Fahrbericht Moto Guzzi Breva V 750 IE (Archivversion)

WIND-MÜHLE

Mit der neuen Breva V 750 IE will Moto Guzzi frischen Wind in die Mittelklasse bringen und mit voll gesetzten Segeln zu neuen Kundenkreisen aufbrechen. Steife Brise oder laues Lüftchen?

Winde sind beliebt. Bei Seglern und Surfern sowieso, aber auch bei den Kreativen in den Namens-Schmieden der Zwei- und Vierradhersteller. Verheißen die meist exotisch klingenden Namen doch stets Dynamik, Bewegung und somit Veränderung. Für das jüngste Kind aus dem Hause Moto Guzzi liegt der Name Breva besonders nahe. Er bezeichnet einen aus Süden wehenden Wind am Comer See, an dessen Ufer das Moto Guzzi-Werk in Mandello beheimatet ist – und vertreibt stets das schlechte Wetter in Richtung Norden. Der Name scheint Programm zu sein. Muss er auch, will der in den letzten Jahren stark gebeutelte Hersteller neue, junge Kundschaft mit dem Guzzi-Virus infizieren. So lautete denn die Vorgabe für die Breva: Schön muss sie sein, leicht zu fahren, technisch auf dem aktuellen Stand. Und mit typischem Guzzi-Flair soll sie Einsteiger und alte Hasen gleichermaßen ansprechen. Die Breva rollt als Mix aus klassischem Naked Bike und Roadster ins Rampenlicht und erinnert beim Design durchaus ein wenig an die Yamaha Bulldog.Für den eigenständigen Auftritt sorgt spätestens der markante 90-Grad-V2 mit längsliegender Kurbelwelle, der sein Drehmoment traditionell per Kardanantrieb ans Hinterrad überträgt. Der luftgekühlte 750er ist zwar ein alter Bekannter, erfuhr jedoch eine Frischzellenkur. Eine neue Nockenwelle steuert nun die Ventile, neue Kolbenringe sollen den Ölverbrauch senken, die Entlüftung des Kurbelgehäuses wurde verbessert sowie der Luftfilterkasten neu und bei dieser Gelegenheit auch gleich wartungsfreundlicher gestaltet. Zentrale und wichtigste Änderung ist die elektronische Marelli-Einspritzanlage, welche günstige Voraussetzungen für eine Abgasreinigung per geregeltem Kat schafft, um die Euro-2-Hürde zu nehmen. Trotz Einspritzung muss der Fahrer beim Kaltstart noch selbst Hand am Choke anlegen. Nachdem der Anlasser den V2 mit sattem Klonk in Schwung gebracht hat stampft der Zweizylinder mit dezentem Blubbern und nach kurzer Warmlaufphase mit rund 800 Touren im Leerlauf vor sich hin. Der 750er stammt direkt vom V 50-Motor von 1979 ab und besitzt deshalb ebenso wie dieser Brennräume nach dem ungewöhnlichen Heron-Prinzip. Sie sitzen nicht in den völlig planen Zylinderköpfen, sondern in einer Mulde im Kolbenboden. Die Vorteile sieht Guzzi in einer effiziente Verbrennung und geringem Verbrauch. Andererseits begrenzen die beiden relativ kleinen, parallel zu einander stehenden Ventile die Füllung und damit die Leistungsausbeute. Optimalen Verbrennungsabläufen soll auch die Positionierung der Einspritzdüsen dienen, die den Sprit auf die Einlassventile leiten. Zwar klingen 48 PS aus 750 cm3 Hubraum erst mal nicht berauschend, doch der Drehmomentverlauf macht die Musik. Die Abstimmung und die Charakteristik des Kurzhubers darf denn auch als gelungen gelten. Bereits knapp über 1000/min kann ruckfrei beschleunigt werden, ab 1500 Touren wird die Sache geschmeidig, bei 2000/min kommt der richtige Bumms, den man angesichts der Leistungsdaten so kaum erwartet hätte. Zwischen 3500 und 5000 Touren legt der Twin gleichmäßig zu, bevor der Wind noch einmal kräftig auffrischt und die gelbe 7000er-Markierung auf dem Drehzahlmesser zum baldigen Schalten mahnt. Häufige Gangwechsel müssen also dank des ordentlichen Durchzugs nicht sein, obwohl diese mit dem ebenfalls überarbeiteten Getriebe nun exakter und geschmeidiger vom Fuß gehen. Störende Lastwechselreaktionen des Kardans bleiben übrigens fast völlig aus. Der Fahrer kann sich an der sehr entspannten Sitzposition und dem guten Knieschluss am ausgeprägt konturierten Tank erfreuen und sich im großen Gang ins Kurvengewimmel stürzen. Die trocken nur 182 Kilogramm – folglich betriebsbereit wohl knapp über 200 Kilo - leichte Breva zeigt sich gut ausbalanciert und lässt sich entsprechend leicht abwinkeln. Der Guzzi-Pilot kann flott um die Ecken zirkeln, auch wenn die Kombination aus der Bridgestone BT 45-Serienbereifung in handlingfreundlich-maßvollen Dimensionen - 110/70 vorn und 130/80 hinten - und mäßig griffigem Asphalt recht früh erste Warnsignale aussendet.Etwas Zurückhaltung ist ohnehin angesagt, sobald grobe Flicken oder Schlaglöcher auftauchen. Die nicht einstellbare Marzocchi-Gabel und die nur in der Federbasis verstellbaren Federbeine vermitteln mit knappen Federwegen und straffer Abstimmung zwar stets gute Rückmeldung, machen die Guzzi aber nicht eben zur Sänfte. Abhilfe gibt’s notfalls aus dem Zubehörschrank in Form voll einstellbarer Bitubo-Federbeine für rund XXX Euro. Für Piloten, denen die serienmäßigen 790 Millimeter Sitzhöhe zu hoch sind, haben die Italiener ebenfalls eine Lösung in Form des 30 Millimeter niedrigeren Lady-Seat. Dass der Preis hart kalkuliert wurde, zeigt der nur gegen Aufpreis nachzurüstende Hauptständer. Ob man der Breva vorn eine zweite Bremsscheibe hätte spendieren sollen, ist Ansichtssache. Die 320-Millimeter-Scheibe liefert in Verbindung mit dem Brembo-Vierkolbensattelordentliche Verzögerung, lässt allerdings herzhaften Biss vermissen und benötigt für harte Anbremsmanöver mehr als die gewohnten zwei Finger am Hebel. Aber die Breva will gar kein Motorrad für Extreme sein. Die Höchstgeschwindigkeit, die laut Tacho knapp 180 km/h beträgt, wird man wohl ebenso selten auskosten wie die allerletzten Drehzahlreserven oder den letztmöglichen Bremspunkt. Unbeschwerten Spaß am Fahren und leichtes Handling möchte die jüngste Guzzi bieten und somit auch Einsteiger locken. Eine 34-PS-Variante für Führerschein-Neulinge wird voraussichtlich ab September zu haben sein. Alle anderen können sich den Breva-Fahrtwind bereits ab Anfang April um die Nase wehen lassen. Ob die frische Brise aus Mandello auch zu stürmischem Andrang bei den Guzzi-Händlern führt? Es ist zu wünschen, bleibt jedoch erst mal abzuwarten.
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MOTO GUZZI BREVA V 750 IE (Archivversion)

