Fahrbericht Road Star 535 (Archivversion) Die Dose lebt

So, Werner, genug der einleitenden Worte. Nun wollen wir doch mal sehen, was in der Dose steckt.

Wie der Werner zum ersten Mal mit seiner umfunktionierten Dose angerollt kam, das war schon was. Er sah aus, der Bub - voll die Kellerassel: viel Arbeit, wenig Schlaf, kaum Sonnenlicht. Aber ein Grinsen auf dem Gesicht - ein Grinsen, wie man es sonst nur bei Honigkuchenpferden sieht, oder eben bei Leuten, die mit sich und ihrer Dose zufrieden sind. Kein Zweifel: Er hatte es geschafft.Daß nun ausgerechnet mir die Ehre zuteil wurde, diesen Fahrbericht zu schreiben, hat verschiedene Gründe: Einmal wollte Kollege Koch an selbiger Stelle keinesfalls in Erscheinung treten, wegen Befangenheit und so. Wär´ ja auch zu peinlich, wenn hier stünde: »Werners Road Star ist ein ganz toller Ofen«, gezeichnet - Werner Koch. Ne, ne, so etwas gehört sich nicht. Das Projekt Fünf-Drei-Fünf sollte rücksichtslos behandelt werden, und da fiel automatisch mein Name - Garant für vernichtende Kritiken. Außerdem bin ich ein sogenannter Fall. Länge über alles: 158 Zentimeter. Absolut zielgruppengerecht. Schließlich soll dieses Recyclingbike gerade kleineren Leuten auf den Leib geschneidert sein. Also dann: Schau´n wir mal, was unser Werner da zusammengebastelt hat.Vergessen Sie die XV 535, vergessen Sie den Chopper, und vergessen Sie vor allem den American way of drive. Die Road Star ist anders. Ganz anders. Lichtjahre von der Virago entfernt. Im Sattel der Reinkarnation kommen touristische Gedanken auf, zuweilen auch sportliche. Sind Sitzbank und Lenker auf Hochbetrieb programmiert, können gar Erinnerungen an eine Enduro erwachen. Hier hat der Koch ein ureigenes Süppchen gebraut, und wäre es nicht verbürgt - kein Mensch würde glauben, daß es aus der Dose kommt.Die frohe Botschaft für alle Bonsais: Es reicht. Mini, wie Werner aus erfindlichen Gründen genannt wird, hat sein Versprechen gehalten. Da ist tatsächlich Boden unter den Füßen. Beidseitig. Steht die Sitzbank auf niedrigstem Niveau, müssen die Beine nicht mal voll ausgefahren werden, um die Sohlen platt auf den Asphalt zu bekommen. Man könnte glatt Wurzeln schlagen. Ein gutes Gefühl. Wer nie im Bodenlosen nach Grund gefischt hat, kann sich nicht vorstellen, wie gut. Rangieren, nicht etwa per Hand- und Hüftarbeit, sondern AUF dem Motorrad SITZEND, vorwärts, rückwärts. Wunderbar.Schon klar, da lachen sich die Hünen schlapp. Aber lacht nur, ansonsten gibt«s für euch hier eh nichts mehr zu lachen. Warum? Ganz einfach: Wer über 1,90 Meter mißt, ist für die Road Star zu groß geraten. Ziemlich schade, was? So. Jetzt grämt Euch schön, während sich unsereins weiter vergnügt. Mit dem hopfenleichten Handling zum Beispiel.Ich stieg direkt von einem Phlegma-Tourer auf Minis Eigenbau um und hätte das gute Stück an der ersten Ecke fast weggeworfen. Auf dermaßen viel Elan war ich nicht gefaßt: Die Road Star reagiert spontan wie ein Klappverschluß. Richtungsänderungen und Schräglagenwechsel erledigen sich quasi im Handumdrehen. Halt - keine Sorge, hyperaktive Überreaktionen sind nicht zu befürchten. Eher das ein oder andere Strafmandat, denn zuweilen glüht man durch die Gegend, als ob einem der Kittel brennt.Um sicher zu gehen, daß die RS 535 bei solchen Veranstaltungen Haltung bewahrt, verpaßte ihr unser Sportsfreund Koch ein paar straff gedämpfte Federelemente, die das nötige Quantum Stabilität liefern. Egal bei welchem Tempo, ob enge Kehren, weite Kurven oder auf der Geraden: Die Maschine gerät nicht aus der Fassung, nimmt Bodenwellen her, daß es die reinste Freude ist, und bleibt dabei stets auf Kurs. Um den Komfort ist«s allerdings nicht 100prozentig bestellt. Mit kurzen, harten Stößen, die von Brückenabsätzen, Kanaldeckeln und dumm aus dem Asphalt glotzenden Frostbeulen rühren, kann die Gabel zwar noch recht gut, die