Fahrbericht Polaris Scrambler 500 (Archivversion) Vier gewinnt

Klingt im ersten Moment verdächtig nach Kühlschrank. Aber unter Kennern steht der Name Polaris für etwas ganz anderes: hochbeinige, allradgetriebene und daher äußerst geländegänige All Terain Vehicles, kurz ATVs.

Ob jemand Probleme mit dem Lesen eines Roadbooks habe, will der nette junge Mann wissen, der in seinem Abenteueroutfit wirkt, als käme er justament zurück von der Dakar-Rallye. Niemand reagiert, alle Anwesenden hängen den erfahrenen Offroad-Profi raus, und auch der Autor dieser Zeilen beugt sich dem Erwartungsdruck. Bloß keine Blöße geben. Natürlich noch nie gesehen, so eine Wegbeschreibung für Rallye-Spezialisten, geschweige denn mit einem ATV gefahren. Und den Namen Polaris können auch nur wenige richtig zuordnen (siehe Kasten Seite 50). Aber es wird schon irgendwie klappen, bei der Polaris-Präsentation in den französischen Vogesen.Überhaupt: Der Ausrichter dieses außergewöhnlichen Ereignisses wußte doch, daß viele der Kollegen zum ersten Mal auf so einem ATV hocken, auf so einem All Terrain Vehicle, und da kann er doch nicht.... Denkste, schon nach wenigen Metern im Gelände wird erstens klar, daß die Challenge Agentur (Telefon 06150/990150), Inhaber Uwe Schanz bietet geführte ATV-Wochenendtouren an, ihrem Namen alle Ehre machen will, und - daß sich zweitens nicht jeder der Teilnehmer mit einem Roadbook auskennt.Macht nix, alle Wege führen nach Rom. Oder zurück auf die vorgesehene Route. Die freilich kann niemals als fröhliche Kaffeefahrt gedacht sein, sondern dazu, sich mit allen, wirklich allen Besonderheiten des ATV-Fahrens anzufreunden. Zunächst so eine Sache, für einen Motorradfahrer: Gasgeben mit dem rechten Daumen statt mit der ganzen Hand. Gut, daran gewöhnt man sich schnell. Aber die Bremse betätigt nicht die rechte, sondern die linke Hand. Genau, die, mit der man sonst die Kupplung zieht. Selbige braucht’s beim Polaris-ATV wiederum nicht, weil eine stufenlose, riemengetriebe Automatik die Kraft auf die Antriebsräder überträgt. Der eigentliche Clou dieser Variomatik: Fliehkraftgesteuert hält sie die Übersetzung immer im drehmomentstarken Drehzahlbereich des Motors. Nein, der Motoren, denn sowohl der Sportsman 400 L mit seinem bulligen Zweitakter als auch das Wettbewerbsmodell Scrambler 500 mit 35 PS starkem Einzylinder-Viertakter stehen zum Gipfelsturm bereit.Ach ja, der Gipfelsturm. Und wie funktioniert der, ATV-technisch? Zum Glück gibt’s diese Variomatik. Überhaupt nicht unsportlich. Einfach den Schaltknüppel nach vorne, Gashebel drücken und schon schiebt der Scrambler voran. Vehement, und keinesfalls so träge, wie es knapp 250 Kilogramm Leergewicht vermuten lassen. Zudem schluckt sein Fahrwerk fast alles, was einem im Gelände so in die Quere kommen kann: Einzelradaufhängung mit Doppelquerlenkern vorn, Starrachse und satte 216 Millimeter Federweg vorn wie hinten, kein Wunder also, daß ein seriennaher Scrambler fast das Ziel der diesjährigen Dakar-Rallye erreicht hätte. Aber jetzt. Es kommt hart auf hart, erst ein Schlammloch, dann der Gipfel. Abermals muß der Daumen ran – diesmal als Retter in der Not. Ein Druck auf den kleinen Knopf mit der Aufschrift 4WD genügt, um den Allradantrieb elektronisch zu aktivieren. Weitere Polaris-Besonderheit: Der Allrad läßt sich nicht nur im Stand, sondern auch während des Fahrens zuschalten. Uff, was für eine segensreiche Erfindung. Zu 100 Prozent sperren die angetriebenen Achsen aller Polaris-Modelle. Bei Allradbetrieb beträgt die Zugkraftverteilung zwischen Vorder- und Hinterachse immer 50 zu 50.Fortan nur noch mit allen Vieren. Einfach überwältigend. Gerade dann, wenn ein Geländeneuling auf der straff gepolsterten Sitzbank hockt. Gibt’s hier einen Geländeneuling? Also gut, Steilauffahrten, die selbst Profis zuerst ein mulmiges Ziehen in der Magengegend bereiten, und die auf einer Enduro nur Könner gefahrlos bewältigen, klettert dieser Scrambler problemlos hoch. Einfach so. Umfallen gibt’s nicht und übertriebene Hektik wäre fehl am Platze. Wenn’s mal heikel wird, kurz abstoppen, nach dem rechten Weg fahnden und dann wieder anfahren. Keine Angst, der Scrambler schlägt dabei keine Rolle rückwärts, weil seine Vorderräder sich förmlich in den losen Untergrund saugen und ihn auf Kurs halten.Abwärts wird die Sache schon schwieriger. Erstens wegen der sehr direkten Lenkung. Und zweitens wirkt ein ATV dann immer etwas unstabil, wohl wegen der dicken Stollenreifen, die mit ihren gerade mal 0,3 bar Luftdruck munter vor sich hin wabbeln. Einfacher gehen da schon flotte Drifts von der Hand – nach kurzer Übungsphase versteht sich: In engen Kehren einfach den Allrad herausnehmen und dann das ATV mittels Fußbremse - sie wirkt auf eine kleine Bremsscheibe am Getriebeausgang - anstellen.Weniger einfach: Das schnelle Abbremsen der gesamten Fuhre, denn verglichen mit einer modernen Enduro fällt die Bremsleistung eines ATV ziemlich bescheiden aus. Zudem verlangt die Bremsanlage auch beim Wettbewerbsmodell Scrambler nach einer kräftigen Hand. Aber hat hier jemand etwa keine kräftigen Hände? Spaß beiseite: Das spielerisch leichte Handling eines ATV sollte nicht zum kopflosen Rasen verleiten. Denn sonst endet der neu entdeckte Vierrad-Spaß garantiert schon vor der letzten Roadbook-Seite.

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