Fahrbericht Moto Guzzi Griso 1100 (Archivversion) Raus jetzt!

Vergessen wir den Alltag. Jeglichen Stress. Termindruck, rote Ampeln oder unbezahlte Rechnungen. Um dem Leben die schönsten Momente abzugewinnen, gibt es nun ein neues Rezept: die brandaktuelle Griso.

Wäre das Leben eine Filmkulisse, könnte man dem Alltag einfach durch eine Nebentür entfliehen und in eine Welt eintauchen, in der es keine miesen Chefs, keine Wecker oder keine Staus gibt. Es klingt vielleicht vermessen, aber den Schlüssel zu dieser Nebentür liefert Moto Guzzi ab Oktober in Gestalt der 11990 Euro teuren Griso.
Als eine Studie des Modells auf der Intermot 2002 erstmals der Öffentlich-
keit präsentiert wurde, war die Resonanz
riesig. Denn das Design überraschte nicht nur die Traditionalisten. Der mächtige, Guzzi-typische 90-Grad-V2 jagt seine polterigen, akustischen Lebensäußerungen durch Krümmer mit dem Durchmesser einer zünftigen Hausmacher-Salami und wird von einem Chassis eingefasst, das sich irgendwo zwischen den üblichen Motorradgattungen einsortiert. Die Griso ist eine Mischung aus Cruiser, Musclebike, Roadster und Tourer. Kaum jemand hätte darauf gewettet, dass die Mannschaft aus Mandello am Comer See das Projekt je eins zu eins umsetzen würde.
Doch nun steht sie da. Eins zu eins. Und zur Probefahrt bereit. Vollgetankt, voll funktionsfähig, taufrische Reifen. Apropos Reifen: Auf den Dreispeichen-Aluminiumfelgen sind Metzeler Rennsport aufgezogen. Man ist den Wünschen der Designer tatsächlich nachgekommen und hat Gummis mit extrem wenig Negativprofil montiert, um die harmonische Gesamterscheinung nicht zu gefährden. Ob’s eine so gute Idee ist? Denn bis diese Schlappen richtig Grip aufbauen, müssen erst einige Kilometer abgespult sein.
Erster Gedanke: Oh Gott, bitte hilf. 1554 Millimeter Radstand, 2260 Millimeter Gesamtlänge, gedrungen, als hätte jemand ein Klavier drauffallen lassen – das kann einfach nicht gescheit ums Eck pfeifen. Abgesehen von diesen Bedenken kommt die Griso jedoch überaus sympathisch rüber. Das beginnt mit der niedrigen Sitzhöhe von 800 Millimetern, geht weiter mit der sehr hochwertigen Anmutung, dem verchromten, konifizierten Stahllenker, der sehr gut in der Hand liegt, bis hin zum Druck auf den Knopf, der
den Elektrostarter aktiviert und damit das Beben auslöst, das für Gänsehaut sorgt.
Es gibt Dinge, die kann man nur sehr schwer erklären. Den Mythos Guzzi beispielsweise. Fällt der Name, denken die meisten Biker an schwarze Fingernägel, riesige Werkzeugtaschen, Öllachen, Stationärmotor-Flair, derbe Lastwechselreaktionen oder Vibrationen. Klingt eigentlich abtörnend, aber Guzzi-Fahrer erkennt man am zufriedenen Lächeln. Und genau das stellt sich auch bei der Griso mit dem ersten Arbeitshub der Kolben ein.
Dieses wunderschöne, einzigartige mechanische Klöppeln. Das typische Grollen eines 90-Grad-V2 aus dem riesigen Endschalldämpfer. Das unverkennbare Nicken des Lenkers. So, als würde er jeden Kolbenhub mitzählen. Hier wird trotz Einzug von elektronischen Heinzelmännchen nichts verwässert. Hier werkeln liebevoll aufeinander abgestimmte Bauteile in einem fetten, luftgekühlten Verbrennungsmotor, der den Fahrer an seiner Freude über jeden Arbeitstakt teilhaben lässt. Trockenkupplung ziehen, ersten Gang rein und auskuppeln.
Da ist sie, die Seitentür aus dem Alltag. Obwohl der Fahrer verhältnismäßig weit vom Aufstandspunkt des Vorderrads entfernt sitzt, ist er perfekt ins Motorrad
