Fahrbericht KTM 990 Superduke (Archivversion) Alarmstufe 1

Die KTM Superduke sorgt allenthalben für Erregung: beim Betrachter, beim Fahrer – und bei der Polizei. Im Februar kommt das Brutalo-Bike in den Handel, MOTORRAD konnte auf den Kanaren unter strenger Beobachtung der Ordnungshüter erste Eindrücke sammeln.

Erst mal Blaulicht einschalten. Sicherheitshalber. Und um die Schwere des Vergehens schon im Vorfeld zu unterstreichen. Der für den Süden Fuerteventuras zuständige Polizist ist stinksauer. Da fotografiert doch einer mitten auf seiner Hauptverbindungsstraße aus dem Kofferraum eines Autos ein hinterherfahrendes Motorrad. Das verlangt nach schärfstem Durchgreifen, verbal zumindest. Eine Festnahme konnte nach längerem Palaver
gerade noch verhindert werden. Minuten später, das Blaulicht leuchtet schon wieder. Nur fünf Kilometer weiter wird ein
auf dem Hinterrad balancierender Kradfahrer gestellt. Just in dem Augenblick,
als der Uniformierte die Tür seines Ge-
ländewagens öffnet, um dieses gefährliche
Verhalten mit einem Verweis zu beenden, wischen zwei weitere Biker lang liegend vorbei, so dass ihm der Windzug schier
die Dienstkappe vom Kopf reißt.
Es ist etwas los auf der beschaulichen Urlaubsinsel im Atlantik. KTM präsentiert den internationalen Journalisten die 990 Superduke. Eine Maschine, deren Design schon im Stand klar macht, dass hier
pure Dynamik materialisiert wurde. Bullig steht sie da, mit Stiernacken und Schultern wie Mike Tyson. Der Schein trügt nicht, das Ding hat Power: 120 PS bei
einem Kampfgewicht von rund 200 Kilogramm vollgetankt sollten genügen, aufmüpfige Amateursportler in ihre Schran-
ken zu weisen. An dem ursprünglich aus der Adventure stammenden V2 haben die Österreicher in den letzten zwei Jahren noch fleißig gewerkelt. Sie bliesen ihn auf den vollen Liter Hubraum auf, verpassten ihm eine Keihin-Einspritzung, die in der Endphase der Entwicklung zwecks besserer Gasannahme noch auf doppelte Drosselklappen umgestellt wurde.
Ähnlich drastisch waren die Eingriffe beim Fahrwerk. Auch das stammt prinzipiell von der Enduro. Doch die Gabel steht steiler, Radstand und Schwinge sind kürzer. Der Tank wanderte in den dritten Stock, thront hoch über dem tief eingebauten, kompakten 75-Grad-V-Motor und der riesigen Airbox in der mittleren Etage. Die Federwege mussten schrumpfen: Hinten bietet das nach wie vor direkt angelenkte PDS-Federbein noch 160 Millimeter, die 48er-WP-Gabel verfügt über knappe 135 Millimeter. Alles voll einstellbar, versteht sich.
Mit den verkürzten Federwegen titscht die Superduke zwar ziemlich unsanft auf, wenn die Kelle eines Polizisten den abrupten Abbruch eines Wheelies vorteilhaft erscheinen lässt. Die Federung ist jedoch keineswegs überhart abgestimmt, überrascht im Gegenteil sogar mit unerwartetem Komfort. Denn erstens spricht sie hinten wie vorn sauber an. Und zweitens entspricht eine eher softe, aber progressive Auslegung der Federung gewissermaßen der KTM-Philosophie. Die Leute haben ihr Handwerk im Offroad-Metier
gelernt, das merkt man. Dank riesigen
Einstellbereichs der Dämpfung lässt sich allzu viel Eigenleben im Fahrwerk wirksam unterbinden. Wer an den vielen Schräubchen dreht, findet irgendwo zwischen lasch und knackig seine Einstellung.
Im Kurvenlabyrinth der Passstraße von Pajara nach Antigua fällt auf, dass in
den Adern der Superduke im Gegensatz
zu anderen Streetfightern, die eher um-
gebaute Supersportler sind, viel endureskes Blut fließt. Die messerscharf-präzise Lenkung ist angesichts der breiten Pirellis phänomenal. Da genügt schon ein leichter Zug am konifizierten Lenker, und schon schlägt die 990er einen gewaltigen Haken, um einer gemächlich über die Straße hoppelnden Ziege auszuweichen. Und notfalls in voller Schräglage den Anker zu werfen ist auch kein Thema, das Aufstellmoment ist minimal.
Trotz agiler Auslegung kann von Nervosität keine Rede sein. Der hohe Lenker mit entsprechenden Hebelarmen und die große Angriffsfläche für den Wind provozieren bei Topspeed – wir sprechen von rund 240 km/h – zwar leichte Unruhen, selbst mutwillige Anregungen klingen aber schnell ab. Kickback? Nie und nimmer.
Ins Schlingern gerät die KTM allenfalls bei brutalen Bremsmanövern, weil der Radstand kurz ist und das leichte Heck dann hoch kommt.
Dass diese Maschinen wieselflink am Horizont verschwinden, ist dem lokalen Sheriff bereits aufgefallen. Erwischt er doch mal eine, lässt sich nichts Illegales entdecken. Selbst der dumpf bollernde Sound ist gesetzeskonform. Modernstes Motormanagement macht’s möglich. Im zweiten und dritten Gang, in denen die
Geräuschwerte ermittelt werden, öffnen die Drosselklappen nicht vollständig.
Im Vergleich zur nicht gerade schwächlich erscheinenden Adventure ist das Triebwerk der Superduke noch einmal eine ganz andere Nummer. Sicher, 120 PS haben auch andere Naked Bikes, aber nirgends kommen sie so explosiv, so aggressiv.
Unter 3000/min geht gar nichts, bei 5000/min spannt der gestärkte LC8-Antrieb allmählich seine Muskeln. Gemüt-
lich Dahinblubbern, das passt nicht. Der raketenmäßige Schub setzt erst jenseits von 6000 Touren ein, bei rund 10000
Umdrehungen ist Schluss mit lustig. Dass
der V2 oben heraus kräftig pulsiert, macht
einen Teil des faszinierenden Spektakels aus. Die Maschinerie lebt und bebt, das muss der Fahrer spüren.
Stehvermögen ist hingegen nicht die Stärke eines solchen Sprinters. Nach
weniger als 100 Kilometern leuchtet die Reservelampe auf, bei forschem Angasen ist der 15-Liter-Tank nach 150 Kilome-
tern bereits staubtrocken. Verbrauchswerte über zehn Liter scheinen bei artgemäßer Fortbewegung möglich. Es sei denn, die ortsansässigen Tankstellen hätten ihre
Uhren kräftig manipuliert.
Am Ende des Tages fällt die Bilanz für den Hüter von Recht und Ordnung zwiespältig aus: kein Strafmandat ausgestellt, keinen Journalisten eingebuchtet. Immerhin: Die Lage ist wieder unter Kontrolle, der Alarm kann aufgehoben werden.

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