Fahrbericht Kawasaki Z 750 (Archivversion) Kirsches Traum

MOTORRAD-Testredakteur Rolf Henniges fuhr die brand-neue Z 750 in Spanien. Und hat dabei das ideale Motorrad für seinen besten Kumpel Christian, genannt Kirsche, entdeckt.

Hallo Kirsche, Du träumst doch schon so lange von einem Motorrad, das perfekt zu Dir passt, und hast mich immer wieder gefragt, was Du Dir kaufen sollst. Jetzt hab’ ich ein Bike gefahren, das Deine Träume erfüllen könnte: die neue Z 750 – ein handzahmer Geist im rebellischen Outfit. Sportlich konsequent, doch gleichsam komfortabel. Kraftstrotzend und trotzdem nicht zu brutal. Gut aussehen tut sie darüber hinaus auch noch. Viel besser als ihre Vorgängerin.
Denn Kawasaki hat der Z 750 nicht nur ein technisches, sondern auch optisches Update verpasst. Eine 41er-Upside-downGabel mit einstellbarer Zugstufe und
Federvorspannung führt jetzt das Vorderrad. Bislang verrichtete eine konventionelle Gabel mehr oder weniger engagiert ihren Dienst. Das neu gestaltete Cockpit ist nicht nur ablesefreundlicher und informativer – es ist sogar gefälliger. Thront wie ein König auf der kleinen Lampenverkleidung. Beides, Cockpit und Lampenverkleidung, wirkt wesentlich hochwertiger als bei der Vorgängerversion. Obendrein kommt der ovale Auspuff, ehemals ein schnödes Edelstahl-Ofenrohr, in der Verbindung Edelstahl/Mattschwarz mit seinen zwei asymmetrischen Auslässen ungleich knackiger rüber.
Knackig ist auch die Sitzposition. Durch eine Änderung am Lenkkopf sitzt man geringfügig aufrechter gegenüber der Alten. Außerdem ist die Maschine im Beinbereich schmaler geworden. Meine 1,68 Meter verschlingen sich ebenso intim mit der Taille der Z wie Deine 1,91 Meter – nur so nebenbei: Bist Du jetzt runter auf die angepeilten 87 Kilogramm, oder nennt Ute Dich immer noch »mein kleiner Rettungsring«? Wo wir schon dabei sind: Die 750er hat ebenfalls zugelegt – rund zwölf Kilogramm sollen es mehr sein. Damit liegt die 750er bei etwa 230 Kilogramm. Ein Teil des Fettansatzes geht auf Kosten des ABS – ja, nicht lachen: Selbst Rebellen brauchen mitunter eine Lebensversicherung.
Genug der Theorie. Hat Rüdi immer noch seine KTM Duke und Wolli die Honda X-Eleven? Mit der Z 750 würdest Du die Vorteile beider Maschinen kombinieren: Handlichkeit, aggressive Optik, druckvolle Vierzylinder-Power. Du wirst sie mit der 750er abledern, so viel ist klar. Denn im Gegensatz zu diversen anderen Modellen, die in diesem Jahr durch die Abstimmung nach der Euro-3-Schadstoffnorm arg ge-
litten haben, gelingt der Z 750 der Abgas-Hürdensprung beinahe ohne Einbußen.
Beinahe bedeutet vier PS weniger Spitzenleistung. Die Neue presst 106 PS bei 10500/min gegenüber deren 110 bei 11000 Touren. Lächerlich. Den Unterschied spürt man, falls überhaupt, nur im letzten Drehzahlfünftel. Wichtiger als der Zahlenpoker ist ohnehin, wie sich die Neue im echten Leben verhält.
Und da heißt es Knöpfchen drücken, Gang rein und Schmackes. Billingshausen kannst Du locker im sechsten Gang durchfahren. Dann dreht der Motor legere 3000/min. Und verschluckt sich dennoch nicht, wenn Du auf der Geraden aufziehst. Die Abstimmung ist perfekt gelungen: Neue, ovale Doppeldrosselklappen, feiner zerstäubende Düsen, geänderter Ansaugtrakt und modifizierte Nockenwellen sorgen zusammen mit einem überarbeiteten Mapping und mehr Schwungmasse garantiert für ein stetes Lächeln im Gesicht.
Das 748 cm3 starke Aggregat reagiert in jeder Lebenslage widerspruchslos auf Gasbefehle. Und führt sie sanft aus. Ab 3500/min sind die Geister hellwach, wirken rastlos, drängen vor. Ab 6500/min sind sie völlig außer Rand und Band. Jetzt hat die Lunte ihr Ziel erreicht. Was anschließend kommt, wird am besten als kontrollierter Wutausbruch beschrieben. Und damit der auch perfekt auf Hindernisse wie Autos oder Kehren abgestimmt werden kann,
hat Kawa das Getriebe überarbeitet. Die Gänge flutschen wesentlich exakter und leichter. Eine geänderte Motorhalterung minimiert zudem Vibrationen. Erst ab 7000/min kribbelt’s ein wenig im Lenker. Das stört kaum, gehört es doch dazu wie das Schwitzen zum Sport.
Apropos Sport. Wie steht’s mit der
wochenendlichen Hatz durch die Pastorenkurven? In den Wechselkehren wärst Du mit der Z garantiert King im Ring.
Das hat mehrere Gründe: Wenn Du aus Richtung Holzerode angeflogen kommst, kannst Du mit den neuen Bremsen gezielt auf dem letzten Zentimeter ankern. Die ABS-Bremse von Nissin glänzt mit transparentem Druckpunkt, die beiden Dop-
pelkolben-Schwimmsättel mit guter Ver-
zögerung. Das ABS regelt sportlich spät, allerdings nicht so feinfühlig wie das der Konkurrenz aus Bayern. Kurveneingang, rechts der Baum, an dem der Pastor geparkt hatte, links die Weide. Einbiegen. Spätestens jetzt wird Wolli mit seiner
X-Eleven aus den Rückspiegeln schnalzen. Zielgenau biegt die Z 750 auf den mon-
tierten Dunlop Sportmax Qualifier ein
und bleibt selbst über Bodenwellen stabil. Wobei sie sich beim Bremsen in Schräg-lage leicht aufstellt.
Sowohl Gabel als auch Federbein sind neu abgestimmt. Das Fahrwerk liefert sehr gutes Feedback. Es spricht komfortbetont und sensibel an, gibt sich andererseits aber sportlich straff und durchschlagsicher. Und falls Rüdi mit der Duke bis
zum Ende der Kurvenkombination noch am Hinterrad kleben sollte, dann reiß die Brause einfach auf...
Kirsche, vergiss die alte Africa Twin, die nach dem letzten Sturz in der Garage vor sich hingammelt. Wirst sie eh nie wieder zusammenpuzzeln. Die neue Z 750 hat den richtigen Mix aus Body and Soul. Ihre Vorgängerin hat sich in drei Jahren 62013-mal in Europa verkauft und belegt in Frankreich in den letzten beiden Jahren Platz eins
in der Zulassungsstatistik. Für 7895 Euro
gibt’s exakt das, was Du Dir immer erträumt hast: ein alltagstaugliches, frech gestyltes Präzisionsinstrument zum Kurventranchieren, Alpenglühen und letztlich, um das Leben mit einer ordentlichen Prise Freiheit zu würzen. Ab Mitte April steht sie beim Händler. Übrigens: Da die Z jetzt auch serienmäßig mit Wegfahrsperre bestückt ist, kannst Du sie problemlos bei Acki Schmidt vor der Haustür parken...

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