integriert. Die Griso vermittelt das Gefühl von Heimat. Oder endlich am wichtigsten Punkt im Leben angekommen zu sein.
Denn sie schert sich um nichts und überträgt diese Gelassenheit auf den
Fahrer. Das beginnt mit dem schrägen, gleichwohl zeitlosen Outfit. Und geht weiter mit dem V2. 1064 cm³, zwei Ventile pro Zylinder, Einspritzung. Exakt 88,1 PS
bei 7600/min. Werte, über die jeder Fah-
rer eines 1000er-Sportmotorrads lächelt. Doch die Kraft eines Motors lässt sich nicht allein an seiner Leistung messen. Bei der Griso geht es vielmehr um Magie. Anders als viele Hochleistungsmotoren, die durch ihre aggressive, steil ansteigende Leistungskurve zum Heizen animieren, strahlt das Griso-Aggregat eine souveräne Ruhe aus.
Warum? Das Erlebnis Verbrennungsmotor ist bei der Griso auf wirklich jedem Millimeter des Drehzahlbands unterhaltsam. Egal, ob Bummeln bei 2000 oder Blasen bei 8000 Touren – stets reagiert der V2 sanft auf Gasbefehle und wirkt kraftvoll und harmonisch. Beim zügigen Fahren will er bei knapp über 6000/min geschaltet werden. Dieser subjektive Eindruck wird objektiv untermauert, denn bei 6400 Touren produziert das Aggregat sein stärkstes Drehmoment von 89 Newtonmetern.
Es ist eine erfrischende Souveränität, mit der dieses Motorrad den Alltag abstreift. Hier geht es nicht um Schnelligkeit, ums Ankommen oder Posen. Es geht schlicht ums Fahren. Wer auf der Griso unterwegs ist, glaubt zu wissen: So ungefähr müssen sich die ersten Motorradfahrer gefühlt haben, die zu Beginn des
20. Jahrhunderts den Rausch des Fahrerlebnisses in sich aufnehmen durften.
Und das Ganze in Verbindung mit einer knackigen Fahrdynamik, die man diesem durchgestylten Zweirad gar nicht zutraut. Wer mit viel Selbstüberschätzung auf eine Kurve zuhämmert, der kann sich auf akurat funktionierende Stopper verlassen. Ihr Druckpunkt ist exakt, die Wirkung absolut ausreichend. Selbst wenn der Anker mal voll geschmissen wird, knallt die Upside down-Gabel nicht an ihren Anschlag. Denn das Fahrwerk trägt Sportgene in sich. Sowohl die Gabel wie auch das Federbein lassen sich voll einstellen und bieten in ihrem breiten Bereich zwischen Komfort und Sport echte Reserven. Und das ist gut. Denn die flunderartige, vollgetankt rund 250 Kilogramm schwere Griso, der man Handlichkeit zunächst gar nicht zutraut, lässt sich mühelos und spielerisch durch die Kurven zwirbeln.
Es bedarf nur eines sehr geringen Lenkimpulses über Schenkel und Lenker – ratz, fatz liegt die Kurve hinter dir. Und die können gerne aufgereiht wie Perlen an der Schnur kommen. Denn: Das Erlebnis Guzzi-Motor ist geblieben. Das Gespenst der ungehobelten Manieren hingegen fort. Die sechs Gänge des Getriebes lassen sich butterweich schalten und rasten exakt, der Motor ruckelt selbst bei niedrigen Drehzahlen nicht, der Kardan arbeitet sanft und fast ohne Aufstellmoment, die geringen Lastwechselreaktionen sind verzeihlich.
Und so verführt die Griso ihre Fahrer. Durch pure Lust am unterwegs sein. Dem elementaren Bedürfnis eines jeden Motorradfahrers, das diese Maschine jedoch
wie keine andere zur Maxime erhebt.
Wie beschreibt Moto Guzzi es nur allzu treffend in der Presseprosa: »Die Griso
ist ein Motorrad, das Spuren hinterlässt. Schon vor dem Start und erst recht danach.« Genau. Den besten Beweis liefert die Illusion, der Alltag sei nur Kulisse.

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