Fahrbericht MZ 1000 S (Archivversion) Und sie bewegt sich doch

Auch im Motorrad-Mikrokosmos können Weltbilder durcheinander geraten. Galt bislang, dass die Premiere des MZ-Zweizylinders mindestens so häufig verschoben wie angekündigt wurde, werden nun alle Zweifler Lügen gestraft.

Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.« Man war versucht, den MZ-Oberen bei jeder weiteren Ankündigung ihres Zweizylinder-Sporttourers mit dem berühmten Zitat aus Goethes Faust zu antworten. Und nicht nur wegen der MZ 1000 S. Geplante 30000 Einheiten pro Jahr, GP-Projekt, Direkteinspritzer – aus all dem wurde bis heute nichts. Wen wundert’s, dass nun, wo die MZ fertig ist, die Skepsis noch nachschwingt? Was kann man erwarten von einem Sporttourer, der bereits im Jahr 2000 der staunenden Öffentlichkeit vorgestellt wurde und jetzt endlich fertig ist? Die andere Frage: Was darf man nicht erwarten von einem Hersteller, der zwar durch kühne Pläne glänzte, dessen entwicklungs- und produktionstechnisches Potenzial aber nach wie vor als Kampf des ostdeutschen Davids gegen die Goliaths dieser Welt beschrieben werden muss?Ihren Charme jedenfalls hat die MZ 1000 S seit ihrer Präsentation nicht eingebüßt. Im Gegenteil: Ihre Designer bewiesen mit harten, teilweise gegenläufigen Linien und den vier Augen im Charaktergesicht ein glückliches Händchen. Die 1000 S sieht auch nach drei Jahren noch gut und vor allem dynamisch aus. Das zweite Versprechen gibt sie mit dem Druck auf den Starter. Der Sound, der den zwei ovalen Schalldämpfern bei jedem Gasstoß entweicht, spricht die ganz eigene Sprache eines 1000er-Zweizylinder-Reihenmotors. Im Feld der V2-Riege ist das nicht nur Alleinstellungsmerkmal, sondern auch spannend. So Unrecht hat MZ-Chef Petr-Karel Korous nicht, wenn er proklamiert, dass jeder, der ernsthaft Motorräder bauen wolle, auch eigene Motoren herstellen müsse.Angesichts der langen Entwicklungsgeschichte wird jedoch Korous mittlerweile wissen: Diese Aufgabe ist nicht leicht. Wo andere von Erfahrungswerten profitieren, mussten die MZler – nach-dem sie den zunächst favorisierten 750er von Swissauto/Weber verworfen hatten – praktisch bei null beginnen. Nicht nur, was die mechanischen Komponenten angeht, sondern auch auf dem Gebiet der Einspritz-Software.Speziell den Kaltlaufeigenschaften und der Gasannahme der MZ 1000 S merkt man diese Schwierigkeiten an. Kurze, schnell aufeinanderfolgende Gas-stöße quittiert der Zweizylinder selbst warm gefahren mit gelegentlichem Verschlucken. Wichtiger für einen Sporttourer: der harte Lastwechselschlag, auf den besonders im unteren Dreh-zahlbereich eine kleine Verschnaufpause folgt, verdirbt einem besonders in kniffligen, unübersichtlichen Landstraßenpassagen schnell die flüssige Linie. Überhaupt der untere und mittlere Drehzahlbereich: vielfach eine Stärke der dicken Zweier, aber keine ausgewiesene Stärke der MZ. Unterhalb von 3000/min reagiert die vorgestellte Maschine auf Beschleunigungsbemühungen mit Anfällen von Schüttelfrost, darüber geht es recht verhalten vorwärts. Das ändert sich jenseits der 6000er-Marke schlagartig. Dann schiebt die 1000 S mit Nachdruck voran, bis bei 9500/min der rote Bereich zum Gangwechsel mahnt. Hat man im Sächsischen den Schub im mittleren Drehzahlbereich zugunsten hoher Spitzenleistung geopfert? Der Eindruck drängt sich auf angesichts der von MZ versprochenen 114 PS bei 9000/min, mit denen die 1000 S bei den Sporttourern ganz vorne dabei wäre. Dass eine solche Charakteristik in Kombination mit der harten und unpräzisen Gasannahme gerade auf der Landstraße problematisch ist, wissen die Mannen um Entwicklungschef Jürgen Meusel. Am Mapping will man weiter arbeiten.Auch was die Laufkultur angeht, besteht noch Handlungsbedarf. Der Twin gibt trotz einer Ausgleichswelle über den gesamten Drehzahlbereich deutliche Tätigkeitsnachweise in den doppelrohrigen Chrom-Molybdän-Brückenrahmen weiter, von dort landen diese in Fußrasten und Lenkerenden. Das stört auf der Landstraße weniger. Auf längeren Autobahnetappen hingegen schon.Es ist also nicht alles Silber, was bei der MZ 1000 S glänzt. Aber das war angesichts der Rahmenbedingungen wohl auch nicht zu erwarten. Apropos Rahmen. In dieser Hinsicht fällt es der MZ leichter zu überzeugen. Wunderbar handlich segelt die 1000er von eine Schräglage in die nächste, die Federelemente – vorn Marzocchi-Upside-down-Gabel, hinten Sachs-Federbein – sind mannigfaltig einstellbar, liegen von der Grundabstimmung her eher auf der komfortablen Seite. Das passt gut zur vorderradorientierten, aber doch sehr kommoden Sitzposition, zum ordent-lichen Windschutz, zu den defensiv ausgelegten Bremsen – aber eben nicht zu der sportiven Motorcharakteristik. Wer es gemütlicher angehen lässt, ist mit dem Fahrwerk gut bedient, wird mit dem Zweizylinder aber nicht glück-lich werden. Wer sportliche Ambitionen hegt und häufig das gut schaltbare Sechsganggetriebe bemüht, vermisst die exakte Gasannahme, aggressivere und standfestere Bremsen, eine straffere Abstimmung und vielleicht einen Lenkungsdämpfer.So gesehen wartet auf die Sachsen noch eine Menge Arbeit, die aber speziell im Fahrwerkssektor kein Hexenwerk bedeutet. Beim Antrieb wird die Sache schwieriger. Doch allein die Tatsache, das dieses Motorrad jetzt auf die Straße kommt, sollte den MZlern genug Ansporn sein. Weil nun auch der Rest der Welt wieder an die MZ 1000 S glauben kann.

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