Motor: luftgekühlter Zweizylinder-Viertakt-90-Grad-V-Motor, Kurbelwelle längsliegend, eine untenliegende, kettengetriebene Nockenwelle, zwei Ventile pro Zylinder, Stoßstangen, Kipphebel, Nasssumpfschmierung, elektronische Saugrohreinspritzung, Motormanagement, geregelter Katalysator, E-Starter, Drehstromlichtmaschine 330 W, Batterie 12 V/14 Ah.Bohrung x Hub 80 x 74 mmHubraum 744 cm3Verdichtungsverhältnis 9,6:1Nennleistung: 35,5 kW (48 PS) bei 6800/minMax. Drehmoment: 55 Nm (5,6 kpm) bei 3600/min Kraftübertragung: Primärantrieb über Zahnräder, mechanisch betätigte Einscheiben-Trockenkupplung, Fünfganggetriebe, Kardan.Fahrwerk: Doppelschleifenrahmen aus Stahlrohr, geschraubte Unterzüge, Telegabel, Standrohrdurchmesser 40 mm, Zweiarmschwinge aus Aluminium, zwei Federbeine, verstellbare Federbasis, Scheibenbremse vorn, ( 320 mm, Vierkolbensattel, Scheibenbremse hinten, ( 260 mm, Zweikolbensattel, Alugussräder 3.00 x 17; 3.50 x 17Reifen 110/70 H 17; 130/80 H 17Fahrwerksdaten: Radstand 1449 mm, Lenkkopfwinkel 62 Grad, Nachlauf 109 mm, Federweg v/h 130/75 mmMaße und Gewichte: Sitzhöhe 790 mm, Gewicht trocken 182 Kilo, Tankinhalt 17 LiterGarantie zwei Jahre ohne KilometerbegrenzungFarben Schwarz, Silber, RotPreis inklusive Nebenkosten 7650 Euro

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