Fahrbericht Suzuki GSX-R 600 (Archivversion) Das Comeback

Mit der komplett neu konstruierten GSX-R 600 sucht Suzuki nicht nur den Anschluss an die Konkurrenz, sondern wechselt gleich auf die Überholspur. Ob sich die Blaue auch vorbeipressen kann?

Viel zu melden hatte die kleinste Gixxer im Suzuki-Programm die letzten Jahre nicht. Im beinharten Wettkampf der 600er-Klasse um das letzte PS und jede Zehntelsekunde stand die GSX-R 600 im Schatten der Platzhirsche. Damit ist jetzt Schluss – behaupten jedenfalls die Suzuki-Ingenieure. Im Stil der überzeugenden GSX-R 1000 aufgebaut, blieb kein Schräubchen vom 2005er-Modell übrig. Das einzige Problem der neuen GSX-R 600: Während die fetzige Yamaha R6 schon im Schaufenster steht, liegen bei den Suzuki-Händlern nur die Prospekte in der Auslage, da die Auslieferung der neuen Waffe erst für Mitte Februar geplant ist. Für MOTORRAD Grund genug, dem neugierigen Sportverein lange vor der offiziellen Präsentation über die ersten Fahr-
eindrücke und Messwerte zu berichten. Und weil Deutschland im eisigen Winter erstarrt, kutschieren wir die Suzuki gerne an die sonnige Ardeche in Südfrankreich.
Hurtig ins Rennleder geschlüpft und aufgesattelt. Die agile, trotzdem entspannte Sitzposition hat nichts mehr gemein mit der oft kritisierten, verkrampften Ergonomie der alten GSX-R 600, die ihren Piloten unnötig zusammengefaltet hat. Jetzt ist das anders: kurzer Tank, knackiges Sitzpolster, angenehmer Kniewinkel, der sich durch Absenken der einstellbaren Fußrasten – ein Novum bei japanischen Supersportlern – noch lockerer gestalten lässt. Starten ohne nerviges Hochdrehen, erster Gang, weich und geräuschfrei eingeklinkt, und ein spritzig am Gas hängender Motor mit lochfreiem Durchzug bei niedersten Drehzahlen – das ist schon mal einen
ersten Applaus wert.
Im kalten Zustand sowie auf rauem, welligem Straßenbelag noch etwas kippelig, findet die Suzuki mit Reifen und Lenkungsdämpfer auf Betriebstemperatur mühelos ihre Linie und bügelt in bekannt
souveräner Manier durch die Schlucht der Ardeche. Mit dem Unterschied, dass sich der ehemals 108 PS schwache GSX-R 600-Motor jetzt zum Kraftmeier gemausert hat. Ab 5000/min zieht er an, bei 7000/min geht ein Ruck durchs Gestühl, und ab 11000/min feuert die kleine Gixxer auf
einer gleichmäßigen Drehmomentwelle los, die laut Drehzahlmesser bei 16200/min im elektronischen Begrenzer ihr Ende findet. Im Gegensatz zur aktuellen R6 genügen bei der gemessen 116 PS starken Suzuki fürs flotte Landstraßenräubern tatsächlich vierstellige Drehzahlen.
Und wie steht’s mit dem Sound? Klasse, weil der Under-Engine-Auspuff kernig, aber nie blechern klingt und die Airbox beim Gasaufziehen kehlig schnorchelnd Laut gibt, dabei jedoch nicht das schrille Plärren der 2006er-R6 kopiert.
Wer’s richtig brennen lässt, der kann
es mit der nominell 125 PS starken 600er auch bei herb zerpflügtem Asphalt voll
stehen lassen, da die fein ansprechende 41er-Upside-down-Gabel im Verbund mit dem bei Suzuki obligatorischen Lenkungsdämpfer nicht einmal im Ansatz zuckt
oder zappelt. Wie in Granit gemeißelt, hält das neue GSX-R-Fahrwerk die Spur, findet wie von selbst den Einlenkpunkt und hat mit dem verzwickten Kurvenlabyrinth der Ardeche keine Mühe. Im Vergleich zu den ruppig harten Lastwechselschlägen einer Honda CBR 600 RR reagiert die Suzuki beim Gasaufziehen mit einem ordentlichen, in höheren Drehzahlen geradezu flauschig weichen Leistungseinsatz. Was speziell bei Kehrtwenden in Haarnadel-
kurven den geplanten Radius nicht in ein Sechseck verwandelt.
Lediglich bei hart angerissenen Schräglagenwechseln folgt die GSX-R nur mit leichter Verzögerung dem Lenkbefehl und lässt die hundertprozentige Rückmeldung vermissen. Was jedoch weniger dem Chassis der Suzuki, als vielmehr den auf Komfort und maximale Fahrstabilität ausgelegten Bridgestone BT 014-Reifen zuzuschreiben ist. Dafür reagieren die japanischen Pneus beim Bremsen in Schräglage äußerst gelassen, bringen die Suzuki kaum vom Kurs ab.
Gutes gibt es auch von der jetzt mit 310er-Scheiben ausgerüsteten Bremsan-
lage zu berichten, die in kaltem Zustand verlässlich ohne allzu aggressiven Biss
zupackt und bei Betriebstemperatur überzeugend mit linearer Bremskraft den Stachel in den Asphalt rammt. Die Gabel geht dabei selbst in komfortabler Landstraßen-
abstimmung nicht auf Block, während
achtern die neue Anti-Hopping-Kupplung Bremsstempeln weitgehendst unterdrückt. Das hält sogar Spätbremser in der Spur und erlaubt Driftkünstlern, mit feinen schwarzen Streifen ihren Einlenkradius in den Asphalt zu brennen. Allerdings musste die Zugstufendämpfung der Gabel bereits bei den Landstraßen-Testfahrten bis auf eine Umdrehung geschlossen werden, um genügend Stabilität zu erreichen, während die serienmäßige Einstellung am Federbein unverändert blieb – passt schon.
Und der Rest? Passt auch. Verarbeitung und Ausstattung der neuen GSX-R 600 fallen tadellos aus und Kleinigkeiten wie die »radial« angeschraubten Soziusrasten oder die in die Spiegel integrierten
Blinker beweisen die
Liebe zum Detail. Das
Warten kann sich also lohnen.

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