Fahrbericht Kawasaki ZZ-R 1200 (Archivversion) Schlag zwölf

Seit zwölf Jahren zieht das Powerbike ZZ-R 1100 mit konsequenter Aerodynamik und Ram Air nicht nur Speedfreaks in seinen Bann. Kann ihre noch deutlicher auf Gran Turismo getrimmte Nachfolgerin ZZ-R 1200 ebenso begeistern?

Der Tanz ums blaue Band der Highspeed-Bikes ist Geschichte, Tempi um die 300er-Marke spätestens seit dem Erscheinen von Suzuki Hayabusa und Kawasaki ZX-12R beinahe selbstverständlich. Kawasaki hat’s geblickt und propagiert die aktuelle Ausgabe der einstmaligen Überschallschleuder ZZ-R 1100 als eleganten Supersporttourer. Heißt: familienintern grätscht die Zwölfhunderter zwischen ZRX 1200 und ZX-12R. Jedenfalls leistungsmäßig, trifft sie mit 152 PS doch genau die Mitte. Ob’s auch eine goldene ist?Wir werden sehen, aber bevor’s richtig losgeht möchte der um 112 auf 1164 Kubikzentimeter geliftete Reihenvierer - wie üblich - mittels liebevollen Choke-Jonglierens in Stimmung gebracht werden. Im Gegensatz zur ZRX 1200, mit der die ZZ-R einen Großteil des motorischen Unterbaus sowie das Bohrung-/Hubverhältnis teilt, saust hier ZZ-R-typisch die von zwei Öffnungen unterhalb der Scheinwerfer eingefangene Ansaugluft schnurstracks durch die oberhalb des Motors platzierte Airbox - um in den 40er-Fallstromvergasern zu Gemisch verarbeitet und den Brennräumen zum Fraß vorgeworfen zu werden. Das haut hin. Ab 2000/min liefert der mittels ungeregelter Katalysatoren gereinigte Big-Block mächtig Saus und Braus, ja wer sich selbst im Stadtverkehr bis in den Sechsten hochklickt und vor dem Ortsende das Herunterschalten verpennt, erntet beim Gasaufziehen kein unwillig-bronchialech Röcheln. Im Gegenteil, notfalls zieht sich der dicke Pott wie einst Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Drehzahlsumpf, um tief summend loszustürmen. Eigentlich könnte er alles im Sechsten managen, dennoch stellt die leicht knochige Sechsgangbox stets mehrere Übersetzungsalternativen für Stadt und Land zur Verfügung. Knackig knapp gewählte Anschlüsse und massig Drehmoment garantieren freie Gangwahl. Nicht ganz frei von kribbeligen Vibrationen mimt der Zwölfhunderter stets den Gelassenen, hinterhältige Überraschungen liegen ihm fern.Wenig Überraschungen birgt auch die Ergonomie der Neuen: mit gutem Kontakt zum 23-Liter-Tank und den im Kniebereich eingezogenen Profilen des verstärkten Rahmens fühlen sich selbst Großgewachsene für voll genommen, kleine Piloten müssen sich allerdings ganz schön zu den Lenkerhälften strecken. Typisch Supersport-Tourer und hilfreich beim Deckung nehmen zur Erkundung der möglichen Höchstgeschwindigkeit. Das geht flott. In Windeseile entert die Tachonadel zahlenmäßiges Niemandsland, genauer: virtuelle 290 km/h. Was mindestens reellen 270 entsprechen dürfte und wegen des satten Geradeauslaufs und guten Windschutzes quasi nebenbei erledigt wird. Kein Wunder, sollen sich bei derartigen Tempi dank Ram-Air-System bis zu acht Extrapferdchen einfinden, insgesamt also 160 an der Kette zerren.Auf kurviger Landstraße dürfen’s gern ein paar weniger sein, zumal die Kawa in langsamer Fahrt ihr Gewicht von über 270 Kilogramm vollgetankt gut kaschieren kann und recht handlich durch die Gegend stromert. Wenn allerdings schnelle Kurvenkombinationen anstehen, verlangt sie wie ihre Vorgängerin nachdrückliches Handeln. Und sauberes Agieren auf der Bremse. Wer die Stopper nämlich in der Kurve anlegt, bekommt es mit dem Aufstellmoment zu tun, beim schlagartigen Lösen kippt die Fuhre dafür spürbar nach innen. Außerdem gerät die soft abgestimmte 43er-Gabel in Wallung und sorgt für zusätzliche Unruhe. Tipp: die in Dosierbarkeit und Wirkung vorn und hinten vorzüglichen Tokicos möglichst vor der Kurve einsetzen und mit sauberem Zug ums Eck rauschen, dann geht eine Menge mit der dicken Kawa. Zumal die montierten Bridgestone BT 020 R in Sachen Haftung rundum überzeugen. Aufsetzen? Normalerweise kein Thema. Genau wie Anpassung an einen Passagier: Ruck, zuck und ohne Werkzeug sind Federbasis und Zugstufe per Handrad beziehungsweise –rädchen verstellt. Überhaupt schmeichelt die ZZ-R ihrem Benutzer. Hauptständer, leider mit kräftezehrender Übersetzung, Gepäckhaken, erhöhte Lichtmaschinenleistung, einstellbare Handhebel, Tankuhr, Benzinhahn sowie ein praktisches Staufach unter der Sitzbank sind inklusive, lackierte Zubehörkoffer inklusive Trägern gibt’s für knapp 600 Euro. Derartig gerüstet kann die ZZ-R 1200 dem unvermeidlichen Kräftemessen mit bekannten Größen der Sporttouring-Branche gelassen entgegensehen. Demnächst an dieser Stelle.

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