hinteren Federbeine jedoch weigern sich, solchen Müll zu schlucken.Wie konnte das passieren, Mini, gerade Dir, wo Du doch selbst jahrelang als Stoßdämpfer tätig warst und wissen müßtest, wie«s geht? Was sagst Du da - ein Zugeständnis an den Zweipersonenbetrieb? Oh ja, hätte ich fast vergessen. Also, liebe Leserinnen und Leser: Auf der Road Star sitzt man nicht nur in der ersten Reihe recht kommod, auch hinten gibt«s ein nettes Plätzchen. »Und wenn da jemand hockt«, hat der Mini gesagt, »soll die Karre immer noch funktionieren und nicht daherkommen wie ein vollgesoffener Strumpf.« Das tut sie nicht. Beileibe. Auch mit zwei Leuten an Bord donnert die Silberbüchse ohne zurückzuschlagen über Schlaglöcher und andere Nichtswürdigkeiten der Teerwelt hinweg. Um das Kapitel Fahrwerk abschließen zu können: Die Bremsen sind okay. Anständiger Durchschnitt. Weder zu giftig noch zu lasch. Und falls Sie bis hierher irgendwelche Äußerungen bezüglich des Kardans vermißt haben: Seien Sie ganz beruhigt, Sie haben nichts verpaßt. Denn vom Antrieb bekommt man überhaupt nichts mit. Er verrichtet seine Dienste so unaufdringlich wie ein durch und durch britischer Butler. Aber das kennt man ja von der XV 535 her. Und am Kardan hat der Mini nichts verändert.Gleiches gilt für den Motor. Abgesehen von der Bedüsung, die wegen der beiden Katalysatoren modifiziert werden mußte, blieb hier alles beim bewährten alten. Das heißt: Der V-Zweizylinder springt tadellos an, schnurrt tadellos hoch und zieht einigermaßen durch. Unspektakulär - aber nicht unsympathisch. Er ist ein ganz braver, dieser 43 PS starke, luftgekühlte Twin. Läßt alles mit sich machen, sogar Anfahren im fünften Gang. Was passieren kann, weil der ununterbrochen als Übersetzer engagiert wird, auch in städtischen Gefilden.Wie subjektiv jedoch selbst solche Triebwerksangelegenheiten sind, wurde mir in erschreckender Weise bewußt, als Werner die L&W-Auspuffanlage entkorkte, nachdem er mit diversen Schalldämpfer-Einsätzen herumexperimentiert und kein befriedigendes Klangerlebnis gehabt hatte. Plötzlich ballerte die Road Star drauf los, als sei sie King Harley persönlich. Nein, nicht brüllend laut, sondern stilvoll, tragend. Sehr, sehr schön. Und später, auf der Straße, hatte ich das Gefühl, mit einem schneidvollen, großvolumigen V-Zwo unterwegs zu sein. So läßt man sich täuschen. Eine Schallpegel-Messung steht allerdings noch aus.Erlauben Sie, daß ich zum Schluß noch ein paar persönliche Worte an meinen Freund und Kollegen Werner Koch richte: Lieber Mini, Du weißt ja, ich sage so etwas nicht gern, aber diesmal bleibt mir nichts anderes übrig. Also, Deine Road Star ist wirklich ein ziemlich toller Ofen. Ein astreiner Lustbringer. Technisch wie optisch. Die Leute drehen sich tatsächlich danach um, und fünfmal hätte ich das Teil vom Fleck weg verkaufen können. Trotz der altdeutschen Kniekissen, deren Vorhandensein - wenn Du mich fragst - nicht zwingend notwendig wäre. Doch das ist Dein Ding.Nur das Cockpit, Werner, ich weiß nicht. Ein bißchen lieblos, oder? Und so ein Schaltblitz - mag ja sein, daß der im Rennsport seine Berechtigung hat, wo«s auf die optimale Schaltdrehzahl ankommt. Aber auf der Straße? Ich bin mir da echt nicht sicher. Klar, witzig ist das Ding, vor allem bei Dunkelheit, wenn man damit Polizei spielen kann. Allerdings jagt man sich zuweilen auch selbst einen gehörigen Schrecken ein: stockfinstere Nacht, freie Autobahn, nix wie heim. Nase hinterm Windschild vergraben, ganz dicht am Cockpit und ... blitz - voll ins linke Auge. Da trifft dich der Schlag. So ein stinknormaler Drehzahlmesser ist doch nichts Verwerfliches. Überleg´s Dir noch mal.Was mich jetzt noch interessieren würde: Könntest Du Dir eigentlich vorstellen, Dein Silberdöslein in Silberlinge umzumünzen? Ich wüßte da jemanden.

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