Fahrbericht Suzuki B-King (Archivversion) Die Dunkle Seite der Macht

Sie kann lammfromm sein, handzahm, Suzukis neues, 184 PS starkes Power-Bike B-King. Aber wehe, man zieht mal etwas heftiger am Kabel...

Respekt – darum ging es wohl in erster Linie, als Suzuki 2001 ein wahres Über-Naked-Bike in Szene setze. Die B-King, ein Macho-Bike im Pitbull-Dress, das alle aktuellen Big Bikes zu Schoßhündchen degradierte. Eine Studie, die damals einschlug wie ein Hammer. Augenblicklich schossen Spekulationen ins Kraut, dass Suzuki das spektakuläre Teil in Serie gehen lasse. Aber es tat sich nichts. Denn Suzuki hatte zunächst gar nicht daran gedacht, den Terminator auf Rädern jemals zu produzieren. Erst die gewaltige Resonanz brachte die Firmenbosse ins Grübeln. Ende 2005 stellte Suzuki die GSR 600 vor, eine Art Bonsai-B-King, in der sich immerhin Designmerkmale der Konzeptstudie wiederfanden.
Nun, sechs Jahre nach ihrer Präsen-tation, ist sie da, die wahre B-King, die große, die mächtige. Optisch nicht minder radikal, nicht weniger eindrucksvoll als die Studie. Ein wahrhaft brachiales Bike, das mit seinen aufgesetzten Tankflügeln die Muskeln wie Schwarzenegger spielen lässt. Und mit den zwei riesigen, dreieckigen Auspufftrichtern reichlich Diskussionsstoff bietet.
Technisch bleibt die Serienmaschine ebenfalls recht nah an der Studie. Den Antrieb bildet nach wie vor der Hayabusa-Motor, jetzt allerdings der 1340er der neuesten Generation. Sicher, der Kompressor des Konzept-Bikes fehlt; aber bei eindrucksvollen 184 PS wird garantiert kein Mensch auch nur irgendein Pferdchen vermissen. Und dass der elektronische, interaktive Online-Firlefanz der Studie fehlt, ist eher ein Vorteil denn ein Manko.
Respekt – davon sind auch die ersten Meter mit dem Powergerät geprägt. 184 PS in einem unverkleideten Motorrad, das muss man zunächst einmal verkraften, mental wie real. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Also die nicht besonders leichtgängige Kupplung ziehen, Gang rein, und ab geht die Luzie. Sanft schnurrt der Vierzylinder los, kraftvoll, doch keineswegs beängstigend. Schon bei 2000 Umdrehungen ist jede Menge Druck da, läuft der Motor sauber rund. Und zieht so bärig an, dass man spätestens bei 5000 Um-drehungen den nächsten Gang einlegt. Eine sehr lässige, souveräne Art der Fortbewegung. Und dabei völlig easy.
Warum also Respekt? Das merkt ganz schnell, wer beim Spurt einen Gang mal etwas länger stehen lässt, das Gas ein wenig weiter aufzieht. Dann ist Feuer unterm Dach! Das Vorderrad bleibt im Ersten nie und nimmer am Boden, strebt auch im Zweiten gen Himmel. Ab 5000 Umdrehungen ist Qualm ohne Ende vorhanden, trotz Ausgleichswelle von spürbaren Vibrationen begleitet. Leistung im Überfluss, die Verantwortung und Erfahrung im Umgang mit dem Gasgriff erfordert. Zumal die B-King im Gegensatz etwa zur Kawasaki ZZR 1400 nicht leistungs- oder dreh-momentbeschränkt ist, sondern ihre Power in jedem Gang frei entfalten darf. Allein die Höchstgeschwindigkeit wird bei 250 km/h abgeriegelt – damit der Sitz nicht zum Schleudersitz wird.
Der hintere 200er-Dunlop – gottlob hat die Serie nicht den 240er der Studie geerbt – hat mit diesem Schub so seine liebe Mühe. Dass er aus der Kurve heraus munter schwarze Striche auf den Asphalt malt, wird den ein oder anderen erfreuen. Es deutet aber auch an, dass der Grat ein schmaler ist, dass besonders bei un-kalkulierbaren Bodenverhältnissen ein gefühlvolles Händchen angebracht ist. Eine Traktionskontrolle wäre sicher ein sinnvolles Feature.
Auch beim Bremsen stehen keine elektronische Helferlein zur Verfügung. Vorerst, im Frühjahr 2008 kommt die B-King mit ABS. Wer sich zügeln kann und etwas Körperbeherrschung mitbringt, kann die B-King jedoch zügig laufen lassen. Sicher benimmt sie sich nicht so leichtfüßig wie ein Supersportler, keinesfalls schwerfälliger indes als andere Big Bikes dieser Hubraumkategorie. Im Gegenteil, manche 1300er erscheint dagegen unhandlich.
Zwar spürt man bei langsamem Tempo das Gewicht von rund 250 Kilogramm noch, wirkt die Suzi ein wenig träge um die Lenkachse. Hat sie aber erst einmal etwas Tempo aufgenommen, lässt sie sich ohne großen Körpereinsatz um enge Kurven zirkeln. Obwohl die Dunlop Qualifier keine glasklare Transparenz geben, harmonieren sie im Gegensatz zu einigen anderen Maschinen recht ordentlich mit der B-King. In Schräglage bleibt diese stabil auf Kurs, wirkt weder kippelig, noch läuft sie jeder Bodenwelle nach.
Nach den ersten Eindrücken also ein begeisterndes Motorrad, das sich einerseits lammfromm geben kann, andererseits jederzeit zum Wolf werden kann. Auf jeden Fall eines, das in seiner Kategorie den Horizont neu nivelliert – Respekt.

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