Fahrbericht Moto Morini 1200 Sport (Archivversion) Spiel der Kontraste

Klassische Linie, ein sportliches Fahrwerk und ein dicker Motor: Moto Morini setzt mit der 1200 Sport auf einen Stilmix. MOTORRAD fuhr ein Vorserienexemplar.

Eine gewisse Aufregung lässt sich auf dem Weg zum Ortstermin bei Moto Morini im Bologneser Vorort Casalecchio nicht verhehlen. Schließlich wartet dort das bislang einzige fahrbereite Exemplar der brandneuen 1200 Sport – Vorserie, versteht sich. Nur Werksfahrer durften es bislang bewegen. Jetzt steht es MOTORRAD einen Tag lang für die erste Testfahrt zur Verfügung. Folglich bloß keinen peinlichen Auftritt hinlegen und ja nicht wegschmeißen, lautet die puls-beschleunigende Devise. Kurz darauf ist die Anspannung gewichen, denn die 1200 Sport versteht es, sich auf Anhieb Freunde zu machen. Die leicht nach vorn geneigte Sitzposition hinter dem 21-Liter-Tank passt wie ein maßgeschneiderter Handschuh und wirkt sofort vertraut. Der dicke V-Zweizylinder mit seinen 1187 cm³ blubbert so eifrig, als könnte auch er die Ausfahrt kaum erwarten. Nichts wie runter vom Werkshof und raus ins italienische Leben.

Erst mal mit gebremster Kraft, denn Italien ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Überwachte Lichtschranken und zahllose Ampeln säumen die dicht befahrene Ausfallstraße, über die erlaubten 90 km/h kommt die 1200 Sport zunächst kaum hinaus. Doch ihre weiche Gasannahme gestaltet selbst ein solches Stop-and-go-Gestotter erträglich, zumal die häufigen Ampelstarts erste Kostproben der temperamentvollen 120 PS erlauben. So mächtig wogt das Drehmoment heran, dass unversehens das Vorderrad abhebt. Also vorsichtshalber mit dem gut gestuften Getriebe früh hochschalten.

Kurzhuber grummelt im Bummeltempo gemütlich vor sich hin. Es wird Zeit, ihm auf einer der zahlreichen Kurvenstrecken im nahen Apennin ein wenig Blitz und Donner zu entlocken. Steil windet sich die Passstraße nach oben, auf den fernen Zweitausendern blitzt noch der Schnee. Aber für Naturschönheiten ist jetzt keine Zeit, die 1200er wird von der Leine gelassen. Flink wetzt sie über das schmale, stark ausgebesserte Asphaltband, folgt der vorgegebenen Linie sogar auf dieser buckligen Strecke präzise und nimmt auch Spitzkehren mit Anmut und Nonchalance. Allerdings stört die Gabel die Harmonie ein wenig, da sie Schläge oft spürbar weiterleitet. Bei einer langsamen Sightseeing-Runde auf der Passhöhe macht sich außerdem der geringe Lenkeinschlag bemerkbar, störend vor allem beim Rangieren auf dem Parkplatz.

Kurze Pause, um die 1200 Sport endlich mit Muße zu betrachten – im Werkshof hatte es vor lauter Gier aufs Fahren nur für einen flüchtigen Blick gereicht. Morini hat ein klassisch inspiriertes Motorrad auf die Räder gestellt, mit klarer Linie ohne überflüssige Schnörkel. Bei der Farbgebung ließ man sich von den Aston-Martin-Renn-wagen der späten fünfziger Jahre inspirieren und fand so auch zum Namen Sport. Die dunkelgrün-gelbe Lackierung und der weiße Rahmen machen die Maschine.

Die dicken Rahmenrohre kontrastieren mit dem elegant geschwungenen Tank, die filigranen Speichenräder mit der üppigen Bremsanlage, die mächtige Gabel mit dem schlanken Federbein, der runde Scheinwerfer mit der modernen LED-Leuchte hinten. Dazu kommen hochwertige Bauteile wie die beiden ungewöhnlich geformten Edelstahltüten, die satinierten Spiegel, Lenker und Zweiarmschwinge aus Aluminium. Der Markenname prangt erhaben und nicht etwa als schnöder Aufkleber auf dem Tank, das Zündschloss betteten die Entwickler in vibrationsarmes Weichplastik. Bei so viel Liebe zum Detail scheint der Preis von 11490 Euro angemessen, zumal ausschließlich europäische Komponenten zum Einsatz kommen. Ein kleiner Schönheitsfehler, eine horizontale Einkerbung in der Schwinge, soll in der Serienproduktion noch verschwinden.

Über eine gute ausgebaute Berg-und-Tal-Bahn führt der Weg zurück Richtung Bologna. Auf der schnellen Strecke spielt der extrem kurzhubig ausgelegte 1200er-V2 seine Power voll aus. Von der Macht, mit der er homogen aus jeder Kurve beschleunigt, kann man gar nicht genug kriegen. Auch die Brembo-Stopper dürfen hier ihr Können beweisen und packen kräftig, aber gut dosierbar zu. Das an- und abschwellende Donnern des Motors untermalt den wilden Ritt auf der einsamen Strecke. Musik in den Ohren jedes Zweizylinder-Fans.

Alles gut gegangen, keine Peinlichkeiten zu vermelden. Bei Moto Morini harrt Chef-ingenieur Franco Lambertini – ja, genau der, der schon die legendäre 3½ entwickelt hat – der Rückkehr seines Lieblings. „In der Serie montieren wir statt des Pirelli Phantom den Diablo mit weicherer Karkasse , das verbessert das Ansprechverhalten der Gabel schon mal“, verspricht er. „Wir werden das noch mal genau überprüfen.“ Die Serienproduktion beginnt in diesen Tagen; ab Ende Mai sollte die 1200 Sport beim deutschen Händler stehen.

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