Fahrbericht Moto Guzzi 1200 Sport 4V (Archivversion)

Horst

heißt, wo der Adler wohnt. Gleich elf Könige der Lüfte haben auf der neuesten Kreation vom Lago di Como eine Heimat gefunden. Hält die Guzzi, was das Wappentier verspricht?

Mit solcher Dichte hat sich der Adler wohl noch nie über eine Moto Guzzi hergemacht. Für Statistiker: Tankdeckel inklusive, prangen vier Adler auf dem 23-Liter-Fass der Sport 4V, dann je einer pro Zylinderkopfdeckel. Weiter geht es mit Rücklicht (jetzt in Klarglasoptik), Cockpit und Verkleidung. Getarnt finden sich die letzten beiden Exemplare auf der unteren Gabelbrücke und der stirnseitigen Motorabdeckung.

Dem Adler sagt man Kraft, Mut und Weitblick nach. All das kann Guzzi in der aktuellen Situation gebrauchen, denn Eigentümer Piaggio will das Traditionswerk in Mandello schließen und die Produktion ins Stammwerk Pontedera verlagern.

Kraft hätte Guzzis jüngster Sproß allerdings auch ohne Unterstützung der elf Firmenwappen genug, nur leider nicht über den gesamten Drehzahlbereich. Sein 105 PS starker Vierventil-Motor ist identisch mit dem der Stelvio (siehe MOTORRAD 19/2008). Lediglich Airbox und Auspuff wurden modifiziert, was die Hoffnung nährte, dem Sportler bliebe die Antrittsschwäche der Reise-Enduro erspart. Doch unter 5000 Touren erwartet man von einem modernen 1,2-Liter-Motor mehr Druck. Darüber geht dann die Post ab, wobei das maximale Drehmoment bei 6750/min anliegt und die Höchstleistung schon 250 Umdrehungen darüber. So muss für flottes Vorwärtskommen das sechsgängige, leicht zu schaltende Getriebe häufiger bemüht werden, als der Souveränität gut tut. Die Kupplung, wie die Bremse per einstellbarem Hebel bedient, arbeitet exakt und mit vertretbarem Krafteinsatz. Auf Wave-Bremsscheiben (wie beim Zweiventiler) muss die 4V zwar verzichten, die Anlage funktioniert trotzdem gut, auch ohne das optionale, 1000 Euro teure ABS.

Ungeachtet ihres Namens ist die Sport kein Renneisen, sondern ein talentierter Landstraßen-Powercruiser. Was auch die Sitzposition unterstreicht: Mit leicht vor-gebeugtem Oberkörper (st)reckt sich der Fahrer nach dem weit vorn liegenden, in Breite und Kröpfung modifizierten Lenker. Einmal daran gewöhnt, fühlt man sich hinter dem hohen Tank dennoch heimelig untergebracht, wenngleich der enge Kniewinkel auf Dauer unangenehm ist.

Davon abgesehen, gab es beim ersten Kennenlernen wenig Grund zur Klage an den Fahreigenschaften der Sport. Besonders hervorzuheben ist die Metzeler-Sportec-Bereifung, die auch bei einstelligen Außentemperaturen vertrauenerweckenden Grip aufbaut. Weniger lobenswert hingegen – zumindest aus der Warte eingefleischter Guzzisti – ist, was nach dem Drücken des Startknopfs passiert. Quasi nichts! Kein Rütteln, kein Schütteln, kein Schnaufen und kein Beben, wie man es in Dutzenden von Guzzi-Geschichten gelesen hat. Sie springt einfach an. Ohne Getöse. Nur die Ventile tickern ein klein wenig. Sieht aus, als sei der Adler gelandet. In der Gegenwart.
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Plus / Minus (Archivversion)

Plus:
Ausstattung umfangreich, praxistauglich
Reichweite groß, dank 23 Liter Tankvolumen sind 400 Kilometer drin
Fahrwerk straff, aber nicht frei von Komfort
Originalität als wohl letzte Guzzi aus Mandello

Minus:
Drehmoment bis 5000/min überschaubar
Spiegel wenig rücksichtsvoll
Lenker weit vom Fahrer entfernt
ABS mit 1000 Euro Aufpreis teuer

Technische Daten Moto Guzzi 1200 Sport 4V (Archivversion)

Motor
Luftgekühlter Zweizylinder-Viertakt-90-Grad-V-Motor, Kurbelwelle längs liegend, je eine oben liegende, kettengetriebene Nockenwelle, vier Ventile pro Zylinder, Nasssumpfschmierung, Einspritzung, Ø 50 mm, geregelter Katalysator, Lichtmaschine 550 W, Batterie 12 V/18 Ah, hydraulisch betätigte Zweischeiben-Trockenkupplung, Sechsganggetriebe, Kardan, Sekundärübersetzung 3,666.
Bohrung x Hub 95,0 x 81,2 mm
Hubraum 1151 cm³
Verdichtungsverhältnis 11:1
Nennleistung 77,0 kW (105 PS) bei 7000/min
Max. Drehmoment 105 Nm bei 6750/min

Fahrwerk
Rohrrahmen aus Stahl, Motor mittragend, Telegabel, Ø 45 mm, verstellbare Zug- und
Druckstufendämpfung, Zweigelenk-Einarmschwinge aus Aluminium, Zentralfederbein mit Hebelsystem, verstellbare Federbasis und Zugstufendämpfung, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 320 mm, Vierkolben-Festsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 282 mm, Doppelkolben-Schwimmsattel.
Alu-Gussräder 3.50 x 17; 5.50 x 17
Reifen 120/70 ZR 17; 180/55 ZR 17

Maße+Gewichte
Radstand 1485 mm, Lenkkopfwinkel 65,0 Grad, Nachlauf 120 mm, Gewicht vollgetankt 240 kg, Federweg v/h 120/140 mm, Sitzhöhe 800 mm, Tankinhalt/Reserve 23,0/4,0 Liter.
Garantie zwei Jahre
Farben Rot, Schwarz, Silber
Preis 12545 Euro
Nebenkosten 255 Euro

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