Fahrbericht Moto Guzzi Norge 1200 GTL (Archivversion) All inclusive

Reisen mit allem Drum und Dran: Moto Guzzis Norge 1200 GTL hat von der elektrisch verstellbaren Scheibe über
Koffer, ABS und Navigationssystem einiges zu bieten. Und wie verlockend ist das Angebot?

Eins, zwei, drei – seit der Übernahme von Moto Guzzi durch die Piaggio-Gruppe geht es mit der Traditionsmarke in schnellen Schritten vorwärts. Zumindest, was die Modellpolitik betrifft. Im letzten Frühjahr erblickte die Breva das Licht
der Welt, ein halbes Jahr später folgte
bereits die Griso, und vor wenigen Wochen stellten Guzzis Konstrukteure dem für
diese beiden Modelle gänzlich modernisierten V-Zweizylinder eine hubraumreduzierte 850er-Variante zur Seite. Außerdem präsentierten sie ein ABS.
Nun wummert eine weitere neue Guzzi zu ersten Fahreindrücken auf kurvigen Sträßchen entlang des Comer Sees. Beim Stopp an der Ampel verrenkt sich ein
Kawasaki KLV 1000-Fahrer schier den Kopf – eine so elegant vollverkleidete Guzzi mit im Farbton und Finish passenden Koffern hat er noch nie gesehen.
Die Norge 1200 ist wahrhaftig schön gemacht. Ihre Verkleidung, die zwischen den Scheinwerfern und Blinkern stark
tailliert ist, lässt Moto Guzzis neuen, rund 270 Kilogramm schweren Reisedampfer trotz ausladender Zylinder schlank erscheinen. Die im Lenkerbereich breit gehaltene Frontpartie schützt die Hände prima. Dagegen fällt das Windschild schmal aus, es kann in der Höhe um vier Zentimeter verstellt werden, elektrisch in der Luxusvariante GTL, manuell bei der GT. Der Schutz vor Turbulenzen klappt ordentlich.
Von der Verkleidung und den Koffern abgesehen entspricht die Norge ganz
der Breva. Tank, Sitzbank, Heckpartie,
Räder, Rahmen und Fahrwerksgeometrie sind identisch. Lediglich die Abstimmung der Federelemente musste dem höheren Gewicht angepasst werden.
Prima ins Motorrad integriert, kann der Fahrer eine entspannte Sitzposition einnehmen und darf sich über die überraschende Handlichkeit des neuen Guzzi-Tourers freuen. Leichtfüßig zirkelt er durch die engen Gassen der umliegenden, malerischen Orte, schwingt behände durch die sich aneinander reihenden Wechselkurven entlang des Sees. Die buckligen Fahrbahndecken der Region schütteln ihn kaum durch. Mit reichlich Komfort gesegnet, schwebt die Norge über Flickenteppiche, filtert tiefer gesetzte Kanaldeckel und Schlaglöcher souverän weg. Die softe Fahrwerksabstimmung hat aber auch Nachteile. Beim harten Bremsen taucht die Telegabel tief ab.
Ebenfalls eher soft ist der Druckpunkt der Brembo-Bremse mit zwei Vierkolbenzangen im Vorderrad. Eine Zwei-Finger-Bremse ist sie gewiss nicht, doch bleibt
sie bei akzeptabler Handkraft stets gut
dosierbar. Und im Notfall regelt das serienmäßige ABS feinfühlig.
Zum lässigen Touren hat Guzzi den klassisch luftgekühlten V-Zweizylinder mit Doppelzündung und Einspritzung für die Norge 1200 hubraumseitig noch einmal aufgestockt. Drei Millimeter größere Kolben und 1,2 Millimeter mehr Hub sorgen für 1151 statt bislang 1064 cm3. Zudem sollen die neue Ölpumpe (Trochoiden- statt Zahnradpumpe) und ein modifizierter Ölkreislauf die thermische Belastung des Zweiventilers reduzieren. 90 PS bei moderaten 7500/min gibt Guzzi als Maximalleistung an, dazu ein Drehmoment von
100 Nm bei 5800 Touren. Damit liegt der italienische Tourer deutlich unterhalb der direkten Konkurrentin, der 110 PS starken BMW R 1200 RT.
Ungeachtet dieser Tatsache sorgt Guzzis aufgemöbelter Motor für hohen Unterhaltungswert. Ab Standgas pulsiert die Norge lebhaft, verwöhnt mit wohligen Schwingungen, untermalt von beruhigendem Wummern, massiert Leib und Seele gleichermaßen. Schnell sind die sechs
butterweich, aber nicht immer exakt zu schaltenden Gänge durchgesteppt, dann schwebt die 1200er sanft dahin. Ab 2000/ min nimmt der Zweizylinder ruckfrei Gas an, nicht ohne die Instrumente ordent-
lich durchzurütteln. Lastwechselreaktionen oder lästiges Schieberuckeln bei niedrigen Drehzahlen sind ihm fremd. Ab 4000/min erwischt eine frische Brise die Norge, trägt sie kontinuierlich bis an ihre Drehzahlgrenze bei 8000/min. Die Leistungscharakteristik wirkt linear wie die eines Elektromotors, allerdings nicht besonders bullig.
Ende Mai schon will Guzzi mit der Norge in Produktion gehen. Vier Varianten sind geplant, ABS ist immer serienmäßig. Die Basis bildet die 1200 T für 12790 Euro mit mechanisch verstellbarem Windschild. Bei der GT kommen Koffer und beheizbare Griffe hinzu. Als TL besitzt die Basisversion ein elektrisch verstellbares Windschild. Zum Schluss die Krönung: Bei der Norge 1200 GTL zählen neben all dem noch Topcase und TomTom-Navigationsgerät zur Ausstattung, mit dem man – ganz wichtig in Italien – auch telefonieren kann. Ihr Preis: 14790 Euro, Telefongebühren nicht inklusive.

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