2000 (Archivversion) Der Drückeberger

Zwei Zylinder. 2053 cm3. 103 PS. 177 Newtonmeter.

Südfrankreich, 19. Februar 2004, Kawasaki präsentiert den fettesten
Drückeberger aller Zeiten: die VN 2000. Ehrfurcht gebietende 371 Kilogramm, die lässig auf einem verchromten Seiten-
ständer lehnen. Allein das Liften vom
Ständer: Schwerstarbeit. Rückwärts ausparken, wenn man die Karre leicht abschüssig gegen den Bordstein gefahren hat? Vergiss es. Bei Ebbe zur nächsten Tanke schieben? Herzkasper. Aufheben, wenn sie umfällt? Bandscheibenvorfall. Nein, hier wurde nicht gekleckert. Kawasaki hat geklotzt. Die VN 2000 ist nur was für echte Kerle. Warum? Ganz einfach: Damit der ultimative Cruiser wirklich King im Ring wird, haben die Grünen in den USA vorab eine Meinungsumfrage durchgeführt. Die Befragten: ausschließlich Männer. Durchschnittlich 46 Jahre alt, 93 Kilogramm schwer und 1,80 Meter hoch. Und ihr Wunsch war Kawasaki Befehl. Kein Wunder also, dass man allein beim Anblick der gigantischen VN unweigerlich an einen fetten amerikanischen Straßenkreuzer denkt. Übrigens: Kawas Werbeprosa umschreibt das Ganze als maskulines Styling.
Wie auch immer, offensichtlich hat der Welt so etwas gefehlt. Easy per Knopfdruck begeben sich zwei 103 Millimeter
dicke Kolben auf den langen Marsch
zu ihrem Wallfahrtsort und kehren nach
123 Millimetern um. Bei Bedarf bis zu 5000 mal pro Minute. Sie setzen maximal 103 PS frei und schicken 177 Newtonmeter bei 3200/min über einen Zahnriemen an den 200er-Hinterreifen.
Garant für einen phänomenalen Geradeauslauf ist ein Radstand von sagenhaften 1,735 Metern. Das klingt unglaublich. Ist aber unspektakulärer als erwartet. Die ersten Meter im Stadtverkehr verwirren den Fahrer, der sich, in vorausschauender Weise, auf ein Trucker-Abenteuer eingestellt hat. Einmal in Bewegung, wirkt die 2000er gar nicht so behäbig. Die Beschreibung handlich oder sportlich wäre jedoch falsch. Nennen wir es lieber das Vermit-
teln von akzentuierter Sicherheit. Gründe: Der 1025 Millimeter breite Lenker sorgt trotz immenser Radlast und 150er-Vorderreifen für niedrige Lenkkräfte, die Sitzhöhe von nur 680 Millimeter für einen tiefen Schwerpunkt.
Es ist ein Erlebnis ohnegleichen, das Ortsschild in den erfreulich guten Rückspiegeln verschwinden zu sehen, sanft das Gasseil zu spannen und sich dem Rausch des Cruisens auf diesem Eisengebirge
hinzugeben. Über ein Meter Freiraum befindet sich zwischen dem Fahrer und dem
massiven, verchromten Scheinwerfer. Der übrigens drei nebeneinander angeord-
nete Projektionsscheinwerfer über einer konventionellen Lampe beherbergt. Dieser opulente Freiraum ist vergleichbar mit der ellenlangen Kühlerhaube eines amerikanischen Straßenkreuzers. Und so seltsam
es vielleicht klingen mag, er vermittelt Selbstvertrauen. Unter dir diese Armada öltriefender, mechanischer Elemente, die nur darauf warten, ihre Muskeln spielen zu
lassen, das Gurgeln des V2, dann diese unglaubliche Masse und die endlose Weite zwischen dir und dem Vorderrad deines
Bikes. Nie war Cruisen intensiver. Meditativer. Nie mächtiger. Die VN verschenkt das einmalige Gefühl, alles sich in den Weg stellende, bis hin zu einem falsch parkenden 40-Tonner, unversehrt durchstoßen
zu können. Durch die Macht der Masse und der Sitzposition. Nicht jedoch durch die Magie des Motors.
Ja, der Motor. Was haben wir erwartet: Schüttelfieber. Mahlgeräusche. Schreckgespenst 93 dB. Ein Erdbeben mit Stärke 5,6 auf der Richterskala. Lange Arme. Schwarze Striche auf dem Asphalt. Nichts dergleichen passiert. Die mechanisch
