Fahrbericht Pierobon-Ducati F042 hstreet (Archivversion) Elementar-Feilchen

Unglaublich zierlich, extrem leicht, aber mit blitzschnellen Reflexen – die Pierobon-Ducati F042 feilt, nur auf das Notwendige reduziert, messerscharf an der Ideallinie entlang. Sogar mit TÜV.

Der Traum ist nicht ganz neu. Man könnte meinen, so alt wie das Motorrad selbst. Geträumt wird er auch heute noch fleißig. Ganz speziell von Ducatisti, und zwar immer dann, wenn irgendwo auf dieser Welt der formidable luftgekühlte Ducati-V2 in einer Hypermotard, Monster S2, Multistrada oder Sportclassic – und damit ja praktisch in jeder erdenklichen Daseinsform zwischen zwei Rädern – sein Bestes geben darf. Und das für gewöhnlich auch tut. Nur in einer eben nicht.

Der Traum geht so: Einmal dieses verkühlrippte Abbild von einem Motor, diesen kraftstrotzenden, zweiventiligen, puren V2 in einem Umfeld genießen, das optimal zu ihm passt. Wie das aussieht? Ganz klar, ein richtig knackiges Sportfahrwerk muss es sein. Federleicht, ganz direkt, ohne alles Plastikgedöns. Es wird wohl für alle Zeiten offen bleiben, warum uns Ducati diesen Traum vorenthält. Wäre doch alles so einfach. Noch schlimmer: Ist es tatsächlich. Den Beweis liefert jetzt eine italienisch-schwäbische Koproduktion. Pierobon F042 heißt der Name des Traums, Massimo Pierobon und Helmut Städele versuchten sich als Traumdeuter. Der eine, Pierobon, schweißt ausgerechnet in Bologna und damit praktisch vor den Ducati-Werkstoren seit Jahr und Tag feinstes Rahmenwerk vorzugsweise für Ducati-Renner. Der andere, Städele, ist Perfektionist mit Sinn für feines und funktionelles Zweizylinder-Zubehör von BMW bis Buell, das er unter die Leute bringt (www.fat-cat.eu). Der eine (Pierobon) wollte nicht mehr nur Rahmen schweißen und stellte mit der F042 sein erstes eigenes Motorrad auf die Räder. Der andere (Städele) schleuste dieses Puristenbike für die Rennstrecke erfolgreich durch die Tücken der bundesdeutschen Abnahme-Landschaft.

Und da steht sie nun, die Pierobon-Ducati F042, und verkörpert mit allem, was sie nicht hat, ihr Motto: Reduce to the max. Das gilt ebenso für alles, was sie hat, von der Miniverkleidung über die wenigen Anbauteile bis hin zum aus dem Vollen gefrästen, aber nicht abschließbaren Tankdeckel. Was es bedeutet, wenn Minimales maximiert wird, spürt man schon bei der ersten Kontaktaufnahme. Zum einen: Vollgetankt 177 Kilogramm fühlen sich noch einmal bedeutend leichter an als 190 oder gar 200. Zumal dann, wenn ein schmaler, handgemachter 13-Liter-Tank aus Aluminium die Knieinnenseite streichelt und nicht das übliche 17-Liter-Fass. Zum anderen: Schon beim ersten Probesitzen macht die F042 klar, dass Verzicht auch schmerzhafte Seiten haben kann. Eine Sitzbank, die ihr polsterndes Wesen auf den schmalen Bereich zwischen den beiden Pobacken beschränkt, verdient nicht nur ihren Namen nicht, sondern geht zumindest männlichen Piloten innerhalb kürzester Zeit auf den Sack.

Doch der Schmerz ist schnell vergessen, wenn die F042 sich ihrer Hauptaufgabe widmet, nämlich dem Transport zahlreicher ungefilterter Emotionen in die Gefühlszentren einiger weniger gutbetuchter Idealisten. Das Wort „handlich“ allein trifft es nicht. Handlich können auch große, schwere Motorräder sein. Nein, die Art und Weise, wie die Pierobon-Ducati unter ihrem Fahrer zum Präzisionsinstrument wird, wie der mit Airbox und Auspuff aus der Hypermotard transplantierte 1100er seine Drehmomentspielchen mit dem zierlichen Motorrad treibt, wie der Fahrer immer wieder mit kindlichem Staunen die jederzeit spürbaren Grundbegriffe der Fahrdynamik registriert – das hat zweifellos etwas Elementares, Ursprüngliches. Ist die F042 also der Gegenentwurf zu überbordendem Leistungsstreben, zu elektronischen Fahrhilfen und entkoppelten Fahrern? In gewisser Weise schon, denn hautnaher – und manchmal auch schmerzhafter – kann man die Straße unter einem kaum erleben. Dennoch ist natürlich Hightech an Bord.

Als Bremsen kommen nur Brembos Beste – also radial verschraubte Vierkolbensättel mit Einzelbelägen – in Frage, federn tut selbstverständlich feinste Öhlins-Ware. Und wer will, kann selbst-redend auch eine F042 noch weiter verfeinern (zum Beispiel mit einer Anti-Hopping-Kupplung), ohne den Purismusgedanken zu verraten oder gar in der zweirädrigen Völlerei zu landen. Apropos Völlerei: 28080 Euro sind echtes Geldadel-Revier, zumal, wenn es um einen 90 PS starken Zweizylinder geht. So viel kostet die hier vorgestellte Edel-Duc tutto kompletto inklusive Mehrwertsteuer. Ein echter Batzen Geld. Wesentlich interessanter dürfte daher für alle, die zu-fällig einen 1000er- oder 1100er-Zweiventil-V2 im Regal stehen haben, der 6,36 Kilogramm schwere Rahmen aus der hochfesten Alulegierung EN AW-7020 (Fachleute wissen, was gemeint ist) pur sein. 2985 Euro plus Mehrwertsteuer sind dann fällig, rund 8,5 Kilo spart man gegenüber der Serie ein. Dann noch Schwinge (1421 Euro), Heck- (464 Euro) und Frontrahmen (216 Euro) – und schon ist man dem Traum vom einfachen, ursprünglichen Fahren ein bedeutendes Stück näher gekommen.

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