betätigte Kupplung trennt sauber, die
gewaltigen Zahnflanken der Getrieberäder vermählen sich mit dezentem Krachen, und die kontrollierte Verbrennung von zwei Maß Benzin-Luft-Gemisch entweicht am Ende der beiden verchromten Slash-cut-Schalldämpfer als gurgelndes, sanftmütiges Grollen. Die Kawa-Techniker haben
es geschafft, ihr völlig neu entwickeltes, prähistorisch anmutendes Aggregat mit zwei unten liegenden, kettengetriebenen Nockenwellen, Stoßstangen, Gabelkipphebeln, einer 20-Kilogramm-Kurbelwelle sowie einem Primärtrieb mittels Kette, kurz: 132 Kilogramm pulsierendes, schuftendes, rotierendes Metall durch zwei Ausgleichswellen und modernes Motormanagement weich zu spülen. Und das, obgleich der Antrieb ohne dämpfende Silentblöcke als tragendes Element in den Rahmen integriert ist. Jungs, mal ehrlich: Erwartet der Kunde von einem Dinosaurier Tischmanieren? Will er das wirklich?
Lassen wir ihn also flüstern. Leicht rumpeln. Sanft vibrieren. Und laben wir uns am Drehmoment von saftigen 177 Nm. Gemessen an der Kurbelwelle wohlgemerkt. Was davon nach einer gigantischen Primärkette, einem Zahnradvorgelege und dem breiten Zahnriemen am Hinterreifen tatsächlich ankommt, sei dahin gestellt. Fakt ist: Wer bei 100 km/h im fünften Gang
zügig überholen will, sollte herunterschalten. Doch zumindest in den unteren vier Fahrstufen tobt bei Bedarf ein Orkan. Denn das Urvieh ist alles andere als träge. Der Zweizylinder ist trotz der gewaltigen Massen drehfreudig, zeigt schon knapp über Standgasdrehzahl Mördermuskeln und torpediert dich in null Komma nix in Situationen, in denen Führerscheine gefährdeter sind als die ungestrafte Ausübung des Kettenrauchens. 203 km/h soll die VN
locker erreichen. Ein rein theoretischer Wert. Denn oberhalb von 130 km/h hämmert dir der Gegenwind voll ins Gesicht und verleidet weiteres Angasen. Mit Cruisen hat das sowieso nichts zu tun.
Nein, die VN 2000 ist perfekt auf
ihren Einsatz abgestimmt. Highway-Melodie. Und Kurven? Die großzügig bereifte Kawa lenkt sich insgesamt ein wenig
träge durch Kehren, gibt sich jedoch
relativ neutral. Das Vorderrad klappt beim Einlenken hauchzart um die Lenkachse ein. Schräglagenfreiheit? Schräglagenbegrenzung durch Trittbretter trifft das Thema besser. Aufstellmoment durch die mörderische 200er-Walze? Gegen dieses Eisengebirge hat der Hinterreifen kaum eine Chance. Die Wirkung der Bremsen ist okay, sie verlangen allerdings nach Druck – Stichwort: 46-93-180, man erinnert sich, oder? Das Fahrwerk haben die Techniker gottlob so hinbekommen, dass sich auch Piloten unter und über dem Umfragewert von 93 Kilogramm wohl fühlen. Das Federbein kompensiert nahezu alle Bodenunebenheiten, die 49er-Gabel ist sehr gut gedämpft, feinste Schläge vermag sie jedoch nicht ganz herauszufiltern.
Bleibt als Fazit: kompromissloses
Cruisen – und das schließt jeden Deut Sportlichkeit aus – hat mit der VN 2000 eine neue Dimension erreicht. Wer schon immer mal wissen wollte, wie sich ein grummelnder amerikanischer Straßenkreuzer auf zwei Rädern anfühlt, sollte diesen Überhammer Probe fahren. Für 17195 Euro steht er ab März bei ausgesuch-
ten Kawasaki-Händlern. 300 Exemplare dieses Motorradmonuments werden nach Deutschland kommen. Und garantiert auch Menschen ohne amerikanische Gardemaße glücklich machen.

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